Rhein-Main-Delegation in Pune

Nirgendwo ist Indien deutscher

Von Daniel Schleidt, Pune
 - 17:33

Den aufregendsten Job des Tages hat der Busfahrer. Einen großen Reisebus durch die Drei-Millionen-Einwohner-Metropole Pune im indischen Bundesstaat Maharashtra zu steuern verlangt nicht nur besondere fahrerische Qualitäten und einen professionellen Umgang mit der hier gerne eingesetzten Hupe, sondern vor allem: gute Nerven. Doch der Fahrer bringt die fünfzehn Personen umfassende Delegation aus der Rhein-Main-Region gekonnt zu all jenen Zielen, die den ersten Tag der vom Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) angeführten Reise mit Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik schon zu einem besonderen machen. Obgleich in Deutschland eher Orte wie Delhi und Bombay für Indien stehen dürften: Das deutsche Zentrum dieses riesigen Landes ist Pune.

Das ist der Grund, weshalb die Standortmarketingagentur der Region Frankfurt/Rhein-Main vor fünf Jahren ausgerechnet hier ihr Indien-Büro eröffnet hat – und weshalb die Delegation seit Sonntag bis zum späten Mittwoch in Pune und dem rund 150 Kilometer entfernten Bombay weilt.

Werben für Rhein-Main

Es ist ein heißer Tag in Pune, 38 Grad, als Feldmann und die Delegation am Morgen vom Hotel im Osten der Stadt aus zur Außenhandelskammer aufbrechen. Die Klimaanlage im Bus läuft auf Hochtouren, Wasser ist begehrt, die Männer haben sich die Hemden aufgeknöpft und die Jacken über die Schulter geworfen. Als Ziel haben Feldmann, der als Stadtoberhaupt auch Aufsichtsratsvorsitzender des Standortmarketings ist, und Geschäftsführer Eric Menges ausgegeben, für die Metropole am Main und die angrenzende Region mit ihren rund 5,6 Millionen Einwohnern zu werben.

Dafür ist Pune der richtige Ort. In der Universitätsstadt mit mehr als einer halben Million Studenten und einem Altersdurchschnitt der Bevölkerung von unter 25 Jahren sind die Deutschen schon heute die größte ausländische Business-Community, Tendenz steigend, wie es heißt. So ist etwa mit der Döhler GmbH, einem weltweit führenden Hersteller von Lebensmittelzusatzstoffen, ein Unternehmen aus Darmstadt in Pune ansässig. Die Stadt ist eines der drei wichtigsten Zentren der indischen Automobilindustrie, weshalb sich auch Daimler und Volkswagen hier mit Tochtergesellschaften niedergelassen haben.

8000 Inder im Großraum Frankfurt

Und natürlich spielt die Informationstechnologie eine wichtige Rolle in Pune. In beiden Branchen sei auch die Region um Frankfurt hervorragend aufgestellt, sagt Feldmann beim Besuch der Außenhandelskammer von Pune, in deren Räumen das Standortmarketing der Rhein-Main-Region sein Büro unterhält. Deshalb sei es nur folgerichtig, hier weiterhin für den Ballungsraum zu werben, in dem schon heute die mit 8000 Menschen größte indische Community in Deutschland zu finden ist.

Wie dieses Werben funktioniert, zeigt sich am Nachmittag. Nach einer kurzen Stadtrundfahrt, in deren Verlauf der Fahrer den Bus zwischen Hunderten kleiner Motorräder und einer kaum zu überblickenden Zahl von motorisierten Rikschas hindurchsteuert, gelangt die Delegation zur IT-Firma Cybage Software. Hinter den Zäunen des Unternehmens eröffnet sich ein grüner Campus mit Palmen, Sportplätzen, Brunnen und einem großen Bürogebäude.

Cybage ist ein Beispiel dafür, wie die Ansiedlung von Unternehmen aus einem für die Region wichtigen Wachstumsmarkt wie Indien gelingt. 2013 gewann das Standortmarketing den aufstrebenden Weltmarktführer für IT-Services, der weltweit 5900 Mitarbeiter beschäftigt, davon 4000 auf dem Campus in Pune, für eine Ansiedlung in Frankfurt. Dort ist der Konzern derzeit zwar nur mit zwei Mitarbeitern vertreten. Doch indische Firmen benötigten grundsätzlich viel Anlaufzeit, um im Ausland größere Einheiten aufzubauen, berichtet Disha Shah, die das Büro des Standortmarketings der Rhein-Main-Region in Pune leitet.

Viel Wertschätzung für deutsche Gäste

Während des Besuchs bei Cybage wird deutlich, dass das Software-Unternehmen großes Potential im deutschen Markt sieht und diesen von Frankfurt aus bearbeiten will. Gerade der deutsche Mittelstand, der sich mitten im Prozess der Digitalisierung befinde, sei auf die Zusammenarbeit mit Betrieben wie Cybage angewiesen, um sich zukunftsfähig zu machen, sagt Rainer Waldschmidt, Geschäftsführer der hessischen Wirtschaftsförderung Hessen Trade and Invest. Neben Waldschmidt begleiten unter anderen Kira Kastell und Rolf van Dick, Vizepräsidenten der Frankfurt University of Applied Sciences beziehungsweise der Goethe-Universität, sowie Frankfurts Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler (CDU) Feldmann und Menges auf der Reise durch die beiden indischen Großstädte.

Dass die deutschen Gäste in Pune viel Wertschätzung genießen, zeigt sich unter anderem bei Cybage Software: Gleich 15 Führungskräfte empfangen die Hessen. Neben Tee, Kaffee und Gebäck bekommen die Reisenden ein unerwartetes Geschenk: Zur Begrüßung werden Feldmann und die übrigen Besucher mit einem Strauß roter Rosen überrascht.

Quelle: F.A.Z.
Daniel Schleidt
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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