Deniz Yücel ein Jahr in Haft

„Und wenn wir 100 Mal hier stehen müssen“

Von Heike Lattka
 - 11:14

Sommerliche Hitze, Regen oder klirrende Kälte – nichts hielt die ehrenamtliche Stadträtin Berthilde Enders (CDU) ab. Stets fand sich die Katholikin aus Wicker ein bei den monatlichen Mahnwachen für die Befreiung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel. Sie war unter den Demonstranten als Lichter der Hoffnung entzündet wurden, als Weggefährten, Politiker und verantwortliche Redakteure der Zeitungen aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet für die Freilassung des Vierundvierzigjährigen mit Worten kämpften. Mittwochabend wird Enders erstmals wegen des parallel stattfindenden Aschermittwoch-Gottesdienstes aussetzen.

Dabei ist der 14. Februar der Jahrestag von Yücels Verhaftung in Istanbul. Deshalb ist an diesem Mittwochabend um 17.30 Uhr mit weit mehr Menschen als dem üblichen harten Kern von 20 bis 30 Teilnehmern zu rechnen. Jugendfreunde Yücels, wie Matthias Schäfer aus Rüsselsheim, kündigten ihr Kommen an. Auf eine Konkurrenzveranstaltung in Rüsselsheim habe man verzichtet, erst im Frühjahr werde man sich wieder eine größere Aktion für Deniz einfallen lassen, berichtet Schäfer und fügt hinzu: „Leider wird es noch etwas dauern, bis wir Deniz wiedersehen.“

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So beginnt der Tag in Frankfurt und Rhein-Main: das Wichtigste in Kürze, mit Hinweisen auf mobile Blitzer, Straßensperrungen, Gaststätten.

Auch Landtagsabgeordnete von SPD, Grünen und Linken wollen nach Flörsheim kommen. Der hessische SPD-Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel hält eine Rede. Aus Berlin reist der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes, Frank Überall, an. „Free Deniz“, lautet die Forderung an den türkischen Präsidenten Erdogan.

Der in Flörsheim aufgewachsene Korrespondent der Tageszeitung „Die Welt“ hatte in der Türkei seine journalistische Aufgabe erfüllt und regimekritische Artikel verfasst. Er kam unter dem Vorwurf „Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung“ in Untersuchungshaft, wo er zunächst mehr als 290 Tage in Einzelhaft im Gefängnis von Silivri bei Istanbul verbrachte. Eine Anklageschrift liegt bis heute nicht vor.

Die Empörung über die staatliche Willkür ist in Flörsheim ungebrochen. Die Stadtverordnetenversammlung hatte mit einem einstimmigen Votum die Mahnwachen gleich nach der Inhaftierung Yücels beschlossen. „Und wenn wir 100 Mal hier stehen müssen, dann stehen wir eben 100 Mal hier“, rief Bürgermeister Michael Antenbrink (SPD) den Demonstranten anfangs aufmunternd zu. Antenbrink befürchtet jedoch, dass es nach Gerüchten über eine bevorstehende Freilassung Yücels Mitte Januar jetzt wieder schlechter um ein schnelles Ende der Untersuchungshaft bestellt sei. Dennoch werde in der Stadt bis zur Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs, die im Sommer erwartet werde, an den Kundgebungen festgehalten. Es sei gelungen, die Erinnerung an den Inhaftierten wachzuhalten, sagt Antenbrink. Die Stadt setze mit ihrer Aktion ein Zeichen. Mit Ilkay Yücel, der Schwester des Inhaftierten, hält Antenbrink permanent Kontakt.

Heirat während der Haft

Eine treuer Freund der Familie, der türkischstämmige SPD-Stadtverordnete Hasan Aggül, sorgt sich um Yücels Eltern: Alle hofften inbrünstig, dass der an Lungenkrebs erkrankte Vater Ziya die Rückkehr des Sohnes noch erlebe. Für die Familie sei die Situation ganz schrecklich, auch wenn Deniz das Beste aus seiner Inhaftierung mache, seine Lebensgefährtin geheiratet und sogar in der Haft ein Buch geschrieben habe. Auch von aufmunternden Worten aus der Haft an den Vater berichten Freunde der Familie immer wieder.

Leider aber, bedauert Aggül, gebe es auch in Flörsheim unter den rund 400 Türken viele Erdogan-Anhänger. Von diesen sei keine Unterstützung zu erwarten. Laut Antenbrink formierte sich jedoch längst ein unerschütterlicher Kern von Demonstranten, die zu den Mahnwachen komme und ein Zeichen gegen die staatliche Willkür in der Türkei setzen wolle. Stadträtin Enders will während der Mahnwache in der Kirche für den Inhaftierten und seine Familie still beten. Präsident Erdogan werde auf die Meinung der Menschen aus Flörsheim und auch auf Gebete nichts geben, fürchtet sie. Aber der Familie Yücel, die seit mehr als vier Jahrzehnten in der Stadt lebe, zeige diese Anteilnahme zumindest, dass sie in ihrem Kummer nicht allein sei.

Quelle: F.A.Z.
Heike Lattka
Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.
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