Lutherweg durch Hessen

Viele Infos und ein bisschen Kerkeling

Von Marie Lisa Kehler
 - 19:50

Ein bisschen Hape Kerkeling stecke schon in ihm, sagt Bernd Rausch. Mit einem Unterschied: Er selbst habe über seine Pilgerreise noch kein Buch geschrieben. Dabei könnte der 68 Jahre alte Vorsitzende des Vereins „Lutherweg in Hessen“ ganze Romane füllen. Seit 2012 treibt er gemeinsam mit zahlreichen Ehrenamtlichen den Ausbau des „Lutherweges 1521“ voran. Heute soll der Weg vom Präsidenten der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau, Volker Jung, gemeinsam mit dem hessischen Wirtschafts- und Verkehrsminister Tarek Al-Wazir in Romrod bei Alsfeld eröffnet werden. Höchste Zeit, wie Rausch sagt. Denn gepilgert werde schon seit Monaten auf Luthers Spuren – auch ohne Eröffnungszeremonie. Das habe dazu geführt, dass er und seine Vereinskollegen vor einigen Monaten nachts einen Wanderer im Wald suchen mussten. Damals sei der Weg noch nicht vollständig ausgeschildert gewesen, entschuldigt sich Rausch. Heute sei das anders. „Es gibt so viele Schilder – der Weg ist unverlaufbar“, ist er sich sicher. Als Markierung wurde ein grünes „L“ gewählt, das in den vergangenen Monaten gleich in tausendfacher Ausführung entlang der Strecke angebracht wurde.

Der 400 Kilometer lange Pilgerweg verläuft zwischen Worms und Eisenach, führt durch drei Bundesländer, an 39 Städten entlang. Er bildet die Reise Luthers im Frühjahr 1521 zum Reichstag nach Worms und seiner anschließenden Flucht auf die Wartburg bei Eisenach nach, wo er das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzte. Heute steht der Weg als Symbol für den Wandel vom Mittelalter zur Neuzeit. Der Lutherweg 1521 sei ein Angebot für Pilger und Wanderer, die an der Reformation und deren Auswirkungen interessiert seien, aber auch für diejenigen, die Erholung und Entspannung vom Alltag suchten, erklärt Ideengeber Bernd Rausch.

500.000 Euro kostet das Projekt

40 Informationstafeln, zahlreiche historische Orte und Einkehrmöglichkeiten lassen sich entlang der Strecke entdecken. 500.000 Euro kostet das Projekt. 65 Prozent übernahm das Land, die restlichen Kosten tragen Förderer, Stiftungen, Unternehmen und die evangelische Kirche. Von dem Geld wurden unter anderem die Beschilderung des Weges, Werbemaßnahmen, der Entwurf von Kartenmaterial und die Entwicklung einer Homepage bezahlt. Auf dieser können beispielsweise Wanderkarten inklusive GPX-Daten heruntergeladen, ein gebundener Pilgerführer im Hosentaschenformat bestellt und Wandererlebnisse geteilt werden. Außerdem können Wanderer über die Homepage ein Pilger-Stempelbuch beantragen, um ihren Streckenverlauf zu dokumentieren.

Rausch, ehemals Sachbearbeiter bei einer Stadtverwaltung, koordiniert das Großprojekt mit weiteren Ehrenamtlichen. Viele seiner Mitstreiter seien, wie er, bereits in Rente, sagt der 68 Jahre alte Organisator. Zum Vorstand zähle unter anderem ein ehemaliger Landrat, aber auch der pensionierte Direktor einer Bank. Die „Rentnertruppe“, wie Rausch scherzhaft sagt, habe das nötige Fachwissen und die Kontakte mitgebracht, um aus der ersten Idee eines der umfangreichsten Projekte in Hessen und Rheinland-Pfalz im Lutherjahr werden zu lassen. Sie schrieben Förderanträge, holten Städte und Gemeinden entlang der Strecke mit ins Boot, knüpften Kontakt zu Heimatforschern und lernten dabei selbst allerhand über Luther. Der Verein ist mittlerweile auf rund 100 Mitglieder gewachsen. Darunter finden sich rund 50 Städte und Landkreise.

„Viele halten Ruhe gar nicht mehr aus“

400 Kilometer auf Luthers Spuren. Wanderbar am Stück oder in kleinen Etappen. Bernd Rausch selbst hat sich das Ziel gesetzt, den Weg im Ganzen zu laufen. Irgendwann einmal, wenn es wieder ruhiger geworden ist in dem kleinen Vereinsbüro. „Pilgern?“, fragt er und seufzt. Dafür brauche man viel Zeit. Und noch mehr Ruhe. Und beides habe er gerade nicht. „Aber bald will ich wieder auf die Piste.“

Eleonore Hansel ist schon auf „der Piste“. Besser gesagt, auf dem Weg. Gemeinsam mit weiteren Ehrenamtlichen hat sie sich im vergangenen Jahr durch die evangelische Landeskirche zur Pilgerführerin ausbilden lassen. Entlang der Wegstrecke können Wandergruppen die Pilgerführer dazubuchen und sich in die Kunst des Pilgerns einführen lassen. Eleonore Hansel ist sogar noch einen Schritt weiter gegangen. Sie hat ein Zimmer in ihrem Haus geräumt, um müden Wanderern auf dem Lutherweg eine Herberge zu bieten. Heute erwartet sie ihren ersten Gast.

Das Pilgern sei für viele eine ganz neue Erfahrung, sagt die 68 Jahre alte Eleonore. „Heute, da alles schnell, schnell, schnell gehen muss, hat die Suche nach der Langsamkeit begonnen“, sagt sie. Dabei sei Pilgern etwas völlig anderes als Wandern. Nicht die Bewegung, sondern die Reise zu sich selbst stehe im Vordergrund. Und genau bei dieser Reise will sie den ungeübten Pilger ein Stück des Weges begleiten. Eleonore Hansel setzt gezielte Impulse, damit die Pilger ihre Gedanken auf Reisen schicken können. Schweigend, wie sie hervorhebt. „Es gibt viele Menschen, die Ruhe gar nicht mehr aushalten“, hat sie in den vergangenen Wochen beobachtet.

Der Weg führt zu großen Teilen durch ländliches Gebiet. Mitunter geht es aber auch mitten durch die Stadt, mitten durchs Leben. Durch Frankfurt, beispielsweise. Über die Zeil, vorbei an der Bethmann-Bank, wo einst das Gasthaus Strauß stand, in dem Luther den Erzählungen nach auf seinem Hin- und auch auf seinem Rückweg einkehrte. Weiter geht es über den Eisernen Steg nach Sachsenhausen. „Auch das ist ein Erlebnis“, sagt Bernd Rausch, der hofft, zahlreiche Touristen mit dem Angebot anzusprechen. „Die Rheinhessen haben sofort das Potential hinter dem Weg erkannt“, sagt er. Manch ein Winzer habe noch schnell einen Lutherwein ins Angebot aufgenommen, andere haben ihr Übernachtungsangebot auf die Pilgerer abgestimmt.

Die Faszination „Luther“ und das Interesse, auf seinen Spuren zu wandeln und zu wandern, überraschen Rausch nicht. „Sein Mut ist beispielgebend“, sagt er. Irgendwann, vielleicht schon bald, will auch er den Rucksack packen, die Schuhe schnüren und wieder ein bisschen auf Hape Kerkeling machen. Frei nach dem Motto: „Ich bin dann mal weg.“

Informationen rund um die Strecke gibt es im Internet unter www.lutherweg1521.de

Quelle: F.A.S.
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