Uraufführungsdoppel „Code“

Vom Häuten der Zwiebel

Von Eva-Maria Magel
 - 16:34

Was, wenn die Welt zusammenfällt? Entweder unsere persönliche oder gleich die ganze? Apokalypsen sind, gewissermaßen, ein Privileg der Jugend. Hat man sich in der eigenen Alternativlosigkeit erst einmal eingeigelt, lässt auch die Angst im Kopf nach. Es hat also einen gewissen Sinn, dass die beiden Uraufführungen jüngerer Künstler am Staatstheater Darmstadt sich mit Endzeitstimmungen befassen. Und es liegt eine gewisse Ironie darin, dass sie in einer Art Wettkampf um das „Survival of the fittest“ nun im Doppelabend „Code“ gelandet sind, der Musiktheater und Tanz zusammenspannt.

„Eve und Adinn“, eine Kammeroper, ist die Einlösung eines Versprechens an die israelische Komponistin Sivan Cohen Elias, die vor zwei Jahren den Wettbewerb des Staatstheaters und der Ferienkurse für Neue Musik gewonnen hatte: Sie sollte ihre Siegerszene „Onion“ zu einem Stück ausbauen und uraufführen. Gezeigt wird aber ein ganz anderes Musikdrama, über Künstliche Intelligenz, das mit drei Mezzosopranistinnen gebührend flirrende Endzeitstimmung produziert, vom Sopran der weißäugigen Eve (Aki Hashimoto) ganz abgesehen. Ähnlichkeiten mit Adam und Eva sind bei „Eve und Adinn“, Letzterer die gefährlichste aller Künstlichen Intelligenzen, die sogar sich selbst programmieren kann und Menschen erst recht, durchaus beabsichtigt, bis hin zu massenhaft verzehrten Äpfeln (Regie Corinna Tetzel).

Stroboskopeffekte, Leuchtkästen und Videos

Auch Ramon John, Ende zwanzig und Ensemblemitglied des Hessischen Staatsballetts, hat einen Wettkampf gewonnen – den unter zwölf Kurzchoreographien, die er und seine Tänzerkollegen als „Startbahn“ im vorigen Jahr uraufgeführt haben. Sein damaliges Stück „Love Radioactive“ für drei Tänzer hat er zu „Eidolons Beginning“ für 13 Tänzer ausgebaut und erzählt nun auch die Vor- und Nachgeschichte einer Katastrophe. Emotional, in futuristisch „roughen“ Kostümen von Linnan Zhang, aber selbst in klobigen Stiefeln noch mit hübsch gereckten Zehenspitzen: eine Düsternis, die an sich selbst großen Gefallen findet und zu eklektizistischer Musik eher Look und Style einer heutigen Clubavantgarde aufnimmt.

Zusammengespannt in den Kammerspielen des Staatstheaters, wird daraus ein zweimal einstündiger Abend mit großzügig bemessener Umbaupause. Stroboskopeffekte, Leuchtkästen und Videos, die in beiden Stücken von denselben Kreativen stammen (De-Da Productions) und sich ziemlich ähneln, verbinden, außer einem vagen Endzeitgefühl, die sonst recht unterschiedlichen Arbeiten. Das macht eine Menge her, vor allem optisch. Cohen Elias, Jahrgang 1976, löst in der Musik ein, was ihre Berufsbezeichnung verspricht. „Multimediaist“ ist sie außer „Composer“, und damit ist nicht nur die Kombination von Musik mit Video gemeint. Wiewohl es auch das gibt in „Eve und Adinn“. Es gibt allerdings auch Styroporbälle, beleuchtete Handschuhe, Puppenfüße und einen reichhaltigen Bestand unterschiedlich großer Schüsseln aus Edelstahl, mit denen Musik, Krach und Performance getrieben werden.

Die Musik, die ein Teil des Hessischen Staatsorchesters Darmstadt unter der souveränen Leitung von Johannes Harneit spielt, ist zwar keine, an der man groß hängenbliebe, aber die vertrackte Mischung aus Computertönen, Live-Klang, der so tut, als käme er aus einem Videospiel, und Wohlklang ist interessant, vor allem, weil sie im Gespann mit den Bühnen-Bildern die Aufmerksamkeit dauernd springen lässt. Das allerdings macht es umso schwerer, den verrätselten englischen Texten zu folgen, die Hashimoto und der Bariton David Pichlmaier als Superhirn Adinn so ausstoßen. Überhaupt ist Verrätselung bei „Code“ die Methode der Wahl. Muss wohl so sein am Ende der Zeiten.

Nächste Vorstellungen heute und am 29. April von jeweils 20 Uhr an

Quelle: F.A.Z.
Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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