Frankfurter Bahnhofsviertel

Wie Heroin nach Frankfurt kam

Von Paul Hildebrandt, Frankfurt
 - 19:33
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Frankfurt und Heroin – warum hängt das so stark zusammen?

Happel: Frankfurt war eine der ersten Städte in Deutschland, in der Heroin konsumiert wurde. Über den Flughafen und die große Militärpräsenz der Amerikaner kam relativ schnell viel Heroin herein. Neben Hamburg und Berlin ist Frankfurt bis heute einer der großen Heroin-Hotspots.

Wann tauchte Heroin in Frankfurt auf?

Happel: Es gab eine Vorbereitungsphase für das Heroin: In den sechziger Jahren trafen sich junge Leute zum Kiffen und Gitarrespielen auf der sogenannten Haschwiese beim Hilton Hotel. Von der Bevölkerung wurden sie „Gammler“ genannt, Vorläufer der Hippie-Bewegung. Später wurden dann auch erste Stoffe gespritzt, zum Beispiel die Berliner Tinke. Das war ein Opiumgemisch, das in den sechziger Jahren vor allem aus Osteuropa nach Frankfurt kam.

Wie kamen die Abhängigen an den Stoff?

Stöver: Apotheken hatten damals noch nicht dieselben Sicherheitsvorkehrungen wie heute. Die Süchtigen brachen in die Apotheken ein und stahlen sich ihren Stoff. Es gab eine erstaunlich hohe Expertise, was Opiate und Drogen anging. Ende der sechziger Jahre tauchte dann Heroin auf.

Wie kam es dazu?

Happel: Amerikanische GIs, die aus Vietnam nach Deutschland kamen, begannen sowohl den Bedarf als auch das Angebot anzuregen. Wenn damals Pay-Day bei den Soldaten war, gab es auf der Haschwiese regelrechte Jahrmarktszenerien: Die Soldaten kamen mit großen Lastern zur Wiese gefahren, kauften sich Stoff und fuhren wieder weg.

Amerikanische GIs waren die ersten Heroin-Konsumenten in Frankfurt?

Stöver: Heroin kam damals vor allem aus Südostasien. Es wurde im Goldenen Dreieck und in Kambodscha produziert. Man schätzt, dass jeder vierte GI im Vietnam-Krieg heroinabhängig war. Während ihrer Erholungsphasen rauchten die Soldaten Heroin – ein feines, weißes Pulver. Es war sehr günstig und hat vor allem keine Spuren hinterlassen. Man hat damals angenommen, dass man vom Rauchen nicht abhängig wird.

Stammte die Droge ursprünglich aus Asien?

Stöver: Der deutsche Konzern Bayer entwickelte Ende des 19. Jahrhunderts den Stoff als Hustenmittel. Es war in Europa und den Vereinigten Staaten ein probates und angepriesenes Mittel. Später nutzten Ärzte Heroin als gesündere Alternative bei Morphinabhängigkeit, die es nach den europäischen Kriegen bei vielen Soldaten gab. Die englische Ärzteschaft befürwortete zum Beispiel den Einsatz von Heroin sehr. Die haben gesagt: „Wenn jemand besser mit Heroin funktionieren kann als mit Morphium, dann soll man Heroin geben.“

Wie kam es dann dazu, dass Heroin in Deutschland gesetzlich verboten wurde?

Stöver: Das Ironische war: Die Deutschen waren lange der größte Alkaloid-Produzent.

... ein Oberbegriff für Opiate, wie zum Beispiel Morphium ...

Sie haben damals den Weltmarkt beherrscht. Die Amerikaner wollten Opiate unters Strafrecht bringen. Darüber waren die deutschen Konzerne nicht sehr erfreut. Erst durch den Versailler Vertrag wurden die Deutschen verpflichtet, Opiate unter strenge Kontrolle zu stellen. Das deutsche Opiumgesetz von 1929 wurde also nur unter Druck erlassen.

Wann spielten Drogen in Deutschland wieder eine Rolle?

Stöver: Ab Mitte der sechziger Jahre mit dem Aufkommen von Cannabis und später LSD gab es wieder verstärkten Drogenkonsum. In der Jugend- und Subkultur wurden Drogen mythisch aufgeladen. Spiritualität war in der Szene sehr wichtig. Mit Hilfe der Substanzen wollte man sein Bewusstsein und damit auch die Gesellschaft verändern. Auch Heroin wurde in diesem Zusammenhang stark mystifiziert.

Wie wurde Heroin in Deutschland konsumiert?

Happel: Es wurde vor allem gespritzt. Das lag zum einen an der Gewöhnung durch die Berliner Tinke und zum anderen daran, dass es sehr teuer war und der Stoff schon früh stark gemischt wurde. Dadurch war es weniger rein, und mit einer Injektion konnte man eine stärkere Wirkung erreichen.

Stöver: In Deutschland hat sich deshalb eine Spritzkultur entwickelt. In den Niederlanden hingegen rauchen 90 Prozent der Leute ihr Heroin. Das geht aber eben nur bei einem höheren Reinheitsgehalt. In Deutschland sind in einem Schuss vielleicht fünf Prozent Heroin. Die Leute sind vermutlich eher vom Drücken und den Streckmitteln abhängig als vom Stoff selbst.

Wie kam das Heroin schließlich ins Frankfurter Bahnhofsviertel?

Happel: Das Viertel war ein Schmelztiegel. Schon vor dem Heroin gab es dort Hehler und Leute, die Sachen vertickt haben. Es existierte dort eine kriminelle Atmosphäre – und diese Leute haben schnell gemerkt, dass man mit Heroin sehr viel Geld verdienen kann. Haben am Anfang noch die Grasdealer Heroin vertickt, übernahmen bald kriminelle Gangs und Bordellbesitzer das Dealen.

Stöver: Ein wichtiger Moment ist die Auflösung der Haschwiese 1980. Die Polizei vertrieb die Junkies – ohne damit das Problem zu lösen. Sie sind dann zuerst in die Taunusanlage und später ins Bahnhofsviertel gewandert.

Wie hat die Gesellschaft in den siebziger Jahren Heroin wahrgenommen?

Happel: Ende der Sechziger gab es die ersten Drogentoten. Das wurde sehr dramatisch dargestellt. „Jeder Schuss ist ein halber Suizid“, sagte man damals. Die ganze Prävention war auf Angst aufgebaut. Wenn man es von der heutigen Perspektive betrachtet, muss man sagen: Das war eine sehr hilflose Reaktion.

Wie hat die Politik reagiert?

Stöver: 1973 gab es einen ersten Versuch, steigenden Drogenkonsum in den Griff zu bekommen: das „Bundesmodellprojekt“, eine Personal- und Sachmittelförderung für Therapie- und Hilfsprojekte. Mit den Geldern wurden sowohl große Therapieprogramme initiiert als auch kleine Projekte unterstützt, die viel ausprobierten. In Heidelberg gab es zum Beispiel über die Release-Bewegung eine Wohngemeinschaft, in der Anwälte und Ärzte mit Süchtigen zusammen gewohnt haben. Das hat nicht immer funktioniert. In dem Zuge wurde 1971 das Opiumgesetz durch das Betäubungsmittelgesetz erweitert. Das umfasste vor allem eine breitere Palette von Drogen und erhöhte die Strafen für den Missbrauch.

Happel: 1978 wurde außerdem der Paragraph 35 eingeführt, der zum ersten Mal das Konzept etabliert hat: Therapie statt Strafe. Daraus hat sich dann auch der Frankfurter Weg entwickelt.

Wer waren die Konsumenten in den siebziger Jahren?

Happel: Die Szene war sehr gemischt. Es kamen zu den Studenten schnell mehr und mehr Leute dazu, die Probleme hatten, beruflich Fuß zu fassen. Das waren Menschen aus der ganzen Gesellschaft. Die meisten Heroin-Konsumenten hatten vorher auch schon andere Drogen genommen. Kaum einer war Erstkonsument.

Wie hat sich die Konsumentenszene verändert?

Happel: Viele Konsumenten sind nicht mehr mit den Drogen klargekommen und aus der gesellschaftlichen Struktur gefallen. Die meisten von ihnen sind stark süchtig geworden – und ein Süchtiger, der seinen Stoff braucht, macht fast alles, um ihn zu bekommen. Die Verrohung der Dealer ist außerdem auf die Konsumentenszene übergesprungen. Relativ schnell hat sich dann um die Droge eine kriminelle Szene entwickelt.

Veränderten sich damit auch die Beschaffungsrouten?

Happel: Lange kam Heroin weiterhin aus Südostasien, aber relativ bald auch aus der Türkei, und sogar in Frankreich gab es Heroin-Küchen, in denen Opium verarbeitet wurde. Heute kommt es fast nur noch aus Afghanistan.

Stöver: Die Routen von Heroin und Kriegen hängen vermutlich stark zusammen. Und Frankfurt ist bis heute vor allem wegen seines Flughafens im Mittelpunkt des Handels. Im Gegensatz zu anderen Großstädten spielt die Droge auch hier noch eine relativ große Rolle, obwohl es mehr und mehr von Crack abgelöst wird. In der Szene wird Heroin immer stärker als eine Verlierer-Droge angesehen, wohingegen Crack am Puls der Leistungsgesellschaft ist.

Die Fragen stellte Paul Hildebrandt.

Quelle: F.A.Z.
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