Mobilität

Wiesbaden setzt ganz auf Elektrobusse

Von Ewald Hetrodt
 - 16:21

„Ganz Deutschland schaut auf uns“, glaubt der Wiesbadener Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD). Der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) spricht gar von einem „europaweit einzigartigen Vorhaben“. Ihre ganze Busflotte will die kommunale Gesellschaft Eswe Verkehr bis zum Jahr 2022 gegen Elektrofahrzeuge mit Batterien austauschen.

Die Dimension des Unterfangens erhellt der Vergleich mit den beiden anderen von der Landesregierung unterstützten Pilotprojekten. In Frankfurt sollen vom Ende des nächsten Jahres an fünf E-Busse auf der Linie 75 zwischen Palmengarten und Bockenheimer Warte verkehren. Fulda schafft ein emissionsfreies Fahrzeug an. Eswe Verkehr hingegen geht von vornherein aufs Ganze.

Innerhalb von fünf Jahren sollen 220 Busse auf Elektroantriebssysteme umgestellt werden, um auf allen Linien im ganzen Stadtgebiet emissionsfrei unterwegs zu sein. Damit gehen die Wiesbadener nach ihren Angaben sogar noch weiter als die niederländische Kommune Eindhoven, die den „Echtbetrieb“ in einem Stadtteil ausprobiert.

Enorme technische und organisatorische Anstrengungen stehen bevor

Als Vorbild, das man nur abkupfern müsse, eigne sich das niederländische Modell nicht, erklären die Fachleute der Eswe Verkehr. Denn es komme darauf an, den Betriebshof so umzustellen, dass dort in fünf Jahren die vollständige Flotte der E-Busse geladen werden könnte.

Damit sind enorme technische und organisatorische Anstrengungen verbunden. Beispielsweise müssen die Fahrer die Zentrale mit ihren Bussen häufiger anfahren als heute. Denn geladene Batterien reichen nur für Fahrten bis zu 300 Kilometern. Um solche Veränderungen aufzufangen, werde man kaum mehr als 15 zusätzliche Mitarbeiter benötigen, heißt es bei Eswe Verkehr. Dort sind momentan rund 1000 Menschen beschäftigt.

Unklar ist beispielsweise noch, welche Mengen an Strom die Flotte der E-Busse eines Tages verbrauchen wird. Hermann Zemlin kündigte an, dass man eng mit dem kommunalen Schwesterunternehmen Eswe Versorgung zusammenarbeiten werde. Al-Wazir warnte vor „Horrorszenarien“. Er versicherte: „Strom haben wir genug.“ Aber nicht nur das technische Umfeld der Fahrzeuge ist Neuland.

Finanzielle Zuschüsse von Bund und Ländern unter Vorbehalt

Auch die E-Busse selbst sind bis heute noch nicht serienreif. Den ersten Prototypen bekommt die Eswe Verkehr im nächsten Jahr. Er wird zusammen mit zwei Ladegeräten und einem Netzanschluss 412 000 Euro kosten. Das Land übernimmt 40 Prozent des Kaufpreises. Der entsprechende Förderbescheid, den Al-Wazir gestern im Rahmen einer Pressekonferenz offiziell überbrachte, war aber nur eine Art Vorgeschmack.

Das Wirtschaftsministerium hat in Aussicht gestellt, sich an der Finanzierung von 110 der 220 Busse zu beteiligen. Erstattet werden 40 Prozent der Mehrkosten, die im Vergleich zum Kauf von Dieselbussen entstehen. Sie belaufen sich heute auf rund 300 000 Euro. Aus einer Magistratsvorlage geht hervor, dass der Bund schon in der ersten Jahreshälfte eine ähnliche Zusage für die andere Hälfte der 220 E-Busse gegeben hat. Auch Kosten, wie sie etwa für die Umstellung des Betriebshofes anfallen, werden von Bund und Land bezuschusst. Allerdings gelten die Zusagen nur unter dem Vorbehalt, dass die Gesetzgeber in Wiesbaden und Berlin den Vorstellungen der Fachministerien folgen.

Öffentlich teilte Al-Wazir gestern nur mit, dass im Entwurf für den nächsten Doppelhaushalt des Landes insgesamt 14 Millionen Euro für Projekte vorgesehen seien, mit denen die Elektromobilität schneller auf dem Markt etabliert würde. Weitere zehn Millionen Euro seien für die Anschaffung von E-Bussen eingeplant.

Kalkuliert Kosten senken durch steigende Nachfrage?

Die Eswe Verkehr will von 2019 an in jedem Jahr 55 neue Fahrzeuge in Betrieb nehmen. Die Frage nach den Gesamtkosten blieb gestern unbeantwortet. Hermann Zemlin, einer der drei Geschäftsführer der Eswe Verkehr, und Al-Wazir erklärten, dass die Kaufpreise für E-Busse innerhalb der nächsten Jahre deutlich sinken würden, wie dies bei derartig innovativen Produkten stets der Fall sei.

Mitte Oktober ende für die potentiellen Anbieter die Möglichkeit, ihr Interesse zu bekunden. Danach starte die eigentliche Ausschreibung. „Wer den Auftrag bekommt, ist weltweit vorn“, meinte Zemlin. Das Wissen darum werde für günstige Angebote sorgen. Nach ersten vorsichtigen Berechnungen bleibt für die Stadt ein Finanzbedarf in der Größenordnung von 44 Millionen Euro übrig.

Die Summe könnte allerdings noch sinken. Denn die Wiesbadener glauben, dass sie auch aus dem im September in Berlin aufgestockten Fonds „nachhaltige Mobilität“ bedacht werden. Al-Wazir sagte voraus, dass die vorhandene Milliarde nur langsam abfließen werde, weil viele Kommunen auf die sich nun bietenden Fördermöglichkeiten nicht vorbereitet seien. Zemlin wusste zu berichten, dass der Bund gerade insgesamt 48 Städte gebeten habe, ihre Anträge zu konkretisieren. Darunter seien 14 hessische.

Quelle: F.A.Z.
Ewald Hetrodt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ewald Hetrodt
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.
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