Arbeiten 4.0

Der Chef im Cockpit

Von Thorsten Winter
 - 09:15
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Der Vorstandschef eines international vertretenen Konzerns verfügt nicht nur über eine Sekretärin. Er hat auch ein eigenes Büro mit einem schönen Chefsessel hinter einem ausladenden Schreibtisch und Kunst an der Wand. So lautet jedenfalls das Klischee, das noch in so manchem Unternehmen bestätigt wird. Doch wer Heinz-Walter Große an seinem Arbeitsplatz besuchen will, für den hat der Vorsitzende des Vorstands des Medizintechnik- und Arzneimittelherstellers B. Braun Melsungen eine Überraschung: Große hat gar kein eigens Büro, wie er sagt.

Nun ist Große kein Hipster, sondern ein Mann von Mitte 60. Aber er ist viel unterwegs und deshalb häufiger nicht in Melsungen, wie der Manager erläutert, der auch Vorsitzender des Arbeitgeberverbands Hessenchemie in Wiesbaden ist. Sei er in der Zentrale, suche er sich einen freien Arbeitsplatz, im Zweifel sitze er neben Lehrlingen.

Flexibilisierung auf allen Ebenen

Wie in Melsungen weiter zu hören ist, muss sich aber nicht nur der regelmäßig abwesende Chef von mehr als 61.000 Mitarbeitern weltweit irgendeinen Bürostuhl nehmen. Vielmehr gebe es ein modernes Bürokonzept, das für alle gelte. „Es gibt Cockpits, in denen man in Ruhe arbeiten kann“ – Große setze sich gerne an solch einen Arbeitsplatz. Nicht zuletzt macht das die Digitalisierung möglich. Anders gesagt: Diese Art Flexibilisierung, die als Merkmal von Arbeiten 4.0 gilt, macht vor Chefetagen nicht halt.

Einer, der sich einer modernen Arbeitsorganisation verschrieben hat, ist Kai Beckmann, Mitglied der Geschäftsleitung des Merck-Konzerns in Darmstadt. Als er noch Personalvorstand war, gab es im Vorgriff auf das laufende Jubiläumsjahr eine intensive Debatte mit Vorgesetzten und der Belegschaft. Das Ergebnis lautet „Mywork“ und hat die frühere „extreme Präsenzkultur“ bei dem Hersteller von Arzneien, Laborbedarf und Spezialchemikalien abgelöst.

Das Modell ermöglicht mobiles Arbeiten und Homeoffice. Auch beinhaltet es eine Art Vertrauensarbeitszeit. Wann jemand im Büro anwesend sein müsse, habe die jeweilige Abteilung ebenso zu regeln wie die Frage der Erreichbarkeit im Homeoffice. Die Stechuhr ist Vergangenheit – an die Stelle der Zeiterfassung sind inhaltliche Zielvorgaben getreten. Vier von fünf Kräften, für die das Modell geeignet sei, nutzten das Modell.

Dass Mitarbeiter in der Produktion weniger dafür in Frage kommen als Bürokräfte, liegt in der Natur der Sache: Wer mit Laptop oder Tablet arbeitet, ist im Vorteil. Beckmann erklärt es aber zum Mythos, dass gewerblich Beschäftigte gar nicht von den digitalen Möglichkeiten profitieren könnten. „Von 10.000 Beschäftigten in Darmstadt sind mehr als die Hälfte in diesem Modell“, lässt Beckmann wissen. Und er hebt hervor: „Meine Vision: Das Wo und Wann der Arbeit bleiben wichtige Orientierungspunkte, doch was letztlich zählt, ist das Ergebnis.“

Ein Modell für Bürokräfte

Es komme aus seiner Sicht darauf an, die Auflösung der festen Bindung an Ort und Zeit in Zukunft als einen Gewinn an Freiheit zu verstehen. „Aus dem Verlust fester Arbeitszeiten und -orte wird die Lust an der besseren Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben, an den Vorteilen der neuen Flexibilität“, meint Beckmann, mittlerweile Chef der Chemiesparte und außerdem Präsident des Bundesarbeitgeberverbands Chemie mit Sitz in Wiesbaden.

Im Karriere-Netzwerk Linked-In hat Beckmann für seine Thesen Zuspruch geerntet. So schreibt der Mitgründer einer Werbeagentur, er arbeite dank mobiler digitaler Arbeitsmittel doppelt so viele Aufgaben ab wie im Büro. Ein anderer Nutzer preist flexibles Arbeiten als gut für die Work/Life-Balance. Es sei allerdings auch eine Herausforderung für Arbeitgeber, Kollegen, Chefs und Familie.

Unter dem Dach des Verbands ist eine sogenannte Toolbox entstanden. Die enthaltenen fünf Werkzeuge sollen kleine und mittelgroße Unternehmen befähigen, sich Arbeiten 4.0 zu eigen zu machen. Im Mittelpunkt steht dabei ganz klar die Bildung, sie ist für den Verband der Erfolgsfaktor schlechthin. Eines dieser Werkzeuge ist der Navigator für die Nutzung digital unterstützten Lernens in der Lehre – Video-Trainings, Wikis und Augmented Reality eingeschlossen. Auch zeigt der Verband gemeinsam mit der Industriegewerkschaft Bergbau-Chemie-Energie etwa Praxisbeispiele aus Unternehmen, wie sich digitale Inhalte in der Ausbildung zum Chemikanten vermitteln lassen.

Derweil hat die in Wiesbaden sitzende deutsche Tochter des amerikanischen Pharmakonzerns AbbVie für die Belegschaft die „Life Navigation“ eingeführt. Dahinter verbirgt sich wie bei Merck eine Flexibilisierung von Arbeitszeit- und -ort. „Life Navigation bedeutet die Freiheit, sich auch zu klassischen Arbeitszeiten vom Arbeitsplatz wegbewegen zu können, um Sport zu machen, eine kreative Aufgabe andernorts zu erledigen oder Kinder vom Kindergarten abzuholen – ohne Rechtfertigung vor den Kollegen“, heißt es in Wiesbaden. Gerade Nachwuchskräfte fragten gezielt nach solchen Angeboten – nach Teilzeitmodellen und Homeoffice sowieso.

Der klassische Arbeitstag von 8.30 Uhr bis 17 Uhr sei eine Option, aber kein Muss mehr. Die Mitarbeiter bestimmten in Absprache mit ihrem Team und ihrer Führungskraft individuell, wo und wann sie arbeiteten. Vorgesetzte einschließlich Geschäftsführer hätten – wie bei B. Braun – kein eigenes Zimmer mehr, sondern säßen mit Kollegen im Großraumbüro. Eine Folge davon seien flachere Hierarchien und ein direkterer Austausch zwischen den Mitarbeitern und Vorgesetzten. Auch AbbVie verweist mit Blick auf „Life Navigation“ auf moderne Technologien, die dies ermöglichten.

Quelle: F.A.Z.
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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