Flüchtlinge leichter in Arbeit

Warum der Aufschwung an den Ungelernten vorbei geht

Von Falk Heunemann
 - 07:42

An gute Meldungen vom Arbeitsmarkt haben viele Deutschen im Allgemeinen und viele Hessen im Besonderen sich bereits gewöhnt. So dürfte es auch dieses Mal wohl mancher eher mit freundlichem Achselzucken zur Kenntnis nehmen, dass die Zahlen der Männer und Frauen ohne reguläre Arbeit in Hessen abermals auf ein neues Rekordtief gesunken ist, auf 153.000.

Dabei sind das nicht nur 11.000 weniger als im Mai des Vorjahres, sondern auch so wenige wie seit 37Jahren nicht mehr. „Damals hieß der Bundeskanzler Helmut Schmidt und ich war noch ein Kind“, bemerkte Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen). Zum Vergleich: Noch vor zehn Jahren waren 204.000 Einwohner des Bundeslandes ohne Stelle registriert.

Die höchste Arbeitslosenquote Hessens hat weiterhin die Stadt Offenbach auf, die geringste Fulda (siehe Grafik). In elf von insgesamt 26 Kreisen und kreisfreien Städten lag die Quote unter 4,0 Prozent.

Rechnet man noch all jene hinzu, die derzeit arbeitsunfähig oder in einer beruflichen Weiterbildung sind, waren im Mai 2018 rund 220000 Hessen ohne feste Beschäftigung, fast fünf Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

60.000 Menschen vorzeitig raus

Bis auf eine Ausnahme profitieren alle Bevölkerungsgruppen von der anhaltend guten Konjunktur: Sowohl Menschen über 50 Jahre, die etwa die Hälfte aller Arbeitslosen ausmachen, als auch Jugendliche finden noch leichter einen Job als noch vor zwölf Monaten. „Die hessischen Unternehmen schätzen die Fachkenntnisse und Erfahrungen älterer Arbeitnehmer und nutzen diese gerne“, sagte Dirk Pollert, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände. Es seien sogar noch höhere Beschäftigungszahlen möglich.

Jedoch seien wegen der vor einem Jahr eingeführten abschlagsfreien Renten ab 63 in Hessen rund 60.000 Menschen vorzeitig aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden, kritisiert Pollert. „Ältere Arbeitslose dürfen nicht ohne Not in die Rente geschickt werden.“ Das sei „ein unverantwortliches Rentengeschenk“ und verschärfe den Fachkräftemangel.

Flüchtlinge finden leichter Arbeit

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist ebenfalls gesunken, um mehr als neun Prozent gegenüber dem Mai 2017 auf 55.000. Und auch Flüchtlinge und andere Ausländer kommen etwas leichter in Betrieben unter, von ihnen ist nur noch jeder Neunte ohne eine Stelle. „Der hohe Arbeitskräftebedarf der hessischen Unternehmen und die gute konjunkturelle Entwicklung haben dafür gesorgt, dass auch Menschen, deren Integration durch Defizite wie längere Erwerbslosigkeit erschwert ist, insgesamt bessere Chancen haben“, kommentierte Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen, die jüngsten Zahlen.

An einer Gruppe geht dieser Aufschwung aber derzeit vorbei: Menschen ohne Berufsabschluss. Ihre Zahl ist im Vergleich zum Mai 2017 sogar um fünf Prozent gestiegen, berichtet die Arbeitsagentur. Sie stellen mittlerweile 59 Prozent der Arbeitslosen – dabei handelt es sich übrigen mitnichten hauptsächlich um Flüchtlinge, denn sie machen nur ein Zehntel aller Arbeitslosen aus.

„Hier sind umfassende Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen notwendig“, sagte Martin. Al-Wazir reagierte auf die Zahlen mit der Forderung: „Es muss weiter unser Ziel sein, dass möglichst niemand vom Aufschwung abgehängt wird.“

Die Geringqualifizierten finden keine Jobs, obwohl derzeit 55.000 offene Stellen gemeldet sind, fast ein Zehntel mehr als im Vorjahr. Die meisten Arbeitskräfte würden für die Bereiche Lagerwirtschaft, Verkauf, Altenpflege, Sekretariat, Wachschutz sowie Berufskraftfahrer gesucht, heißt es bei der Arbeitsagentur.

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2,3 Millionen ArbeitsloseWiedervereinigungstief

Quelle: F.A.Z.
Falk Heunemann
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung und bei dem Wirtschaftsmagazin Metropol.
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