Arbeitsplatz mit Deutschkurs

Ein Lächeln ist wichtiger, als Deutsch zu können

Von Philipp Schulte
 - 09:37

Danny Cando Bravo bringt eine Pizza nach der anderen an den Mann. Es herrscht Hochbetrieb am Donnerstagmittag im Restaurant „Mondo“ im Terminal 2 des Frankfurter Flughafens, in Sichtweite von Gate D21 gelegen. Die Leute sitzen und stehen an braunen Holztischen, es riecht nach Essen. Der Ecuadorianer Cando Bravo, schwarzes nach hinten gekämmtes Haar, freundliches Lächeln, Namensschild an der Brust, bringt eine Pizza Margherita und eine Pasta Mediterranea zu zwei Frauen. Sie sitzen hinten links am Fenster, genießen den Blick aufs Rollfeld.

Cando Bravo hat nur Augen für die Gäste. Schon nimmt er die nächste Bestellung auf. Sie landet in der Küche, bei Miguel Gonzáles Peña. Der Spanier mit den blond gefärbten Haaren und der schwarzen Schürze bereitet die Gerichte zu. Neben den italienischen hat er auch deutsche in petto, wie „Weißwürste mit Brezeln“. Den Begriff kann er auf Deutsch aussprechen, obwohl er sonst nur Spanisch spricht, während die Kollegen Deutsch oder Englisch sprechen.

700 Mitarbeiter aus 70 Nationen

Das Restaurant „Mondo“ gehört zum Unternehmen Casualfood, das 700 Mitarbeiter beschäftigt. Von diesen ist Gonzáles Peña der einzige, der weder Deutsch noch Englisch spricht. Trotzdem weiß sich der Siebenundzwanzigjährige, der aus Teneriffa stammt, zu helfen. „Ich rede viel mit den Händen oder der Mimik“, sagt er. Oder er bittet seine spanischsprachigen Kollegen, zu übersetzen. Er ist seit vergangenem Jahr in Deutschland und lernt die Sprache. Im Sprachkurs und mit seinem deutschen Lebensgefährten.

Unter den 30 Mitarbeitern im „Mondo“ sind 18 Nationalitäten vertreten. Das ist typisch für die insgesamt 61 Geschäfte, die Casualfood an Flughäfen und Bahnhöfen in Deutschland betreibt. Mitarbeiter aus 70 Nationen gibt es bei Casualfood, darunter welche von den Fidschi-Inseln, aus Neuseeland, Bangladesch, Togo, Nepal oder von der thailändischen Insel Ko Samui. Einige können nur Englisch.

Einmal in der Woche ein Deutschkurs

„Es ist kein Hindernis bei uns, wenn man kein Deutsch spricht“, sagt Personal-Chef Michael Seidel. „Unsere Mitarbeiter bekommen einen Zettel mit deutschen und englischen Redewendungen“, sagt er. Außerdem biete Casualfood seit eineinhalb Jahren einmal in der Woche einen Deutschkurs an. Dieser werde ganz gut angenommen.

Das Kursangebot solle die Attraktivität des Unternehmens steigern. Wie viele deutsche Firmen hat auch Casualfood mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen. „Wir suchen neue Mitarbeiter“, sagt Seidel. Auf einem Flyer steht: „Take your chance.“ Ergreife die Chance. Um Nachwuchs zu generieren, arbeitet Casualfood neben der Bundesagentur für Arbeit mit Organisationen zusammen, die sich um Migranten oder sozial benachteiligte Menschen kümmern.

Niedrige Einstiegshürden

Casualfood bildet zum Einzelhandelskaufmann und zum Verkäufer aus. 15 Auszubildene hat das Unternehmen derzeit. „Unser Fokus lag in den vergangenen Jahren nicht auf der Ausbildung. Das soll sich ändern“, sagt Seidel, der selbst erst seit vergangenem Jahr dabei ist. Die Einstiegshürden seien niedrig, ein Schulabschluss keine Pflicht. Es gehe eher um soziale Kompetenzen: gut mit den Kunden umgehen können – und lächeln.

Das musste Geschäftsführer Michael Weigel auch, als er das Unternehmen 2005 zusammen mit Stefan Weber gründete. Weigel lief anfangs mit Brezeln anstatt Pizzen am Gate des Rhein-Main-Airports entlang. „Ich habe die Nacht vor meinem ersten Arbeitstag als Breze-Bub schlecht geschlafen. Wir wussten nicht, wie es angenommen wird“, sagt er. Schließlich hatte der studierte Volkswirt sechs Wochen zuvor seinen Job gekündigt, um etwas Neues zu wagen. „Was machen wir, wenn keiner etwas kauft?“, fragte er sich.

Cappuccino für 4,20 Euro

Doch am Abend des ersten Tages seien 995 Euro in der Kasse gewesen, sagt er. Sie hätten gemerkt, dass Bedarf bestehe. Hinter dem Verkaufen am Flughafen stecke ein psychologisches Konzept. Wenn die Reisenden die Koffer abgegeben hätten und durch die Sicherheitskontrolle gegangen seien, falle der Stress ab. „Die Leuten fühlen sich dann in Sicherheit und können sich anderen Dingen widmen“, sagt Weigel. Essen, trinken, sich bei einem Bier auf den Urlaub freuen.

So wie die zwei Männer, die an diesem Mainachmittag im „Mondo“ sitzen und gleich nach Madrid fliegen. Die 5,50 Euro für den halben Liter finden sie jedoch ganz schön happig. Auch Rosemarie und Clemens Schmid aus Karlsruhe warten im „Mondo“ auf ihren Abflug nach Kreta. Der Cappuccino für 4,20 Euro ist ihnen jedoch zu teuer. „Und dann kommt er auch noch in einem Pappbecher statt in Porzellan. Das ist nicht umweltfreundlich.“

51 Millionen Umsatz im vergangenen Jahr

Casualfood, das übersetzt lockeres Essen heißt, begründet die hohen Preise mit den besonderen Bedingungen am Flughafen. „Es gibt andere Bauauflagen, höhere Mieten und eine andere Anlieferung als zum Beispiel in der Innenstadt.“ Jeder Lieferant müsse sich vorher einer Sicherheitskontrolle unterziehen. Woanders hingegen könnten die Lieferwagen direkt an das Geschäft fahren.

51 Millionen Umsatz hat das Unternehmen im vergangenen Jahr gemacht. Die zwölf Marken seien bis auf eine selbst erfunden, sagt Weigel. Sie heißen Basta, Hermanns, Quicker’s, Italissimo oder Natural. Man findet sie unter anderem in Frankfurt, Düsseldorf oder Köln, der Firmensitz befindet sich im Frankfurter Airport-Center. Seit der Gründung wächst das Unternehmen, Casualfood will weiter expandieren. Am Flughafen Berlin-Brandenburg haben sie mehrere Geschäfte gebaut. Die warten darauf, endlich in Betrieb zu gehen – seit 2011.

Quelle: F.A.Z.
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