Rekordtief an Start-ups

Hessen beim Gründen nur noch Mittelmaß

Von Falk Heunemann
 - 07:42

Das Tech-Quartier, der Unibator der Goethe-Universität, die Gründerzentren der Banken und der Börse oder auch das Hub31 in Darmstadt – sie alle legen die Annahme nahe, es gebe in der Region derzeit kaum bessere Startbedingungen für Jungunternehmer als derzeit. Das ist jedoch offenbar ein Irrtum: In Hessen gab es zwischen 2015 und 2017 jährlich nur 13 neue Start-ups auf 1000 Einwohner, heißt es im aktuellen Gründungsmonitor der staatlichen Förderbank KfW mit Sitz in Frankfurt.

Zwischen 2014 und 2016 waren es noch 18 Neugründungen, das hatte damals für den dritten Platz gereicht. Mittlerweile ist Hessen aber nicht nur deutlich hinter die Spitzenreiter Berlin und Hamburg mit jeweils 21 Gründungen je 1000 Einwohner zurückgefallen, sondern auch hinter Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Das Bundesland mit der wirtschaftsstarken Rhein-Main-Region liegt demnach ungefähr auf dem Niveau von Bremen und Brandenburg.

Gründermangel als Hypothek

Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW-Bank, ist selbst ratlos, wie es zu diesem starken Absturz Hessens kommen konnte. Schließlich habe gerade Rhein-Main gute Voraussetzungen, es gebe einen großen Ballungsraum wie in Berlin und Hamburg, der potentiellen Gründern kurze Wege zu Kunden, Beratern, Behörden oder auch anderen Kreativen biete.

Dieser Gründermangel sei eine Hypothek, sagt Zeuner: „Für unsere Wettbewerbsfähigkeit wird es ganz entscheidend sein, dass wir eine beachtliche Anzahl von innovativen Unternehmen haben, denn sie sind ein wesentlicher Jobmotor für die Zukunft.“

Weniger „Notgründungen“

In ganz Deutschland allerdings ist die Zahl der neuen Start-ups deutlich gesunken, wenn auch nicht so stark in Hessen. Nur 557.000 Frauen und Männer haben nach seinen Angaben im vergangenen Jahr ein neues Unternehmen angemeldet, ein Sechstel weniger als im Jahr zuvor und so wenige wie zuletzt im Krisenjahr 2008. Die Gründerquote, die den Anteil von Start-ups an der erwerbsfähigen Bevölkerung wiedergibt, ist damit innerhalb von 15 Jahren auf 1,1Prozent gefallen, ein Rückgang von fast zwei Dritteln.

Eine Erklärung sei es, dass es zu deutlich weniger „Notgründungen“ komme, sagt Zeuner. Damit sind Menschen gemeint, die sich etwa aus der Arbeitslosigkeit heraus selbständig machen. In Folge der anhaltend guten Konjunktur fänden sie leichter eine Anstellung. Hinter der großen Mehrheit der neuen Start-ups ständen nun sogenannte Chancengründer. „Die strukturelle Qualität der Gründungen wird besser“, sagt Zeuner dazu. Nur sind auch diese Jungunternehmer weniger geworden, ihre Zahl fiel seit 2013 von 463.000 auf 333.000 bundesweit.

Wegen der guten Konjunktur wachsen die jungen Unternehmen langsamer, ist dem Gründungsmonitor zu entnehmen. Weil sie immer schwerer geeignetes Personal finden, schaffen neue Start-ups weniger Stellen für Mitarbeiter, statt 258000 im Jahr 2014 sind es nun die Hälfte.

Klage über Berichtspflichten

Wie passt all das zusammen mit den immer mehr werdenden Start-up-Zentren, Co-Working-Spaces, Förderkrediten oder Gründerpreisen? Tatsächlich werden etwa die Beratungsangebote und die Infrastruktur von Jungunternehmern gelobt, ergab eine KfW-Umfrage. Kritik wird an Berichtspflichten oder auch der monatlichen Umsatzsteuermeldung geübt. Am stärksten beklagt wird jedoch das mangelnde Engagement der Politik für Gründer sowie das Bildungssystem. „Unternehmerische Fähigkeiten sollten in der Schule stärker vermittelt werden, von der Buchführung bis hin zu Förderung von Kreativität“, fordert Zeuner.

Und auch an leichtem Zugang zu Geld fehle es weiterhin. Start-ups haben immer wieder erhebliche Probleme geschildert: So dauerten die Antrags- und Genehmigungsprozesse oft mehrere Monate – zu lang für schnell wachsende Jungfirmen. Zudem würden von ihnen oft ähnliche Sicherheiten und Nachweise verlangt wie von etablierten Unternehmen.

Zeuner verweist zwar darauf, dass der Punkt „Kreditzugang“ als einziger von den Start-ups besser bewertet worden sei als noch vor zwei Jahren. Aber erstens muss er das wohl, schließlich bietet die KfW selbst Gründerkredite an. Und zweitens: Die Verbesserung ist auf niedrigstem Niveau, von der Schulnote 3,7 auf 3,6.

Quelle: F.A.Z.
Falk Heunemann
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung und bei dem Wirtschaftsmagazin Metropol.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenHessenStart-upsKfW BankengruppeBerlinHamburg