Datacenter-Branche

Wie mehrere neue Kleinstädte

Von Thorsten Winter
 - 14:29

Und wieder wächst Frankfurt um eine Kleinstadt. Das gilt zumindest mit Blick auf den möglichen Stromverbrauch in dem gerade von Interxion angekündigten Neubau. Der Rechenzentrumsbetreiber wird auf seinem Campus im Frankfurter Ostend bis Ende nächsten Jahres sein 14. Datacenter errichten lassen. Im Endausbau wird die Fra 14 genannte Immobilie an der Hanauer Landstraße 4600 Quadratmeter für Hochleistungsrechner von Kunden bieten. Interxion (gesprochen: Inter-Action) sorgt für Strom und Kühlung sowie Sicherheit rund um die Uhr – dies sind die Merkmale des Co-Location genannten Geschäftsmodells. Allein die zehn Megawatt Leistung von Fra 14 reichen rechnerisch für 7000 Mehrpersonenhaushalte. Das Unternehmen ist einer von etwa 40 Anbieter solcher Dienste in Frankfurt und einer der größten und wachstumsstärksten Betreiber.

Die deutsche Tochtergesellschaft eines an der Börse gelisteten niederländischen Konzerns will mit dem Neubau seinen sogenannten Cloud-Hub erweitern. Damit spielt es auf die wachsende Zahl von Anbietern von Cloud-Computing („Software aus der Steckdose“) an, die Rechner in den Campus im Ostend einstellen. Zu den führenden Cloud-Anbietern weltweit gehören Amazon Web Services, Google, IBM, Dropbox und Microsoft, aber national auch SAP und Cancom aus Deutschland.

Steigende Nachfrage für Stellflächen

Die Nachfrage nach mehr Stellflächen für Rechner kommt aber nicht nur aus der Cloud. Branchenvertreter führen zudem den Mittelstand als Wachstumstreiber an. „Wir verzeichnen in allen Märkten und Kundensegmenten weiterhin eine starke Nachfrage und weiten unser Investitionsprogramm entsprechend aus“, sagt Interxion-Geschäftsführer Jens Prautzsch.

Anders als in den neunziger Jahren und der ersten Zeit nach der Jahrtausendwende bauen Datacenter-Betreiber neue Flächen längst nicht mehr spekulativ, wie der Bad Homburger Branchenkenner Gerd Simon sagt. Dazu passt die Aussage von Prautzsch, Unternehmen zeigten lebhaftes Interesse an den neuen Kapazitäten. Béla Waldhauser, Chef des Konkurrenten Telehouse im Gallus, hat zu bedenken gegeben, das Zeitalter der Cloud habe erst begonnen. Und wenn erst einmal autonomes Fahren sich greife, würden noch weitaus größere Rechner-Kapazitäten benötigt, meint er.

Neue Standorte in Frankfurt

Mit dieser Ansicht steht er nicht allein da. Telehouse will einen Neubau mit 2200 Quadratmetern vermietbarer Fläche und einer Leistung von 3,6 Megawatt an der Kleyerstraße errichten lassen. Kosten soll das Gebäude 40 Millionen Euro. Der jüngste Neubau ist zwar erst anderthalb Jahre alt, aber schon so gut wie voll. Mitbewerber Equinix errichtet in diesem Jahr gleich drei Standorte in Frankfurt aus. Wie Geschäftsführer Donald Badoux sagt, kommen an der Kleyerstraße sieben Megawatt Leistung hinzu, an dem erst 2017 erweiterten Campus Lärchenstraße neun Megawatt und in Bergen-Enkheim sogar 18 Megawatt. Das entspricht dem Strombedarf mehrerer Kleinstädte. Zudem ertüchtigt die Firma ihren Standort Gutleutstraße.

Erst im November vergangenen Jahres hatte Interxion des Bau von Fra 13 in Aussicht gestellt und sechs Monate zuvor das zwölfte Rechenzentrum angekündigt. Fra 12 ist mit Baukosten von annähernd 20 Millionen Euro vergleichsweise billig. Nummer 13 soll 90 Millionen Euro verschlingen und das neueste Datacenter 76 Millionen Euro. Von den Neubauten profitieren allerlei Handwerksbetriebe und Dienstleister, die die Datacenter für die Betreiber errichten und einrichten.

Mehr Verbindungen zwischen Asien und Europa

Politiker machen dabei den Fehler, nur die Investition in Datacenter in Relation zu deren überschaubarer Mitarbeiterzahl zu sehen, wie Wong Wai Meng meint. Der Manager aus Singapur verweist auf fünf weitere Euro an Wertschöpfung bei anderen Firmen, die eine Investition in ein Rechenzentrum nach sich zieht. Meng ist Chef von Keppel Data Centers in Singapur und gerade in Frankfurt zu Gast, denn das Unternehmen hat das ehedem von der amerikanischen Großbank Citigroup im Norden Frankfurts an der A 661 gebaute Datacenter übernommen. Keppel betreibt in Asien zehn Datacenter und neun in Europa, ist aber auf dem Frankfurter Markt ein Neuling. Am Mittwochabend stellte sich Meng bei einer Feier auf einem Mainschiff vor.

Zu den Gästen zählten Vertreter des Frankfurter Internetknotens De-Cix, des größten seiner Art überhaupt. Keppel hat den schon in knapp 30 Datacentern in Frankfurt präsenten De-Cix-Betreiber als Partner gewonnen und kann sein Rechenzentrum am Martinszehnten mit dessen Markenzeichen bewerben. Wie Jens Peter Müller, Geschäftsführer von Keppel Data Centre Holdings Deutschland, sagt, besteht die Hauptaufgabe darin, aus bisher auf eine Bank zugeschnittenen Immobilie einen Ort für viele Mieter zu machen.

Keppel will der Nachfrage asiatischer Firmen nach Flächen für Hochleistungsrechner gerecht werden und mehr Verbindungen zwischen Asien und Europa ermöglichen. Zudem verspricht das Unternehmen mehr Preistransparenz, als bisher vorhanden sei.

Quelle: F.A.Z.
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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