Die neuen Frankfurter

Hochmotiviert, aber gering qualifiziert

Von Martin Ochmann
 - 06:56

Beatrix Baumann, Leiterin der Drogenhilfeeinrichtung „Eastside“, erinnert sich gut an ein Gespräch, das sie einmal mit einem Mann aus Osteuropa führte. Er berichtete ihr, dass er unbedingt arbeiten wolle, und fragte, was er in Frankfurt tun könne. Der Mann sagte, er sei Melker.

Baumann, die für die Grünen im Sozialausschuss sitzt, erzählte die Anekdote, um die Kluft zwischen dem Anspruch ausländischer Arbeitssuchender und der Wirklichkeit auf dem Frankfurter Arbeitsmarkt anschaulich zu machen. Sie tat es unter dem Eindruck dessen, was Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) kurz zuvor in der jüngsten Sitzung des Ausschusses referiert hatte. Die hatte den ersten Frankfurter Sozialbericht für den Berichtszeitraum 2007 bis 2014 vorgestellt, und zwar jenen Teil, in dem es um Arbeitsmarkt, Beschäftigung und Zuwanderung geht. Die Reaktionen reichten von „nachdenklich stimmend“ über „krass“ und „traurig“ bis zu „erschütternd“.

Stark verkürzt hatte Birkenfeld unter anderem Folgendes vorgetragen: Der Frankfurter Arbeitsmarkt boomt und steht im bundesweiten Vergleich exzellent da. Allerdings haben die Frankfurter selbst wenig davon. Denn von allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind 65 Prozent Einpendler und nur 35 Prozent Einwohner. Birkenfeld sagte weiter, die Vollzeitbeschäftigung habe an Bedeutung verloren, während Teilzeitbeschäftigung und geringfügige Beschäftigung zunähmen.

Hohes Beschäftigungsrisiko

Zum Bild des hiesigen Arbeitsmarkts gehört auch, dass das Anforderungsniveau überdurchschnittlich hoch ist. Unterteilt man Arbeitnehmer grob in die vier Gruppen Helfer, Fachkräfte, Spezialisten und Experten, ist der Anteil der letzten beiden Gruppen mit 36 Prozent in Frankfurt besonders hoch – im bundesweiten Durchschnitt liegt er bei 25 Prozent. Weniger als zehn Prozent hingegen entfallen auf Helfer und Fachkräfte, der Bundesschnitt beträgt 14 Prozent.

Das alles hat Konsequenzen für eine Personengruppe, die Birkenfeld speziell in den Blick nahm: die Ausländer aus EU-Staaten, die besonders viele Zuwanderer stellen. Sie werden eingeteilt in drei Gruppen, nämlich Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Litauen, Lettland und Estland (sogenannte EU-8-Staaten), die später der EU beigetretenen Länder Rumänien und Bulgarien, und schließlich Zuwanderer aus Griechenland, Italien, Spanien und Portugal. „Insbesondere ausländische Personengruppen sind einem hohen Beschäftigungsrisiko ausgesetzt“, sagte die Dezernentin. Sprich, viele dieser Menschen finden gar keine Arbeit oder nur Arbeit in Branchen, in denen sie besonders schlecht entlohnt werden; der Sozialbericht nennt das Gastgewerbe und die Reinigungsbranche.

Asylbewerber und Flüchtlinge spiegeln sich laut Jugend- und Sozialamt nur sehr begrenzt in vorliegenden Arbeitsmarktdaten und damit auch im Sozialbericht wider. Gründe seien unter anderem die hohen Fallzahlen, die damit einhergehende schleppende Registrierung sowie die Tatsache, dass Asylbewerber, wenn sie denn eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten haben, erst nach drei Monaten Wartezeit eine Beschäftigung aufnehmen dürfen.

Mit Blick auf die Menschen aus den EU-Zuwandererstaaten spricht der Sozialbericht von einer „hohen Arbeitslosendichte“. Mit jeweils 6,2 Prozent lag er bei den Zuwanderern aus Rumänien und Bulgarien sowie Griechenland, Italien, Spanien und Portugal höher als bei den Angehörigen der EU-8-Staaten, die auf 5,2 Prozent kamen. Unter den deutschen Staatsangehörigen lag die Quote bei 4,5 Prozent.

Der Sozialbericht hält weiter fest, dass der Anteil der deutschen Arbeitslosengeld-II-Bezieher stark zurückgegangen sei, wohingegen derjenige der ausländischen Leistungsempfänger insbesondere seit 2010 zugenommen habe, was wiederum in erheblichem Maße mit dem Anstieg der Bezugszahlen aus den genannten europäischen Staaten zusammenhänge. In der Folge sei der Anteil der ausländischen Arbeitslosengeld-II-Bezieher an allen Arbeitslosengeld-II-Beziehern im Jahr 2014 auf 47 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: 2010 hatte er erst 40 Prozent betragen.

50 Euro für ein Klassenzeugnis

Dieses Auseinanderdriften findet sich auch in einer aktuellen Statistik der Stadt Frankfurt wieder. Demnach lag der Anteil ausländischer Hartz-IV-Bezieher Ende 2016 bei 44 Prozent, bei den Deutschen betrug er knapp 56 Prozent. Damit habe sich der Anteil deutscher Leistungsempfänger in den vergangenen zehn Jahren um fünf Prozentpunkte verringert.

Die sich öffnende Schere zwischen Deutschen und Ausländern findet sich auch in der sogenannten SGB-II-Quote wieder. Gemeint ist das Zweite Sozialgesetzbuch, das die Grundsicherung für Arbeitssuchende in Deutschland regelt. Es umfasst das Arbeitslosengeld II, auch Hartz IV genannt, das Sozialgeld, Leistungen für Langzeitarbeitslose sowie die Regelungen für „Aufstocker“, deren Verdienst für den Lebensunterhalt nicht reicht.

Mit Blick auf diese Quote hält das Integrations- und Diversitätsmonitoring des Amts für multikulturelle Angelegenheiten fest, dass der Anteil der männlichen Ausländer seit 2007 bei rund 15 Prozent nahezu stagniert, während der Anteil der männlichen Deutschen im selben Zeitraum um gut zwei Punkte auf 7,5 Prozent gesunken ist. Auch bei den Frauen liegt die Quote der Ausländer deutlich oberhalb jener der Deutschen (17,2 zu 6,9 Prozent, siehe Grafik).

Therese Neuer-Miebach, Professorin für Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit, Behinderung und Gesundheit sowie Sozialpolitik an der Frankfurt University of Applied Sciences, überrascht die Tendenz nicht. „Ausschlaggebend ist das Qualifikationsniveau dieser Menschen“, sagt sie. Das ist der Punkt, den auch der Sozialbericht benennt: Die Menschen, die nach Frankfurt kommen, sind oft gar nicht oder gering qualifiziert. Von den arbeitslosen Ausländern im Jahr 2014 hatten mehr als 77 Prozent keine abgeschlossene Berufsausbildung, rund 13 Prozent nur eine schulische Ausbildung, mit gut 86 Prozent war der Anteil der Menschen ohne Berufsausbildung aus Bulgarien und Rumänien überdurchschnittlich hoch. Auf dem Frankfurter Arbeitsmarkt haben sie keine Chance.

Und selbst wenn die Zuwanderer, die nach Frankfurt kommen, gut qualifiziert sind, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie zunächst einmal Leistungen nach SGB-II beziehen müssen. Ausschlaggebend ist die Sprache.

Beim Team Stadtmitte der Fachdienste für Migration im Caritasverband an der Rüsterstraße sind diese Biographien bekannt, dorthin wenden sich die Menschen mit ihren Problemen. Unter ihnen sind viele Kroaten, für die seit 2015 Freizügigkeit gilt. Deren Zahl ist seit 2013 sprunghaft gestiegen, sie zählen mit Rumänen und Polen zur größten Gruppe der Zuwanderer nach Frankfurt (2865 Personen im Jahr 2014). „Darunter sind viele mit Hochschulabschluss und die ganze Bandbreite der handwerklichen Berufe“, sagt Beraterin Drazena Bresic. Die Leute würden auch schnell Arbeit finden. „Allerdings entspricht die nicht ihrer Qualifikation.“

Frauen, die in Kroatien Lehrerinnen waren, werden Gebäudereinigerinnen und Pflegehilfskräfte, Männer verdingen sich als Helfer in der boomenden Baubranche. Einem durchschnittlichen Monatslohn als Bauhelfer von 980 Euro stehen Frankfurter Mietpreise, Lebenshaltungskosten, Kosten für Integrationskurse, die teilweise selbst erbracht werden müssen, und auch Kosten für die Anerkennung von Dokumenten gegenüber. Das fange bei 50 Euro für ein Klassenzeugnis an, könne aber, je nach Dokument, auch einmal 600 Euro kosten. Solche Arbeitnehmer müssen oft aufstocken (siehe Grafik); sie haben zwar häufig eine Arbeit, der Verdienst reicht aber nicht für ein Leben in der teuren Stadt.

„Entwicklung nicht problematisch“

Der Frankfurter Sozialbericht thematisiert unter anderem die Situation der Rumänen und Bulgaren. Herbert Brücker, Leiter des Forschungsbereichs „Internationale Vergleiche und Europäische Integration“ am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit, plädiert für eine differenzierte Sichtweise. „Das ist kein rumänisches, sondern ein bulgarisches Phänomen“, sagt Brücker. Bundesweit betrachtet, liegt der Anteil der SGB-II-Leistungsbezieher an der Bevölkerung unter den EU-Staatsbürgern bei gut elf Prozent, mit 12,3 Prozent lägen Rumänen nur etwas höher, bei den Bulgaren dagegen seien es 31,6 Prozent.

Insgesamt hält Brücker die Entwicklung nicht für problematisch. Angesichts hoher Zuwanderungsraten falle die Leistungsbezugsquote moderat aus. Der Forscher sagt: „Die Erfahrung lehrt, dass die Neuzuwanderer im Zeitverlauf besser performen. Je länger die Menschen da sind, umso besser integrieren sie sich in den Arbeitsmarkt.“

DIE NEUEN FRANKFURTER
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ochmann, Martin
Martin Ochmann
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDaniela BirkenfeldBulgarienGriechenlandItalienPortugalRumänienSpanienCDUEuropäische Union