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Umgang mit Krebspatienten

Das Recht auf Angst

Von Marie Lisa Kehler
 - 21:21
Nicht nur die Hoffnung thematisieren: Onkologin Elke Jäger vom Nordwest-Krankenhaus in Frankfurt Bild: Wolfgang Eilmes, F.A.Z.

Manchmal möchte Elke Jäger ihre Patienten bremsen. Sie will sie zügeln in ihrem Tatendrang, mitunter sogar in ihrem Optimismus. Die 56 Jahre alte Chefärztin der Klinik für Onkologie am Frankfurter Krankenhaus Nordwest hat in den vergangenen Jahren eine Beobachtung gemacht, die sie nachdenklich stimmt: Der moderne Krebspatient hat keine Zeit mehr für Existenzängste. Stattdessen legt er ein fast zwanghaft positives Denken und ein schier grenzenloses Vertrauen in die moderne Medizin an den Tag. Die Möglichkeit, eine Krebsbehandlung könne nicht anschlagen, scheinen die meisten kategorisch auszuklammern.

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Auf Grund ihrer Beobachtung hat Jäger in Kooperation mit Kurt Schmidt, dem Leiter des Zentrums für Ethik in der Medizin am Markus-Krankenhaus, eine elfteilige Veranstaltungsreihe unter dem Motto „Um Leben und Tod, Hoffnung und Mut“ initiiert. Sie beginnt am nächsten Montag um 17 Uhr in der Evangelischen Akademie mit einem Vortrag von Hans-Joachim Glücklich zum Thema „Mut zum Leben – Mut zum Sterben: Beispiele aus der Antike“ (Anmeldungen unter der Internetadresse www.evangelische-akademie.de/veranstaltungen/kalender/). Ziel der Reihe ist es nach Jägers Worten, Ärzte, Patienten und Pflegepersonal zu einer Diskussion zu ermutigen, die die Behandlungskultur langfristig beeinflussen soll.

„Jetzt machen Sie mir bitte etwas Mut“

Im Grunde, sagt die Onkologin, habe sie ein einziger Satz darauf gebracht, die veränderte Haltung von Krebspatienten öffentlich zu thematisieren. Es war der Satz eines Patienten, der vor ihr saß und forderte: „Frau Doktor, und jetzt machen Sie mir bitte etwas Mut.“ Der Mann war mit der Krebsdiagnose überfordert. Aber das war auch seine Ärztin, und zwar von seiner Anspruchshaltung. Da saß der Patient in ihrem Büro, vor sich einen dicken Aktenordner, gefüllt mit Daten und medizinischen Fachbegriffen zu seinem Tumor. Daneben verschiedene Behandlungsempfehlungen, berechnet von einem Computerprogramm zur Auswertung der individuellen Tumordaten. Für welche der fünf Behandlungsmethoden sollte er sich entscheiden? Welche unversucht lassen?

Der Patient wusste es nicht. Was er allerdings zu wissen glaubte: Ein Tumor, der sich in so vielen personalisierten Daten ausdrücken lässt, sollte doch beherrschbar sein. Die neuen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten, so Jäger, erweckten bei Patienten und Ärzten die Erwartung, dass eine Therapie stets optimal wirke. In diesem Erfolgsszenario hätten Existenzängste einfach keinen Platz mehr. Wer wolle angesichts des medizinischen Fortschritts schon an den Tod denken?

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„Unser berufliches Umfeld ist gesprächsfeindlich“

Elke Jäger will das. Besser gesagt: Sie muss es. Seit 1992 arbeitet sie als Onkologin. „Das war eine Zeit, in der wir für Krebserkrankungen häufig keine Therapie hatten“, sagt sie. Es sei oft nur noch darum gegangen, die Menschen auf ihrem letzten Lebensabschnitt zu begleiten. Sie erinnert sich an ein Gefühl „therapeutischer Hilflosigkeit“ und will so etwas nicht mehr erleben. Stattdessen ist sie dankbar für die Möglichkeiten der modernen Medizin. Vieles habe sich in den vergangenen Jahren verbessert, manches aber auch verschlechtert, findet sie. Es fehle im Krankenhausalltag manchmal an Zeit, sich mit den Patienten auseinanderzusetzen, sich nach ihrem wahren Befinden zu erkundigen und eine ehrliche Antwort auch auszuhalten. „Unser berufliches Umfeld ist gesprächsfeindlich. Wenn man mit Patienten über ihre Ängste und Hoffnungen reden will, wird es unbezahlbar lang“, sagt sie. Und deshalb werde oft nur noch die Hoffnung thematisiert. Für vieles andere fehle schlichtweg die Zeit.

Jäger fordert ein Umdenken. Von den behandelnden Ärzten, aber auch von den Patienten. „Wir brauchen Patienten, die sich klar äußern können“, sagt sie. Patienten, die die Therapieentscheidung nicht mehr nur in die Hände der Ärzte gäben, sondern mitbestimmten, und die ihre Zweifel und Grenzen auch benennen könnten. „Der Patient hat das Recht, seinen Ängsten wieder Raum zu geben.“

Quelle: F.A.Z.
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