Fachkräftemangel

Jede fünfte Lehrstelle bleibt unbesetzt

Von Falk Heunemann
 - 06:19

Bei Rainer Häusler haben es Lehrlinge eigentlich nicht schlecht: Sein Subaru-Autohaus existiert seit nun schon 35 Jahren, es liegt pendlergünstig am Frankfurter Ostbahnhof, zur Mittagspause kann man in einen der vielen Imbisse an der Hanauer Landstraße gehen oder sich ans Mainufer setzen. Vor allem: „Wer bei mir eine Ausbildung anfängt, hat eine Übernahmegarantie“, sagt der 68 Jahre alte Unternehmer. Und dennoch hat auch er Probleme, geeignete Kandidaten zu finden. Ein halbes Jahr, berichtet er, habe er nach einem neuen Lehrling als Kfz-Mechatroniker gesucht. „Da habe ich erst viel Geduld und dann Glück gehabt.“ Die Stelle für den Lackierer-Azubi hingegen ist noch immer unbesetzt.

Häuslers Autohaus ist eins von mehr als 700 Unternehmen in Rhein-Main, die laut Lehrstellenatlas der örtlichen Handwerkskammern (siehe Kasten) noch immer einen oder mehrere Auszubildende suchen. Dabei beginnt für viele das Lehrjahr schon am 1. August. Das Problem für viele Betriebe: Ihr Fachkräftemangel, den sie gern mit eigener Ausbildung beheben würden, trifft auf den Trend zur Akademisierung und auf eine demographische Bevölkerungsentwicklung, durch die es immer weniger Schulabgänger gibt.

Das Studium wird vorgezogen

59.800 Lehrstellen – so viele wie lange nicht – hatten hessische Firmen im vergangenen Lehrjahr angeboten, hat soeben das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ermittelt, das Forschungsinstitut der Arbeitsagentur. Auch die Zahl der ausbildenden Betriebe sei abermals gestiegen, auf 29 Prozent. „Die Wirtschaft erkennt zunehmend, dass Ausbildung eine der Antworten auf den Fachkräftemangel ist“, kommentierte der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) die Zahlen. Allerdings: Fast jede fünfte angebotene Stelle wurde nicht besetzt, vor einem Jahr war es nur jede sechste. „Die Ausbildung steht bei vielen Jugendlichen nicht mehr auf Platz eins“, erläutert Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen der Arbeitsagentur. „Hinzu kommen fehlende Mobilität und die hohen Lebenshaltungskosten in Ballungsräumen.“

Für Bernd Ehinger, Präsident der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, liegt das Problem woanders: Vielen Schulabgängern werde von ihren Eltern oder den Schulen eingeredet, dass sie studieren sollten. „Das ist aus unserer Sicht völliger Quatsch“, sagt Ehinger. „Manch einer wäre für das Handwerk eher geeignet.“ Denn die Aussicht, hinterher in eine Festanstellung übernommen zu werden, ist so groß wie lange nicht mehr: 69 Prozent – also mehr als zwei Drittel – würden direkt vom selben Betrieb fest angestellt. Vor rund zehn Jahren hatte nur jeder Zweite dieses Glück. Auszubildende werden also immer seltener als billige Arbeitskräfte missbraucht und dann ausgetauscht, sondern werden als Zukunft des Unternehmens gesehen.

Die Studie zeigt, dass vor allem kleine Betriebe es schwer haben, Nachwuchs zu rekrutieren. Bei ihnen blieben 40 Prozent der Lehrstellen unbesetzt, doppelt so viele wie noch ein Jahr zuvor. Bei Großbetrieben hätten alle Plätze vergeben werden können. Dabei, sagt Autohaus-Inhaber Häusler, habe er sogar seine Anforderungen gesenkt. „Aber mich verstehen und das Einmaleins beherrschen sollten sie schon.“ Es seien längst nicht nur Migranten, die schlecht gebildet seien, betont der Unternehmer.

Schulabgänger sind schlecht vorbereitet

Dazu komme, dass kleine Unternehmen es schwerer haben, für sich Werbung zu machen, erklärt Handwerkskammer-Präsident Ehinger. „Es ist einfach mehr als schade, dass viele sich von Hochglanzprospekten großer Konzerne begeistern lassen, anstatt auf sich und ihre Fähigkeiten zu hören.“ Vielen sei zudem nicht bewusst, dass Hunderttausende Unternehmer Nachfolger suchen – man also nach einer Ausbildung und einiger Zeit im Beruf durchaus die Chance hat, Firmenchef zu werden – oder dass der Meisterbrief mit dem Bachelor gleichgestellt ist.

Die Kammern setzen darauf, dass sie mit Werbekampagnen potentielle Nachwuchskräfte erreichen und informieren können. Die Frankfurter Handwerkskammer zum Beispiel kooperiert mit dem örtlichen Basketball-Profiteam Fraport Skyliners. „Wichtig ist aber, dass wir Schulen und Elternhäuser begeistern können“, sagt Ehinger.

Der hessische Wirtschaftsminister sieht das ähnlich: Man müsse nun dafür sorgen, dass die Möglichkeiten, die die Berufsausbildung biete, bekannter würden, sagt Al-Wazir. „Und dass sie die Köpfe von Eltern und jungen Leuten erreichen.“

Findeportale

Wer auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz ist, kann dafür Informationsportale und Apps der Kammern sowie der Arbeitsagentur nutzen. Diese haben im Gegensatz zu diversen Suchseiten privater Unternehmen den Vorteil, dass sie den Anspruch auf Vollständigkeit haben. Zudem droht bei ihnen kein Datenmissbrauch. Die Handwerkskammern haben ein „Lehrstellenradar“ erstellt (lehrstellen-radar.de). Nutzer können über das Portal Anbieter von Lehrstellen und Praktika in der Umgebung finden. Die Suche kann auf Berufe beschränkt werden. Die Industrie- und Handelskammern haben ein vergleichbares Portal, die „IHK Lehrstellenbörse“ (ihk-lehrstellenboerse.de).

Dort kann der Suchende zusätzlich angeben, über welchen Schulabschluss er verfügt. Allerdings werden die aktuellen Anbieter nur aufgelistet. Die genaue Anzeige auf einer Karte verspricht der Ausbildungsatlas der IHK Frankfurt: Er lokalisiert alle ausbildenden Betriebe anhand ihrer Adresse. Der Link zum Atlas selbst ist jedoch nicht ganz einfach zu finden. Und außerdem zeigt er nicht an, welche der angezeigten Lehrstellen schon besetzt sind. (fahe.)

Quelle: F.A.Z.
Falk Heunemann
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung und bei dem Wirtschaftsmagazin Metropol.
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