Arbeitssucht

Entzugshilfe für Workaholics

Von Stefanie Eimermacher
 - 12:34

Der Grundschüler Frank Stefan bekam wieder einmal Ärger. Die Lehrerin kontrollierte die Schönschreibhefte ihrer Klasse, aber das des Jungen war leer. Dabei hatte Frank sich gar nicht vor der Arbeit drücken wollen. Sein Plan war, die Mitschriften mehrerer Stunden in Ruhe nachzutragen, hatte das aber nicht geschafft. Zuhause erwartete ihn am Abend das Donnerwetter der Eltern: „Du hast keine Disziplin“, warf ihm sein Vater vor.

Viele Jahre später, nach Abitur und Studium, arbeitete Frank Stefan, der eigentlich anders heißt und in der Rhein-Main-Region wohnt, als Ingenieur. Auch dort zeigte sich sein Hang zum Verzetteln. Für ein Projekt brauchte er nicht die üblichen acht bis zehn Wochen, sondern ein Jahr. Das kostete Stefan beinahe seinen Job.

Alle Gedanken drehen sich um Arbeit

Was auf den ersten Blick wie Faulheit wirkt, kann in Wirklichkeit eine ernstzunehmende psychische Störung sein: Arbeitssucht. Das klingt im Falle von Stefan paradox, doch Arbeitssüchtige sind nicht nur typische Workaholics in Top-Positionen, die quasi Tag und Nacht arbeiten. Auch Menschen, die vor lauter Perfektionismus Arbeit gar nicht oder nur sehr langsam erledigen, sind betroffen. Selbst wenn sie nicht so produktiv sind wie klassische Workaholics, drehen sich bei ihnen alle Gedanken um die Arbeit. Sie haben höchste Ansprüche an sich selbst, wollen Aufgaben möglichst effizient erledigen. Gerade das lähmt sie häufig.

Der Psychologe Stefan Poppelreuther, der mehrere Bücher zum Thema Arbeitssucht veröffentlicht hat, ist sich sicher: „Die Sucht nach Arbeit ist ein zunehmendes Problem in unserer Gesellschaft“. Schätzungen zufolge leiden etwa 200 000 Männer und Frauen in Deutschland an einer der Ausprägungen der Arbeitssucht. Laut einer empirischen Studie soll jeder siebte Arbeitnehmer in der Bundesrepublik arbeitssuchtgefährdet sein. Besonders betroffen seien dabei soziale Berufe, Menschen in Führungspositionen oder auch Selbständige.

Als müsste Lebensrecht durch Arbeit bewiesen werden

Das Problem wird oft nicht als solches erkannt: Kollegen, die länger im Büro bleiben, Akten mit nach Hause nehmen oder die Mittagspause ausfallen lassen, werden häufig bewundert. „Tüchtigkeit und Einsatzbereitschaft werden immer noch als Grundfesten der Leistungsgesellschaft angesehen“, sagt Poppelreuther. Betroffene selbst fühlten sich oft, als müssten sie sich ihr Lebensrecht erst durch Arbeit beweisen.

Der heute 60 Jahre alte Stefan sagt, dass er sich fast nur über den Erfolg seiner Arbeit definiert habe. Er glaubt, diese Einstellung durch sein Elternhaus mitbekommen zu haben. Wissenschaftler gehen davon aus, dass eine Neigung zur Arbeitssucht zwar nicht genetisch vererbt, aber im Kindesalter „erlernt“ werden kann. Stefan ist sich heute sicher, dass schon sein Vater süchtig war. Er habe nie aufhören können zu arbeiten. „Wenn unser Vater um sieben Uhr heimgekommen ist, war das schon früh“, sagt Stefan, der selbst als „arbeitsgehemmt“ gilt. Das habe das ganze Familienleben belastet. Das Perfide: Arbeitssucht ist eine lebenslange Krankheit. Sie hört selbst dann nicht auf, wenn der Arbeitsalltag endet. Stefans Vater habe, selbst als er über 80 Jahre und Rentner war, ständig gefragt: „Was gibt es noch zu tun?“

Entscheidungsschwäche als Aspekt

Auch Stefans Variante der Arbeitssucht kann sich auf Beziehungen auswirken. So meint der Ingenieur, dass einer der Faktoren, weshalb seine langjährige Beziehung mit seiner Freundin in die Brüche gegangen ist, seine Entschlussschwierigkeiten sind. Er habe Entscheidungen häufig auf seine Partnerin abgeschoben. Entscheidungsschwäche ist ein Aspekt der Arbeitssucht.

Die Krankheit belastet aber nicht nur Beziehungen, sie kann auch konkrete gesundheitliche Folgen haben. Arbeitssucht kann zu Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, Ängsten, Kopfschmerzen und Herz-Kreislauf-Beschwerden führen. In Japan, das als Industriegesellschaft viele Arbeitssüchtige hat, gibt es sogar ein eigenes Wort für den Tod durch Überarbeitung: „Karoshi“.

Trotzdem ist die Diagnose „Arbeitssucht“ nicht offiziell medizinisch anerkannt. Hilfe in Form von Therapien und Klinikaufenthalten gibt es meist wegen Erkrankungen, die aus der Arbeitssucht hervorgehen: Burn-Out, Alkohol- oder Drogenmissbrauch, Herzprobleme.

Selbsthilfegruppe für Arbeitssüchtige

Frank Stefan erkannte erst mit etwa 30 Jahren, dass seine Arbeitsprobleme wohl von einer psychischen Störung herrühren. Zu diesem Zeitpunkt war bereits sein Ingenieursstudium an einer Uni gescheitert, mit Ach und Krach hatte er den Abschluss auf einer Fachhochschule geschafft. Er arbeitete zwar inzwischen als Ingenieur, aber auch hier besserte sich sein Hang dazu nicht, Dinge aufzuschieben. Über eine ebenfalls betroffene Bekannte stieß er auf eine Selbsthilfegruppe für Arbeitssüchtige. Der Besuch dort öffnete ihm die Augen. Anfangs habe er jedoch große Probleme gehabt, sich einzugestehen: „Ich bin arbeitssüchtig“. Gerade weil er eben nicht die klassische Variante habe. Durch die Gruppe habe er dann aber erkannt, dass er nicht allein mit seinem Problem sei.

Mittlerweile gibt es fast in jeder größeren Stadt eine anonyme Gruppe für „Workaholics“. Etwa die Hälfte der Gruppenteilnehmer zählt dabei zu den „Arbeitsaufschiebern“. In den Gruppentreffen reden die Teilnehmer über ihre Probleme, hören den anderen zu und versuchen so letztlich, ihre Einstellung zur Arbeit zu verändern. Frank Stefan sagt, dass ihm die Treffen noch heute helfen: „Es gibt immer wieder lichte Momente, wo mir etwas über mich selbst klar wird“. Der Sechzigjährige konnte schließlich trotz seiner Probleme 30 Jahre bei dem gleichen Unternehmen als Ingenieur arbeiten. Jetzt denkt er jedoch über Altersteilzeit nach.

Die „saubere“ Sucht

Dass „Workaholics“ Suchtprobleme haben, wird oft angezweifelt. Oberflächlich betrachtet handelt es sich um eine „saubere“ Sucht: Der Arbeitssüchtige wirkt aktiv, erfolgreich und scheint sein Leben weitestgehend im Griff zu haben, während etwa alkoholkranke oder spielsüchtige Menschen als labil und außengesteuert gelten. Doch das Konzept der Selbsthilfegruppen gleicht eins zu eins den Treffen der Anonymen Alkoholiker: Alle Gruppenmitglieder bleiben unerkannt, sprechen sich nur mit Vornamen an.

Außerdem gibt es hier die berühmten zwölf Schritte, die den anonymen Arbeitssüchtigen zur Genesung führen sollen. Stefan erklärt, warum Arbeitssucht eine Sucht wie jede andere ist: „Hier geht es darum, etwas zu betäuben, was ich nicht spüren mag. Zum Beispiel mein Alleinsein.“Die Anonymen Arbeitssüchtigen sind in ganz Deutschland in Selbsthilfegruppen organisiert. Nahe gelegene Gruppen findet man etwa unter: www.arbeitssucht.de.

Quelle: F.A.Z.
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