Diversity in der Großbank

Bewusstsein für ein Nischenthema schaffen

Von Tabea Stock
 - 06:05

Den 16. September 2012 wird Patrick Seidel nie vergessen. Es ist der Tag, an dem bei einem Motorradunfall sein Bein zertrümmert wurde. Der damals 23 Jahre alte Student hatte gerade seinen Bachelor in Wirtschaftsinformatik abgeschlossen, arbeitete berufsbegleitend bei der Commerzbank. Er plante, direkt im Anschluss daran den Master zu machen. Der Unfall aber warf ihn aus der Bahn. „Ich hatte nie Krankheiten, war mit der Situation total überfordert.“ Trotzdem entschied er sich nach einem halben Jahr Therapie dazu, den Master planmäßig zu beginnen.

Seidel wollte schnell wieder fit werden, seine berufliche Laufbahn weiterverfolgen. Und übernahm sich: „Das Arbeiten, das Studium und die Physiotherapie waren einfach zu viel für mich.“ Er wurde beurlaubt. Weil die Schmerzen an der eingesetzten Knieprothese nicht aufhörten, musste sich Seidel in den darauf folgenden drei Jahren immer weiteren Operationen und Reha-Maßnahmen unterziehen. Und schließlich entdeckten Ärzte multiresistente Keime in Seidels Knieprothese. Darauf folgte im Jahr 2015 ein „OP-Marathon“, Seidel wurde eine neue Prothese am Knie eingesetzt.

Mitglied des Netzwerks „Ideal“

Seit knapp zwei Jahren ist er nun schmerzfrei. Der Datenbank-Spezialist der Commerzbank setzt sich dafür ein, innerhalb des Institus Bewusstsein für Menschen mit Behinderung zu schaffen. Er ist Mitglied des Netzwerks „Ideal“, das den Austausch von Mitarbeiten mit Behinderung fördern möchte.

Das im April initiierte Projekt ist nur ein Bestandteil des „Aktionsplan Inklusion“, den die Commerzbank anlässlich des heutigen Diversity-Tages veröffentlicht. Mit der Unterzeichnung der Charta der Vielfalt der Vereinten Nationen im Jahr 2007 verpflichte sich die Privatbank, Behinderte aktiv zu fördern. Anlässlich des 6. Diversity-Tages will die Commerzbank nun „Flagge zeigen für Vielfalt“, sagt die Diversity-Beauftragte Nina Semprecht. Die Inklusion stehe in diesem Jahr im Mittelpunkt. „Wir wollen mit dem Aktionsplan für ein Nischenthema Bewusstsein schaffen.“

Es geht um die Akzeptanz von Kollegen

Dazu solle vor allem eine klare Positionierung des Unternehmens beitragen. Die Bank will unter anderem anhand von internen Workshops und durch die Unterstützung der Mitarbeiternetzwerke ein „vorurteilsfreies Arbeitsumfeld schaffen“. Dazu zählen neben einem barrierefreien Zugang zu den Gebäuden auch Prävention und Gesundheitsmanagement. „Letztlich geht es um die Akzeptanz von Kollegen mit Behinderung“, sagt die Diversitäts-Beauftragte.

Auch Seidel brauchte Zeit, bis er seine Behinderung akzeptierte, sagt er. Der duale Student habe Angst gehabt, auf seine Einschränkung reduziert zu werden. Deshalb habe Seidel im Arbeitsumfeld meistens seine Einschränkungen verschwiegen, sich den Kollegen gegenüber verschlossen. Weil er nächtelang vor Schmerzen nicht schlafen konnte, wirkte er oft müde und erschöpft. Das löste Spekulationen unter Seidels Kollegen aus. „Ich hatte Glück, dass mein damaliger Gruppenleiter verständnisvoll war und mich auch im Arbeitsumfeld in Schutz genommen hat.“ Mittlerweile hat Seidel seine Behinderung akzeptiert. „Ich kommuniziere offen gegenüber Kollegen und Vorgesetzten, dass ich eine Prothese habe.“

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenCommerzbankGroßbankUN