Lebensmittel aus Rhein-Main

Bauern: Produkte aus Region besser fördern

Von Thorsten Winter, Gernsheim
 - 09:32

Eine süddeutsche Zeitung hat Tarek Al-Wazir neulich zum Landwirtschaftsminister Hessens gekürt. Dabei ist der Grünen-Politiker für die Landwirte gar nicht zuständig. Vielmehr zeichnet seine Parteifreundin Priska Hinz im Kabinett Bouffier sozusagen als Land-Frau. Gleichwohl hat Al-Wazir gestern in Gernsheim vor Bauern gesprochen, aus Anlass der Landwirtschaftlichen Woche Südhessen. Unter Landwirten genießt der Wirtschaftsminister den Ruf, er sei „ein Mann, mit dem man kann“, sagt Willi Billau, der Chef des Regional-Bauernverbands Starkenburg. Und auf Beifall stieß der Rat von Al-Wazir an die versammelten Agrar-Unternehmer, sie sollten ihr Geschäft auf mehrere Beine stützen.

Eines dieser Beine ist die auch unter den Grünen beliebte Direktvermarktung regionaler Lebensmittel wie Zwiebeln, Kartoffeln, Spargel und Obst. Viele Höfe machen das, weil sie bessere Preise erzielen als im Großhandel. Insofern läuft Al-Wazir auch Bauern, die es nicht so mit den Grünen haben, das offene Hoftor ein. Landwirte in Südhessen bieten ein gutes Beispiel für die Direktvermarktung, sagt etwa Thomas Kunz, Vize-Präsident des hessischen Bauernverbands. Der in der CDU engagierte Bauer aus Heidenrod im Rheingau-Taunus-Kreis kennt jedoch auch die Hürden, vor denen so mancher Landwirt steht. Vielerorts fehle das Handwerk dahinter. Kunz meint den Mangel an Metzgern und Schlachthöfen, die etwa Schweine und Rinder verarbeiten und Erzeugern den Vertrieb über Hofläden und Marktstände erst ermöglichen.

Ein Dorn im Auge: die Flut neuer Regelungen

Schweinebäuerin Kathrin Seeger aus Otzberg hat aus eben diesem Grund 2014 die Direktvermarktung aufgegeben. Nachdem sich ihr Metzger verabschiedet hatte, rückte kein Junger nach. Sie und ihr Mann Peter hätten gut 60000 Euro in ein Schlachthaus investieren müssen, in einer Zeit niedriger Schweinepreise. Das kam wirtschaftlich nicht in Frage. Vor diesem Hintergrund fordert Kunz das Land auf, für einen Produktionsketten-Manager zu sorgen. Landfrauen-Chefin Hildegard Schuster setzt noch einen drauf: Hessenweit erzeugte Lebensmittel müssten stärker in die Gemeinschaftsverpflegung einbezogen werden. Sie denkt dabei an Kindertagesstätten und Schulen. Zu diesem Zweck könnte das Land durchaus auch Steuergelder einsetzen.

Wolfgang Dörr ist einer jener Bauern, die viele Verbraucher und Politiker gerne sehen: „Ich baue selbst an und verkaufe auf dem Markt.“ Und zwar nicht nur an Ältere und Wohlhabende, die laut Agrarmarktexperte Hans-Christoph Behr gerne bei Direktvermarktern einkaufen und das vermehrt – sondern auch an junge Leute, darunter viele schwangere Frauen, wie der Bauer aus Groß-Gerau sagt. So weit, so gut, doch auch bei Dörr ist nicht alles eitel Sonnenschein. Ihn nervt die Flut neuer Regelungen. So musste er nach seinen Worten gerade erst 8500 Euro in ein anderes Waagensystem investieren. Die neue Technik erlaube Kontrolleuren, Daten per USB-Stick zu ziehen. Das koste Geld, bringe ihm aber keinen Mehrwert. Gleiches gilt laut Billau für die Vorgabe, nun zwölf Mal in Jahr über den Bestand an Pflanzenschutzmitteln zu berichten statt vierteljährlich wie bisher. „Das bindet zwei, drei Kräfte, die früher im Betrieb gearbeitet haben“, sagt Dörr.

Mehr Platz für Zuchtsauen

In so manchem Fall existenzbedrohend ist nach den Worten von Bauernpräsident Karsten Schmal ein Erlass aus dem Hause Hinz, nach dem Schweinehalter mehr Platz für Zuchtsauen schaffen sollen. Demnach müssten die Bauern innerhalb eines halben Jahres nach Aufforderung durch den Veterinär ein Konzept vorlegen und bis Jahresende ihre Ställe umbauen. Dies betrifft auch Höfe, die erst vor ein paar Jahren für den tierwohlgerechten Umbau ihrer Ställe gefördert worden sind, wie Schmal sagt. Anlass für den Erlass ist ein Urteil, das ein Magdeburger Gericht gegen einen Großmäster mit 60000 Schweinen gefällt hat und das mehr Platz für Sauen in der Paarungszeit fordert. Derzeit werden Sauen während der Besamung in 65 bis 70 Zentimeter breiten Boxen gehalten.

Anders als andere Minister in Deutschland hat Hinz das Urteil aufgegriffen. Das ärgert Schweinehalter wie die Seegers nicht nur, weil sie sich etwa gegenüber Kollegen in Bayern benachteiligt sehen: Der Erlass schade dem Tierwohl. Im Stall zeige sich, dass Sauen nicht so viel Platz beanspruchten, wie es das Magdeburger Gericht vorgebe. Zudem führe mehr Platz dazu, dass sich Sauen bei Rangkämpfen verletzten. Nun hoffen Schmal und die Seegers auf einen Gemeinschaftsantrag mehrerer Bundesländer und längere Übergangsfristen. Im März soll er von den Länder-Agrarministern beschlossen werden. Zurückhaltend beurteilt Schmal die Aussichten des von Al-Wazir beworbenen Öko-Landbaus. Der Grund: 2017 kommt durch die Umstellung konventioneller Höfe mehr Menge auf den Markt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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