Gründerszene in Rhein-Main

Hoffen auf ein hessisches Einhorn

Von Falk Heunemann, Frankfurt
 - 09:33

So einen Milliardendeal hätten sicher viele gern: Vor gerade einmal sechs Jahren gründeten vier Kumpels ein Unternehmen, das nichts anderes tat, als Vermittlerplattformen für Lieferdienste anzubieten. Vergangenen Freitag wurde Delivery Hero (Pizza.de, Foodora, Lieferheld) an der Frankfurter Börse plaziert und erreichte eine Marktkapitalisierung von knapp fünf Milliarden Euro.

Die Idee und das Unternehmen entstanden allerdings in Berlin, nicht in Rhein-Main. Und Delivery Hero ist nur eins mehrerer „Einhörner“ aus der Hauptstadt, also ein Start-up, das noch vor dem Börsengang mindestens eine Milliarde Euro wert ist. Sogar in Tübingen (Curevac) und Göppingen (Teamviewer) gibt es welche. Nicht in der Wirtschaftsmetropole Frankfurt, nicht in der „Digitalen Stadt“ Darmstadt, nicht in Mainz und Wiesbaden. Dabei sind, sagt der Deutsche-Börse-Manager Eric Leupold, solche Einhörner wichtig, denn sie dienen als Vorbild und Anziehungspunkt für angehende Gründer.

„Berlin ist nun mal extrem günstig für Gründer“

Dabei müsste, glaubt man diversen Start-up-Studien, Frankfurt und Rhein-Main eigentlich konkurrenzfähig sein. Das amerikanische Gründerinstitut Startup Genome wählte zum Beispiel die Region in diesem Jahr erstmals unter die besten 50 Standorte für junge Unternehmen. Die Quote der gut ausgebildeten Softwareentwickler sei hier höher als im Silicon Valley, zudem sei der Kontakt zu den Konzernen sehr gut. Auch dass Stadt und Land in bester Lage ein Tech-Quartier für Fintech-Gründer eröffnet hatten, war den Analysten nicht entgangen. Allerdings auch nicht, dass es in der Region kaum Gründer von außerhalb gibt, Frauen, Ausländer und Migranten finden sich kaum unter ihnen – anders als zum Beispiel in Berlin, das auf Platz 7 kam.

Die Standorte haben guten Grund, sich um die Gründer zu bemühen, denn es gibt schlicht immer weniger Menschen, die bereit sind, ein neues Unternehmen aufzubauen, das Arbeitsplätze schafft und Steuern erwirtschaftet. Delivery Hero zum Beispiel beschäftigt inzwischen 5000 Mitarbeiter. Laut neuestem Gründungsmonitor der Förderbank KfW sank bundesweit die Zahl der Existenzgründer um ein Drittel in nur zwei Jahren. Dabei war sie schon auf niedrigem Niveau: Unter 1000 Personen im erwerbsfähigen Alter finden sich nur noch 13 Gründer. Angesichts der Konjunktur ist es attraktiver, einen gesicherten Job anzutreten.

In Frankfurt werde es in nächster Zeit wohl keine Start-ups geben, die einen Börsengang wagen, glaubt Stefan Müller, Chef des Frankfurter Finanzanalysten DGWA. Das liege an den Standortbedingungen am Main, sagt der ehemalige Investmentbanker, der selbst Börsengänge begleitet hat: „Berlin ist nun mal extrem günstig und Frankfurt extrem teuer für Gründer.“ Nicht nur Büromieten seien hier zu hoch und die verlangte Mindestmietdauer zu lang, auch die Lebenshaltungskosten orientierten sich mehr an Bankereinkommen als an Start-up-Chefs.

Frankfurt gelte nun einmal als Finanzplatz

Zwar würden Jungunternehmer in der Region bleiben, aber Existenzgründer aus Wolfsburg, Herne oder auch dem Ausland würden dann lieber ins billige Berlin gehen. Dorthin, wo sie erwarten können, viele Gleichgesinnte zu treffen, mit denen sie sich austauschen und zusammenarbeiten können. Zum anderen, sagt Müller, gelte Frankfurt nun einmal als Finanzplatz. „Start-ups in dieser Branche haben es schwerer als andere.“ Denn sie müssen besonders viele Regulierungsvorgaben beachten, etwa wenn sie Bankgeschäfte wie das mobile Bezahlen entwickeln. Dass es Fintech-Firmen nicht leicht haben, zeigt sich auch seit Jahren beim Frankfurter Gründerpreis: Unter den Bewerbern wie Gewinnern des mit 30000 Euro dotierten Preises fanden sich in den vergangenen Jahren nur wenige Fintechs. Also entweder stimmt das Selbstbild der Stadt als Fintech-Hauptstadt nicht, oder aber diese Branche braucht noch mehr Förderung.

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Denn auch mit der Finanzierung haben es Gründer in Rhein-Main schwerer als anderswo: Laut einer aktuellen Studie von EY (Ernst&Young) flossen im vergangenen Jahr mehr als eine Milliarde Euro an Risikokapital in Start-ups in Berlin. In ganz Hessen waren es nur 49 Millionen, weniger als in Bayern, Hamburg und Sachsen. Immerhin, es tut sich einiges: Nicht nur Banken, auch die Deutsche Börse hat ein Start-up-Zentrum für Gründer eingerichtet, um von deren Entwicklungen zu profitieren. Analyst Müller hält diese Versuche aber für halbherzig: „Die Konzerne müssen sich endlich zusammentun und gemeinsam überlegen, wie sie das Kostenproblem für junge Gründer lösen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Heunemann, Falk
Falk Heunemann
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung und bei dem Wirtschaftsmagazin Metropol.
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