Hausboot-Verleih

Vom Banker zum Kapitän

Von Theresa Weiß, Frankfurt
© Victor Hedwig, F.A.S.

Funktionale Sandalen, ein lässiger Dreitagebart und braungebrannte Wangen – wer Thomas Laux an seinen drei Hausbooten hantieren sieht, der kann sich kaum vorstellen, dass er einmal jeden Morgen seine Krawatte um den Hals band und in einen dunklen Anzug schlüpfte, um in die Kölner Privatbank zu fahren, in der er arbeitete. Aber genauso war es. Laux, mittlerweile 55 Jahre alt, arbeitete drei Jahrzehnte als Banker. Er verkaufte Versicherungen und Bausparverträge, kümmerte sich um Kredite und Konten. Er war Sales-Direktor und hatte eine „durchaus lukrative Stelle“, wie er sagt.

Doch nach 30 Berufsjahren hörte er auf. Die Finanzkrise hatte die Branche erschüttert, und auch die Bank, in der Laux arbeitete, strukturierte sich neu. Er hatte damals zwei Optionen, wie er heute erzählt: „Ich hätte im Finanzgewerbe bleiben können, oder ich konnte aussteigen. Und für mich war es stimmiger, etwas anderes anzufangen. Eine Idee hatte ich schon.“ Vor allem wollte er von nun an selbstbestimmt arbeiten. „Früher habe ich die Produkte von anderen verkauft, jetzt habe ich meine eigenen“, sagt Laux und lächelt stolz.

Anzug bleibt im Schrank

Seine „Produkte“, das sind Hausboote. Kleine Flöße, auf denen man schlafen, kochen und in der Sonne lümmeln kann. Laux hat eines in Hellblau, eines in Grün und eines in Grau. Er vermietet sie wochenweise an Urlauber, die Natur und Städte an der Lahn erkunden wollen. Auf 67 Kilometern, geteilt von zwölf Schleusen und im Schnitt mit gut anderthalb Metern Wassertiefe, können sie von Lahnstein bis Limburg auf dem Fluss umherschippern. An den Ufern des Flusses liegen einige Burgen, und in Städtchen wie Nassau und Bad Ems gibt es zünftige Wirtshäuser und schöne Cafés. Nachts legt das Floß an einem Campingplatz oder im Dickicht des Flussufers an.

Ziemlich genau in der Mitte der Strecke liegt der Heimathafen der Hausboote, die Schleuse Hollerich. Dort ankern einige Freizeitjachten, aber auch die Flusshäuschen von Laux. Auf einigen Booten im Hafen wohnen die Besitzer sogar dauerhaft. Doch es ist ein beengtes Leben, das wird schnell klar, wenn man sich in einem der kleinen Boote um die eigene Achse dreht. Laux setzt deshalb auf Kurzzeitmieter, denen er für eine Woche oder zumindest ein paar Tage ein ganz neues Zuhause bieten kann. Freitag Vormittag kommen die Mieter nach ihrer Tour an die Schleuse zurück – und dann beginnt die Arbeit für Laux. Putzen, Kanalisation leeren, Gas auffüllen, Taue prüfen. Den Anzug lässt er dafür lieber im Schrank hängen.

Anlegen bereitet manchen Schwierigkeiten

Gegen 14 Uhr kommen die neuen Gäste. Laux weist sie in die Geheimnisse der Floß-Schifffahrt ein, übt mit ihnen das Ab- und Anlegen und das Schleusen. Dann lässt er sie fahren – für den kleinen Motor, der das Hausboot mit 15 PS antreibt, braucht man auch in Deutschland keinen Führerschein. Seine Arbeit ist damit jedoch noch nicht getan. Laux kontrolliert oft sein Handy, um sich zu vergewissern, dass Schiffer und Boote wohlauf sind. Einige haben ziemliche Angst vor den Schleusen, denn wer hier falsch steuert, beschädigt schnell das Boot. Strudel und Strömung können es an den Kai drücken.

Kuscheln mit Ausblick: Koje im Heck des Schiffes
© Victor Hedwig, F.A.S.

Auch das Anlegen bereitet manchen Schwierigkeiten, wie die Eintragungen im Logbuch vom blauen Hausboot belegen. Pustet der Wind zu stark, treibt das Floß immer wieder in die Flussmitte. „Ein Flusshäuschen wiegt fünf Tonnen“, sagt Laux und tätschelt die Holzwand eines Boots. Bis diese Masse gebremst oder festgezurrt ist, kann es mitunter dauern.

Gaszüge tauschen und Klobrillen wechseln

Thomas Laux wirkt, als sei er schon immer auf dem Fluss zu Hause. Wenn er die Taue aufwickelt, das Boot geschmeidig vom Ufer abstößt oder am Steuerrad herumkurbelt, passt das irgendwie zu ihm. Doch den Großteil seines Arbeitslebens hat er in der Bank verbracht. „Ich bin heute glücklicher mit dem Job als früher, ich identifiziere mich damit“, sagt er.

Von der Bank aufs Land und an den Fluss – für manche klingt das sicher nach verkehrter Welt. Auch die Familie von Thomas Laux war erst einmal skeptisch, als er verkündete, seine Arbeitsstelle – immerhin in leitender Position und mit gutem Gehalt – aufzugeben. „Die Idee fanden alle gut, aber wir wollten abwarten, ob er es wirklich durchzieht“, erinnert sich sein Sohn Felix, der an diesem Freitag bei der Abnahme der Boote hilft. Sein Vater hat es durchgezogen: bei der Bank gekündigt, einen Kredit für die Boote aufgenommen, investiert, gebastelt und Werbung gemacht. Dass Laux der Meinung ist, das Richtige getan zu haben, merkt aber jeder, der seine Begrüßung an der Schleuse Hollerich hört: „Willkommen im Paradies“, sagt der ehemalige Banker.

Packt zu: Thomas Laux war früher Banker, jetzt ist er Kapitän und Reeder.
© Victor Hedwig, F.A.S.

Sein Kiefer ist breit und kantig, die kurzen grauen Haare stehen herausfordernd ab. Laux sieht aus wie jemand, der zupacken kann. Muss er ja auch, so als Kapitän, Werft und Reederei in einem. Denn die drei Hausboote, die er vermietet, wartet er selbst. Gaszüge musste er schon tauschen und Klobrillen auswechseln. Und wenn ein verzweifelter Kunde anruft, weil es ein Malheur mit einem Floß gab, ist er sofort zur Stelle, egal auf welchen Flusskilometer das Boot gestrandet ist. Bisher sei das aber nur einmal vorgekommen.

Boote sind Spezialanfertigungen

Der Service hat seinen Preis: Knapp 500 Euro kostet ein Wochenende auf dem Hausboot, eine Woche gibt es von 900 Euro an. Dazu kommt eine Kaution von 500 Euro; immerhin sind die Boote teuer – „sechsstellig“, meint Laux. Ein Floß bietet gemütliche Kojen, frische Bettwäsche und Handtücher, ein kleines Bad, eine Küche und ein sonniges Achterdeck. Es ist sozusagen ein schwimmendes Wohnmobil. Vier Personen passen darauf.

Die Idee, Hausboote zu vermieten, kam Laux, als er eine Fahrradtour an der Lahn machte. Er bewunderte die Landschaft, die „ganz wild“ sei und die er so gar nicht vermutet habe. Die Natur vom Wasser aus erleben zu können müsse besonders schön sein, dachte er sich. Die Hausboot-Idee war geboren. „2012 wollte ich mich beruflich verändern, ich wollte unabhängig vom Kapitalmarkt sein“, sagt Laux. Er startet mit einem Boot, es läuft gut. Im vergangenen Jahr kommt das dritte Floß hinzu. Die Boote sind Spezialanfertigungen – der Unterbau kommt von einer kleinen Werft am Rhein, den Aufbau hat Laux bei einem Schreiner machen lassen. Innen hat er die kleinen Hausboote selbst eingerichtet: helles Holz, hübsche Möbel, karierte Vorhänge.

„Nicht alles blind über Bord werfen“

Sein früherer Beruf hat Laux geholfen, sein eigenes Unternehmen zu stemmen. Schließlich kennt er sich gut aus mit Kosten-Nutzen-Rechnungen und Buchführung. Er ist ziemlich glücklich mit seiner Geschäftsidee, und auch die Zahlen stimmen: In diesem Jahr sind alle drei Boote schon komplett ausgebucht, und 2018 gibt es nur noch wenige freie Termine. „Die Leute sagen immer, sie können so schnell abschalten, haben in zehn Minuten ihren Job vergessen“, sagt Laux. Da man sich beim Boot-Fahren auf die Technik, die Strömung und die Fahrrinne konzentrieren müsse, sei der Alltag rasch weit weg. Und abends, bei einem Glas Wein auf dem Achterdeck, könnten die Gäste die Natur genießen. Diejenigen, die sich auf der Lahn entspannen, kommen laut Laux aus Frankfurt, Wiesbaden und Köln, aber auch von weiter her.

Thomas Laux will nicht nur, dass seine Kunden sich wohl fühlen. Er will auch anderen helfen, sich zu verwirklichen. Deshalb redet er gern über seine Geschichte, zum Beispiel bei Veranstaltungen vom Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft (RKW). Das Kompetenzzentrum will Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft suchen. „Mein Leben beweist, dass es möglich ist, trotz eines eingefahrenen beruflichen Wegs neue Dinge zu probieren. Dabei soll man natürlich nicht alles blind über Bord werfen – aber gute Ideen umsetzen.“ Laux ist ein Aussteiger, und er hat seine Berufung gefunden. Wenn er in seinen Funktionssandalen über den Steg stapft, dann lächelt er.

Weitere Informationen finden sich unter www.hausboote-lahn.de. Auf der Seite können auch verfügbare Termine eingesehen und gebucht werden.

Quelle: F.A.S.
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