Messe Achema

Ein Gefühl wie bei der Sendung mit der Maus

Von Thorsten Winter
 - 20:08

Ob Fußpilzcreme, Kopfschmerztablette oder Asthmaspray: auf der Verpackung steht, das Medikament nicht über eine bestimmte Temperatur hinaus zu lagern. Schon gar nicht über eine längere Zeit. Ob sich der Patient daran hält, ist seine Sache. Längst nicht so lax dürfen Spediteure und Lagerlogistiker mit Arzneimitteln umgehen. Sie müssen nicht nur die Luftfeuchtigkeit in Fahrzeugen und Hallen kontrollieren. Zudem ist beim Transport vom Hersteller bis in die Apotheke und letztlich auch dort die stets gleiche Temperatur einzuhalten. Wie das geht, ist auf der Messe Achema zu erleben. Zu dieser Schau treffen sich 3800 Aussteller aus aller Welt auf dem Frankfurter Messegelände.

Der in unmittelbarer Nachbarschaft des Messegeländes ansässige Veranstalter Dechema erwartet 170.000 Besucher zu der Schau. Die meisten von ihnen werden zwar zum Fachpublikum gehören. Geht es doch um Prozesstechnik. Das ist vereinfacht ausgedrückt all das, was ein Chemieunternehmen braucht, um Chemikalien herstellen zu können. Doch steht die alle drei Jahre veranstaltete Messe auch für Verbraucher offen, wie Marlene Etschmann von der Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie sagt, wie die Dechema mit vollem Namen heißt. Ihre Kollegin Kathrin Rübbert verspricht so manch anschaulichen Stand. Bisweilen werde es sogar ein „Sendung-mit-der-Maus-Feeling“ geben.

„Welthauptstadt der Chemie“

Dass Frankfurt vom 11. bis 15. Juni zur „Welthauptstadt der Chemie“ wird, mache die Dechema durchaus stolz, wie Geschäftsführer Thomas Scheuring sagt. Auch Unternehmen aus Rhein-Main werden die Schau als Plattform nutzen. Denn in der Welt von Chemie und Pharma spielt der Großraum Frankfurt eine nicht unwesentliche Rolle. Auch nach der Aufspaltung der Hoechst AG – „Apotheke der Welt“ genannt – im Jahr 1999, lebt die Region weiter und gerade von der Wertschöpfung in der chemischen Industrie. Die Branche erwirtschaftet im Jahr einen Umsatz von 28 Milliarden Euro – mehr als jede andere. Diese Zahl gilt zwar für ganz Hessen, doch der Schwerpunkt der 60.000 Beschäftigte zählenden Branche liegt in Rhein-Main.

So empfiehlt sich der Großraum Frankfurt mit seinen Unternehmen, Hochschulen, Verbänden und Fachkräften als Standort für internationale Firmen, heißt es bei der Dechema. An seinen Rändern, etwa dem Raum Gießen und der Bergstraße, finden Betriebe einschlägige wissenschaftliche Expertise vor und aufstrebende Unternehmen wie die börsennotierte Brain Biotech AG aus Zwingenberg als Vertreter der Bioökonomie. Die Chemie selbst sei international aufgestellt und könne ohne eine länderübergreifende Vernetzung nicht prosperieren, gibt Scheuring zu bedenken.

54 Prozent der Aussteller aus dem Ausland

Wie international es in der Branche zugeht, zeigt ein Blick in die Achema-Statistik. Zum zweiten Mal stellen die Ausländer die größte Gruppe unter den Ausstellern. Scheuring beziffert ihren Anteil auf 54 Prozent. Die größte Gruppe stellen nach seinen Worten die Europäer, allen voran Franzosen und Briten sowie Italiener, gefolgt von Polen. Aussteller aus Italien belegten nach Betrieben aus Deutschland anteilig die größte Fläche. Aber nicht nur das: „Die Italiener haben auch die schönsten Stände.“ Außerdem hätten sich viele Chinesen angekündigt, die zumeist recht kleine Stände planten.

Apropos China: Laut Scheuring achtet die Dechema sehr exakt darauf, dass es die Unternehmen aus dem Riesenreich mit dem Thema Intellectual Property, also mit Patenten und anderen Schutzrechten, genau nehmen. Zwar seien Patentrechtsverletzungen auf der Achema nicht so offensichtlich wie bei den Konsumgütermessen wie der Ambiente oder der Zulieferer-Schau Automechanika, da man im Zweifel in die Anlagen schauen müsse. Doch habe die Dechema in der Vergangenheit aus diesen Gründen schon Stände von Chinesen geschlossen.

Eine zusätzliche Halle für Pharmaverpackungen

Ein großes Thema werden die Pharmaverpackungen auf der Achema sein. Für dieses Segment habe die Dechema sogar eine zusätzliche Halle gemietet. Besucher könnten sich auf eine Verpackungsstraße freuen, in der vom Pressen einer Tablette über das Einschweißen in einen Blister bis hin zum Versand mit Codierung der komplette Prozess zu sehen sei. Stichwort „Sendung mit der Maus“.

Ein weiteres Schwerpunktthema wird die Pharma- und Chemielogistik einschließlich der Kühlketten. Im Blickpunkt stehen auch die flexible Produktion mit sogenannten Modulen als Alternative zu großen, feststehenden Anlagen. Solche Module zielen etwa auf Spezialchemie-Firmen, die passgenau auf Kundenwunsch auch übersichtliche Mengen produzieren. Auch in der Chemiebranche sei die Losgröße 1, also Einzelanfertigungen, ein Thema, sagt Scheuring. Module seien so etwas wie „Lego für Prozesstechnik“, sagt Rübbert.

Edelmetall aus Elektroschrott filtern

Besondere Aufmerksamkeit wird nach den Worten Etschmanns nicht zuletzt dem Einsatz von Biotechnik in der Chemie gelten. Dabei geht es um Mikroorganismen, die von Natur aus bestimmte Aufgaben lösen können und im Labor zu diesem Zweck optimiert werden. So etwas macht zum Beispiel die Brain AG. Ihre Mikroben können etwa Edelmetall aus Elektroschrott filtern. Die Firma hat auch Eiweißstoffe entwickelt, mit deren Hilfe ein Waschmittel bei 40 Grad genauso sauber wäscht wie sonst nur bei 60 Grad. Dadurch spart der Verbraucher Energie und im Zweifel auch Wasser.

Auch die Dechema selbst ist mit ihrer Forschungseinheit auf diesem Gebiet vertreten. Sie hat aus natürlichen Abfällen der Zitrus-Industrie mit Bakterien eine bestimmte Säure gewonnen, die als Konservierungsstoff in Kosmetika dient.

Die Achema findet vom 11. bis 15. Juni auf dem Frankfurter Messegelände statt. Die Tageskarte kostet 35 Euro, der Wochenpass 80 Euro. Studenten zahlen sechs Euro am Tag.

Quelle: F.A.Z.
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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