Hassia-Seniorchef Hinkel

Noch mit 80 Jahren täglich im Büro

Von Wolfgang Oelrich
 - 22:50

Stillstand ist für Günter Hinkel Rückschritt. Für ihn muss es immer weitergehen. „Wer jung bleiben will, muss arbeiten“ – so lautet das Motto des Seniorchefs der Unternehmensgruppe Hassia, der im November seinen 80. Geburtstag gefeiert hat. Auch wenn er sich aus dem Tagesgeschäft heraushält, das er vor 15 Jahren seinem Sohn Dirk übertragen hat, kommt er jeden Morgen in sein Büro im Bad Vilbeler Stammsitz des Mineralwasserproduzenten. In erster Linie kümmert er sich um die gewerblichen Immobilien des 153 Jahre alten Familienunternehmens.

Hinkel ist ein Unternehmer alten Schlags. Gesellschaftliche Verantwortung ist für ihn Verpflichtung. Zu Bad Vilbel steht er „in jeder Hinsicht“. Rund 20 Projekte hat der Ehrenbürger in seiner Heimatstadt angestoßen, darunter die Rekonstruktion des gut sieben mal 4,75 Meter großen, aus 400.000 Teilen bestehenden Römer-Mosaiks (das Original liegt im Landesmuseum in Darmstadt), die Eisbahn, die Renaturierung der Nidda, das Haus der Begegnung, das Bäder- und Brunnenmuseum sowie – quasi als eigenes Markenzeichen – 40 von Künstlern, Bürgern und Schülern gestaltete, bis zu drei Meter hohe, in der ganzen Stadt verteilte, bunte „Perlflaschen“. Hassia beteiligt sich jeweils mindestens teilweise an der Finanzierung. „Wir verdienen unser Geld in der Region und geben es auch hier aus“, stellt der Seniorchef klar.

Eine der mineralhaltigsten Quellen Deutschlands

In der firmeneigenen, frei zugänglichen Römerquelle am Ufer der Nidda sprudelt das Wasser aus 278 Meter Tiefe empor. Rundherum haben sich dicke, rotbraune Eisenablagerungen gebildet. Mit 5000 Milligramm Mineralien pro Liter ist die Römerquelle eine der mineralhaltigsten Quellen Deutschlands. Am benachbarten Radweg fließt das Wasser aus einem Rohr. Sportler und Spaziergänger können dort ihre Trinkflasche kostenlos füllen.

Im Augenblick beschäftigt sich Günter Hinkel vor allem mit der ausführlichen Firmenchronik, die einmal in Buchform erscheinen soll. Wasser hat in Bad Vilbel eine lange Tradition. Der älteste Brunnen ist der Sauerbrunnen. Sein Wasser empfahl der Wormser Arzt Theodor Jacob 1581 als probates Heilmittel gegen „allerley Leibesblödigkeit“.

„Ausschließlich freundschaftlich“

Der Name Hassia (lateinisch für Hessen) entstand um 1900. Damals gab es vier Mineralquellen in Bad Vilbel. Das Wasser wurde in Tonkrüge abgefüllt. Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wollte jeder bohren, mehr als 30 Betriebe entstanden, viele im Nebenerwerb, von denen nach dem Zweiten Weltkrieg noch 21 existierten. Im Laufe der Zeit übernahm Hassia 17 dieser Betriebe. „Ausschließlich freundschaftlich“, wie Günter Hinkel betont. Viele Inhaber seien nach dem Verkauf bei Hassia tätig gewesen. Heute gehören 30 Quellvorkommen im Umkreis von 20 Kilometern rund um Bad Vilbel zu Hassia.

Die Qualität des Bad Vilbeler Mineralwassers sieht der Seniorchef als „glückliche Fügung“. „Die Kombination aus Geschmack und Mineralisation ist perfekt, vor allem Kalzium und Magnesium befinden sich im idealen Verhältnis zueinander“, schwärmt er.

Minutiöse Überwachung

Die Nutzung der Quellen wird kontinuierlich überwacht. Sensoren messen an jeder Quelle minutiös die Entnahmemenge, die Mineralisation, die Temperatur und den Wasserstand. Aus ihnen erstellt das geologische Landesamt alle drei bis fünf Jahre ein Gutachten, das die Basis für die wasserrechtliche Erlaubnis ist. Die Quellen sind 70 bis 290 Meter tief und nach oben abgedichtet, damit keine Verunreinigungen durch einsickerndes Oberflächenwasser eindringen können.

Das Wasser strömt über ein 200 Kilometer langes unterirdisches Leitungsnetz direkt in die Abfüllanlagen. Dort wird nur noch das Eisen entzogen und Kohlensäure zugesetzt – das war’s. Mineralwasser der Marken Hassia, Rosbacher, Elisabethen Quelle und Bad Vilbener Urquelle macht mit rund 90 Prozent zwar den Löwenanteil aus, aber die Unternehmensgruppe produziert auch Limonaden unter dem Markennamen Bizzl sowie beim Tochterunternehmen Rapp’s Fruchtsäfte und Apfelwein. Jüngster Coup ist die Übernahme von Bionade zum 1. Januar. 2016 produzierten die 500 Mitarbeiter in Bad Vilbel 410 Millionen Liter Getränke, damit erwirtschafteten sie einen Umsatz von 105 Millionen Euro. Deutschlandweit waren es an allen sieben Standorten zusammen 782 Millionen Liter und ein Umsatz von 243 Millionen Euro.

Nachhaltiges Wirtschaften ist Günter Hinkel eine Herzensangelegenheit. Auch bei diesem Zukunftsthema sieht der Achtzigjährige sich und seine Familie in der Verantwortung. Die Senkung des CO2-Ausstoßes hat sich Hassia seit fast einem Jahrzehnt auf die Fahne geschrieben. Der Lastwagen-Fuhrpark und alle Produktionsabläufe sind entsprechend zertifiziert. „Wir wollen in zwei Jahren CO2-neutral sein“, sagt Hinkel. „Das schaffen wir natürlich nur mit Ausgleichsmaßnahmen. Den Ausstoß können wir nicht komplett auf null reduzieren“, erläutert er. In den vergangenen neun Jahren hat das Unternehmen zum Ausgleich der Restemissionen 1,1 Millionen Bäume pflanzen lassen.

Bei Hassia spielt auch der Umgang mit den Mitarbeitern eine besondere Rolle. Dieter Schwarzkopf, seit 28 Jahren bei Hassia beschäftigt, findet die ganze Familie Hinkel „dufte“. Besonders schätzt er deren soziale Einstellung. Egal ob Günter Hinkel, der jeden mit Namen kenne, Dirk Hinkel oder Personalchefin Daniela Hinkel, bei Problemen seien sie immer ansprechbar. Das firmeneigene Fitnessstudio sei auch nicht zu verachten.

Kraftfahrer Schwarzkopf, der die Mineralwasserflaschen mit seinem 40-Tonner zu den Kunden bringt, siedelte nach dem Mauerfall 1989 von Potsdam nach Bad Vilbel über. „Mittwoch bin ich angekommen und habe mich auf dem Amt gemeldet“, erinnert er sich. „Der zuständige Sachbearbeiter rief kurz Günter Hinkel an – und am Montag habe ich bei Hassia angefangen.“

Quelle: F.A.Z.
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