Uni Gießen wirbt um Studenten

Wer will nicht gerne Justus sein

Von Sascha Zoske
 - 17:13

Wenn es etwas gibt, von dem die Universität Gießen mehr als genug hat, dann sind es Studenten. Das muss jeder denken, der die Äußerungen ihres Präsidenten aus den vergangenen Jahren kennt und die Mitteilung zum bald beginnenden Wintersemester liest: 6600 Erstsemester werden erwartet, die Gesamtzahl der Immatrikulierten wird dann bei 28.500 liegen - wieder ein Rekord.

Da überrascht es schon, dass die zweitgrößte Uni Hessens in den vergangenen Monaten ihre Willkommenskultur noch ausgeweitet hat. In Frankfurt und anderen Städten des Rhein-Main-Gebiets hingen Plakate, die für ein Studium in Gießen warben. Die Kampagne „Sei Justus“ hob die Vorzüge der Justus-Liebig-Universität vor allem in Kontrast zum Hochschülerdasein in der teuren Mainmetropole hervor: „Da studieren, wo du mehr als eine Nummer bist“ und „wo Wohnen bezahlbar ist“, lauten die Slogans auf der Internetseite zur Werbeaktion.

Lage auf dem Wohnungsmarkt verschlechtert

Nun dürften die Gruppengrößen in Gießener Seminaren auch nicht immer familiär sein, und die Lage auf dem Wohnungsmarkt hat sich auch in Mittelhessen weiter verschlechtert - wenngleich nicht so stark wie in Frankfurt. Vor allem aber erstaunt das Buhlen um Studenten, weil Gießens Uni-Präsident Joybrato Mukherjee vor einem Jahr noch gesagt hatte, die Kapazitätsgrenze seiner Hochschule sei zum Semesterbeginn „einmal mehr überschritten“ worden.

Auf Nachfrage lässt Mukherjee wissen, es sei bei der Kampagne „nicht so sehr“ darum gegangen, zum Wintersemester noch mehr Studenten nach Gießen zu locken. Vielmehr stehe eine „langfristige Strategie“ hinter der Aktion: Die Uni wolle zeigen, dass sie Teil der Metropolregion Rhein-Main sei. „Wir bekommen immer wieder Anfragen, welche Studienmöglichkeiten es in der Region gibt, weil Frankfurt zu teuer geworden ist“, berichtet der Anglistikprofessor. Die Liebig-Uni könne auch für Leute attraktiv sein, die am Main wohnten. Mit dem Semesterticket fahre man ohne zusätzliche Kosten in 40 Minuten vom Frankfurter Hauptbahnhof nach Gießen.

Dass die Werbung am Ende mit schuld sein könnte an überfüllten Hörsälen, fürchtet Mukherjee nicht. Für jene Studiengänge, die besonders gefragt seien, gelte in der Regel ohnehin eine Zulassungsbeschränkung. Zudem sei mit der Kampagne versucht worden, die Aufmerksamkeit auch auf weniger gefragte Fächer zu lenken. Dazu zählten manche Geisteswissenschaften und Lehramtsstudiengänge. Sehr groß ist die Nachfrage dagegen in Psychologie und Wirtschaftswissenschaften. Hier könnte es in diesem Jahr Gedränge geben, weil die Universität mehr Bewerber zugelassen hat, als es Plätze gibt, und offenbar mehr Leute als früher das Studium tatsächlich antreten. Kalkulierte Überbuchungen sind durchaus üblich, weil niemals alle, die eine Einschreib-Erlaubnis haben, das Studium auch antreten, wie der Präsident sagt. Die Überbuchungsquote werde anhand der Erfahrungen aus vergangenen Jahren berechnet, und „in 95 Prozent der Fälle erzielen wir damit eine Punktlandung“. Warum es bei den restlichen fünf Prozent nicht klappe, lasse sich oft nicht plausibel erklären.

Was den diesjährigen Run auf die Wirtschaftswissenschaften betrifft, so hat Mukherjee immerhin zwei Interpretations-Ansätze zu bieten. Zum einen glaubt er, dass die flexible Studiendauer anziehend wirkt: In Gießen können Ökonomen den Bachelor nach sechs, sieben oder acht Semestern erwerben und den Master dementsprechend nach vier, drei oder zwei Semestern. Verlockend klingen auch Resultate einer Umfrage, der zufolge Wirtschafts-Absolventen aus Gießen nach jenen aus München die höchsten Einstiegsgehälter kassieren. „So etwas zieht natürlich“, meint der Präsident.

Ob womöglich auch die jetzt beendete, 45.000 Euro teure „Justus“-Kampagne steuernde Wirkung auf die Studentenströme gehabt hat, will die Universität jetzt untersuchen. Geht es nach Mukherjee, wird die Uni Gießen auch künftig medial und durch Kooperationsprojekte mit anderen Hochschulen in der Rhein-Main-Region präsent sein. Nicht nur Frankfurt, sondern auch der „zweitgrößte Hochschulstandort in der Metropolregion“ könne von den Brexit-Folgen profitieren, deutet der Präsident an. Eine Werbekampagne in London wäre dann eigentlich die logische Konsequenz.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Zoske, Sascha
Sascha Zoske
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
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