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Wrestling

Ganz großes Theater

Von Matthias Trautsch und Lukas Kreibig (Fotos), Frankfurt
 - 12:38
Schwerelos: Lokalmatador Burchill attackiert den maskierten Master J. Das Duell im Mousonturm gehört zur ins Epische stilisierten Rivalität zwischen den Wrestlern aus Frankfurt und Hemsbach. Bild: Lukas Kreibig, F.A.Z.

Streckt die Hände aus. Berührt den Glauben. Er ist der Heiland, er wird euch retten. Im Gewitter des Stroboskops steht der Personal Jesus auf den Ringseilen, den Rücken durchgedrückt, den breiten Champion-Gürtel in die Höhe gestreckt. Depeche Modes Synthie-Gitarren-Kracher dröhnt, die roten Scheinwerfer rotieren, der Lokalmatador schleudert seine schwarze Mähne hin und her, vor und zurück, wie eine Peitsche ins Publikum. Die Halle kocht. Dabei hat der Kampf noch nicht einmal begonnen.

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Es ist eine ziemlich gute Show, die Maggot abliefert, und die Fans lieben ihn dafür. Und sie hassen Master J, seinen Gegner. Obwohl der auch eine gute Show abliefert. Oder deswegen. Denn genau das ist seine Rolle: Er ist der Bösewicht. Und dementsprechend auch keine Schönheit. Aus einer Camouflage-Hose quillt ein kalkweißer, speckiger Körper, und auf dem kahlen Schädel trägt er, ja, was eigentlich, eine Art Sado-Maso-Gummi-Maske, die ihn aussehen lässt, als ob er einem Kellerverlies von Quentin Tarantino entsprungen wäre.

Das Künstlerhaus Mousonturm hat im Laufe der Jahre schon einige Inszenierungen erlebt, aber noch keine wie diese. Dort, wo normalerweise ernsthafte Kunst zu sehen ist, Ballett, Theater, Musik, gerne avantgardistisch und gesellschaftskritisch, aber oft auch ziemlich trocken und theorielastig, lassen es die Wrestler an diesem Abend richtig krachen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Nicht alle bringen die Fans so zur Ekstase wie Maggot. Die hier auftreten, sind keine Hulk Hogans und Undertakers, die Wrestlemania-Superstars der neunziger Jahre. Sie sind Amateure, die im normalen Leben in der Bank, im Altersheim und an der Supermarktkasse arbeiten.

SG Sossenheim: Eltern-Kind-Turnen, Tanzen, Wrestling

Ins Künstlerhaus sind sie nur auf einen Ausflug gekommen. Ihre Heimat ist Sossenheim. Der Stadtteil, dem Chlodwig Poth den ebenso liebevollen wie ungeliebten Stempel „Last Exit“ aufgedrückt hat. Hier am nordwestlichen Rand von Frankfurt, eingerahmt von Autobahnen, Gewerbegebieten und Streuobstwiesen, ist die Großstadt so nah und doch so fern. Es gibt Lokale, die auch heute noch Schützenhof heißen, obwohl die Schützenfeste nur noch auf den Flatscreens der Bundesliga-Übertragungen gefeiert werden.

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Für den Sport im Stadtteil ist die SG Sossenheim zuständig, die man mit Fug und Recht als Traditionsverein bezeichnen kann: Auf dem Vereinswappen prangt das Jahr 1878 - da dauerte es noch zwei Jahrzehnte, bis Eintracht und FSV gegründet wurden. Auf dem Kunstrasenplatz kicken die Jungs aus der Nachbarschaft, es gibt eine moderne Vereinsgaststätte („Schnitzel-Express“), und wer will, kann sich zum Eltern-Kind-Turnen, Tanzen oder Tischtennisspielen anmelden. Und auch zum Wrestling.

Noch einmal Kind sein

Dass in Sossenheim ein Sport getrieben wird, den die meisten nur aus dem Fernsehen kennen und dem viele absprechen, überhaupt ein Sport zu sein, liegt an Männern wie Marco Eisenbarth und Sascha Hercigonia. Die beiden kennen sich seit sie Schüler waren, also seit gut 15 Jahren. Wie viele Jungs waren sie mit den nächtlichen Übertragungen der World Wrestling Federation aufgewachsen. Sie begeisterten sich für Stars wie Bret „The Hitman“ Hart. „Der war cool, kam mit der Lederjacke in den Ring, verschenkte seine lila Sonnenbrille an Kinder“, schwärmt Eisenbarth, für einen kurzen Augenblick selbst wieder Kind.

Äußerlich könnten die beiden Freunde unterschiedlicher kaum sein. Eisenbarth, im wahren Leben freier Kameramann, hat über und über tätowierte Unterarme und ist 1,65 Meter groß, während Hercigonia, von Beruf Altenpfleger, sorgsam gebräunte 1,90 Meter misst. Gemeinsam war ihnen damals die Idee, nicht bloß Fans bleiben zu wollen. Sie nahmen Kontakt zur SG Sossenheim auf, von der sie wussten, dass sie eine geeignete Halle hat, und gründeten 2006 „New Generation Wrestling“.

Der „Hammer aus Hemsbach“ vermöbelt den „Purple Playa“

NGW, dieses Kürzel steht für ein Team, das zusammen trainiert, aber doch nicht wie eine Fußballmannschaft zu verstehen ist. Eher schon wie ein Ensemble, das probt und sich auf gemeinsame Auftritte vorbereitet, sagt Jos Diegel. Mit ihm hängt es zusammen, dass die Show im Mousonturm zustande kam. Diegel ist freischaffender Künstler, gehört zur selben Generation wie Eisenbarth und Hercigonia und teilt mit ihnen die Vergangenheit als Fan amerikanischer Wrestling-Stars. Gekämpft hat er selbst allerdings nie, und von den Sossenheimer Wrestlern wusste er auch nichts - bis er 2008 eine Kunst-Performance im Offenbacher Hafen organisierte und dafür die Truppe von NGW engagierte.

Die Show im Mousonturm war ebenfalls eingebettet in ein künstlerisches Event und steht doch für sich allein. Der ganze Abend folgt einer Storyline, geschrieben von Eisenbarth. Es geht um die ins Epische stilisierte Auseinandersetzung zwischen den Lokalmatadoren aus Sossenheim und ihren Gegnern von Classic Wrestling Entertainment, die aus Hemsbach in der Nähe von Heidelberg kommen. Ein Star auf Frankfurter Seite ist Hercigonia, der als Purple Playa gegen Carsten Crank, den „Hammer aus Hemsbach“, antritt.

Zur Inszenierung gehören Requisiten: Ein Baseballschläger und ein Einkaufswagen, um den Gegner erst zu vermöbeln und dann um den Ring zu schieben. Und natürlich Klappstühle, weil die sich so eindrucksvoll und weitgehend ungefährlich auf dem gegnerischen Nacken zertrümmern lassen. Jedes Mal, wenn der Hammer aus Hemsbach den Frankfurter zu Boden schleudert, kracht es, als müssten Knochen bersten - doch der Ringboden gibt nach, und unter ihm sorgen Mikrofone dafür, dass aus jeder Erschütterung ein tektonisches Beben wird.

Trainieren für „Dropkick“ und „Hip Toss“

Der Theaterdonner wäre aber nicht viel wert ohne das athletische, technische und darstellerische Können der Akteure im Ring. Ausgebildet wird es in der Halle der SG Sossenheim, nur einmal die Woche, dafür aber den ganzen Sonntag lang. Zwischendurch trainiere jeder individuell, sagt Eisenbarth. „Hanteltraining, Joggen, das ist die Voraussetzung.“ Dabei gehe es nicht darum, Muskelberge à la Dwayne „The Rock“ Johnson aufzubauen, sondern um eine Grundfitness, die es erlaube, einen Kampf mit seinen Würfen und Stürzen unverletzt zu überstehen.

Der Hallen-Kubus mit dem grauen Linoleumboden und den schmalen Fenstern, die erst weit über den Köpfen Licht einlassen, ist so klein, dass an Ballsport nicht zu denken ist - die Handballer der SG spielen aus gutem Grund lieber in Schulsporthallen. Für Boxen oder Wrestling könnte man sich aber kaum einen stimmungsvolleren Ort vorstellen. Von der Decke hängen die Ringe fürs Turnen, an den Wänden die Plakate vergangener NGW-Shows und in der Luft Schwaden von Männerschweiß. Ein Ort, an dem sich Turnvater Jahn und Rocky Balboa treffen, um miteinander Gewichte zu stemmen. Das blaue Quadrat einer dicken Trainingsmatte ersetzt den Ring.

Mohammed „Mo“ Inibi leitet das Training. Zwei Kämpfer stehen auf der Matte, der Kurzhaarige hat den Langhaarigen in der Mangel. Der versucht sich zu befreien, indem er seinem Peiniger die Faust in die Magengrube rammt, einmal, zweimal, und als sich beim dritten Mal der Griff lockert, schleudert er den anderen in die imaginären Seile. Der aber kommt postwendend zurück und rammt den Langhaarigen zu Boden. Der rettet sich, kaum wieder auf den Beinen, vor dem nächsten Angriff mit einem „Leapfrog“, einer Art Bocksprung mit gespreizten Beinen über den Gegner hinweg, den er dann mit einem „Hip Toss“ um die eigene Achse rücklings auf die Matte schleudert. Die Sequenz endet mit einem spektakulären „Dropkick“, bei dem der anfangs Unterlegene waagerecht in der Luft liegt und sich dabei so dreht, dass er den Gegner mit beiden Fußsohlen auf der Brust trifft und ihm damit den Rest gibt.

Kampftechniken für den schönen Schein

Was die Kämpfer zeigen, ist eine Sequenz von „Moves“, also von Kampftechniken wie Griffen, Würfen, Schlägen und Tritten, die sich in der Wrestling-Geschichte entwickelt haben. Damit sie funktionieren, müssen alle Kämpfer, nicht selten stehen mehr als zwei im Ring, sie beherrschen. Viele Moves sind aus Kampfsportarten übernommen, mit berühmten Wrestlern verbunden oder tragen martialische Namen wie Cross-Arm-Breaker, Testicular Claw oder Facebuster, aber allen ist gemeinsam, dass niemand wirklich zu Schaden kommen soll.

Danach aussehen muss es freilich schon. Einer, der weiß, wie das geht, ist NGW-Mitgründer Sascha Hercigonia, als „Purple Playa“ unumstrittener Publikumsliebling. Beim Training gibt er Tipps, wie glaubwürdiges „Sellen“ funktioniert, wie man Aktionen realistisch darstellt. Etwa in der Sequenz mit dem Schwitzkasten: Nicht jeder Schlag in die Magengrube muss mit überlautem Stöhnen und meterhohem Abheben quittiert werden, entscheidend ist es hingegen, den Griff nach und nach sichtbar zu lockern, damit die Konsequenz der Schläge deutlich, damit ein Handlungsablauf vermittelt wird

„Wrestling lebt von der Mitgestaltung des Publikums.“

„Man muss Geschichten erzählen“, sagt Sascha Döberin, Promoter von NGW. Gute Wrestler könnten bestimmte Reaktionen des Publikums provozieren, sehr gute Wrestler seien außerdem in der Lage, auch mit unvorhergesehenen Reaktionen umzugehen, sie aufzunehmen und die Handlung damit fortzuschreiben. Gerade in der heutigen Zeit mit ihren Brüchen und ironischen Wendungen sei nicht gesagt, dass ein Held tatsächlich auch als solcher akzeptiert werde. Die Kunst sei, dann glaubhaft in die Rolle des Bösen oder auch in eine zwischen Schwarz und Weiß changierende Figur zu schlüpfen.

Das ist ein Gedanke, der Jos Diegel, dem Künstler mit der Leidenschaft fürs Wrestling, außerordentlich gut gefällt. Im modernen Theater werde mit großem Ehrgeiz versucht, die Zuschauer einzubeziehen, die Grenzen der klassischen Bühnenkunst zu überwinden. „Wir schreiben lange Texte über Partizipation, aber was wir zu erreichen versuchen, ist im Wrestling immer schon da gewesen: Es lebt von der Mitgestaltung des Publikums.“

Quelle: F.A.Z.
Matthias Trautsch
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
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