Zeitzeugen

Wenn niemand mehr den Holocaust bezeugt

Von Kathrin Klette, Frankfurt
 - 19:39

Kann die Bitte um ein Paar Hausschuhe eine tiefere Bedeutung haben? Es kommt darauf an, wer sie sich wünscht: Im Oktober 1944 schrieb der Auschwitz-Gefangene Emil Behr seiner Frau Hedwig einen Brief. Die Zeilen sind eng beschrieben, der Stil ist fast stenographisch. In der Mitte des Blattes steht der Satz „Bitte ein paar Hausschuhe“. Hausschuhe in Auschwitz, dem Ort des „Zivilisationsbruchs“, wie es der Historiker Dan Diner ausdrückte?

Für den Germanisten Jesko Bender ist diese Bitte eine der eindrucksvollsten Passagen in den Briefen des jüdischen Gefangenen Emil Behr, die dieser aus dem Konzentrationslager an seine Familie in Mannheim schickte. Bender lehrt an der Goethe-Universität. Gemeinsam mit Monique Behr, Emils Enkelin, hat er die Ausstellung „Emil Behr - Briefzeugenschaft vor, aus, nach Auschwitz“ im Museum Judengasse kuratiert. Geht es nach Behr und Bender, soll die Briefzeugenschaft eine neue Methode der Geschichtsvermittlung werden, eine, die auch ohne Gespräche funktioniert. Denn die Generation der Zeitzeugen stirbt. Die Jewish Claims Conference geht davon aus, dass es nur noch etwa 425.000 Holocaust-Überlebende gibt.

Etwas Abstraktes

Zeitzeugen gelten als authentisch und als lebendige Verbindung zum Früher. Einige Forscher jedoch sehen ihr Auftreten - etwa in TV-Dokumentationen - kritisch, weil das nachträglich erworbene Wissen um die Geschichte die eigene Erinnerung verfärben kann. Einige Zeitzeugen hätten zum Beispiel berichtet, im Konzentrationslager vom Mediziner Josef Mengele selektiert worden zu sein, obwohl dies nicht stimmen könne, sagt Céline Wendelgaß, die in der Frankfurter Anne-Frank-Jugendbegegnungsstätte die Ausstellungen koordiniert. Sie rät deshalb, Schüler und Jugendliche auf Zeitzeugen-Gespräche vorzubereiten. Sie müssen wissen, dass es keine Historiker sind, die zu ihnen sprechen, sondern Menschen mit einer langen Leidensgeschichte, die ihre Empfindungen und Erinnerungen wiedergeben.

Der Essener Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer vertritt in seinem aktuellen Buch über die „Renovierung der deutschen Erinnerungskultur“ die These, dass sich die Geschichte des Nationalsozialismus mit dem Tod der Zeitzeugen etwas Abstraktes werde, dass sie erkalte. Die beiden Ausstellungsmacher Behr und Bender sagen: „Hätte ihr Tod größere Folgen für den Umgang der Deutschen mit der Vergangenheit, wäre das eine Armutserklärung.“ Möglicherweise verberge sich hinter dieser Angst auch der Wunsch, dass es endlich keine Autoritätsperson mehr gebe, die mahnend den Finger hebe.

Die Zusammensetzung der Gesellschaft ändert sich

Die Jugendlichen des Geschichte-Leistungskurses am Mainzer Theresianum sind achtzehn, neunzehn Jahre alt. Sie haben „Das Tagebuch der Anne Frank“ gelesen und „Schindlers Liste“ geguckt, manche gehören der Israel-AG des Gymnasiums an. Die Hälfte der Schüler sagt, noch Verwandte zu haben, die das Dritte Reich erlebt haben: den distanzierten Urgroßvater, der aus Stalingrad zurückkam, oder die immer traurig wirkenden Großeltern, die im Krieg geboren wurden. Das wird sich in absehbarer Zeit ändern.

Hinzu kommt, dass sich die Zusammensetzung der Gesellschaft ändert. Migranten haben aus Deutschland ein heterogenes Land gemacht. Alexander kam mit seiner Mutter als Dreijähriger aus Armenien nach Deutschland. Die Geschichte, die er im Unterricht lernt, ist nicht seine Geschichte. Er sagt, für ihn sei der Nationalsozialismus fast so steril wie der Dreißigjährige Krieg.

„Ich habe die schwere Aufgabe, von meiner Kindheit zu erzählen“

Noch im Herbst besuchten einige der letzten Holocaust-Überlebenden das Theresianum. Vorne im Biologie-Saal, neben dem Lehrerpult, hatten vier Frauen Platz genommen. Drei Polinnen, die in Konzentrations- und Arbeitslagern inhaftiert waren, eine Übersetzerin. Ein Strauß mit Herbstblumen stand auf dem Tisch. Fotos von Auschwitz wurden durch die Reihen gereicht, Aufnahmen von Stacheldraht, Etagenbetten, den Ruinen der Gaskammern.

Die erste Frau, die von ihren Erfahrungen sprach, war Marianna Naróg, eine 73 Jahre alte Frau mit dunklen kurzen Haaren und braunem Sakko. „Ich habe die schwere Aufgabe, von meiner Kindheit zu erzählen“, begann sie ihren Bericht, „und es ist meine Pflicht.“ Als Kind hatte Naróg zwei Jahre im Arbeitslager in Potulice verbracht, getrennt von ihrer Mutter. Es war still im Saal, als Naróg vom Alltag erzählte. Von Folter, pseudo-medizinischen Experimenten, von Mord. „Sorgt dafür, dass so etwas nie wieder passiert“, schloss Naróg ihren Bericht. Es gibt Forscher, die solche Appelle kritisch sehen. Jugendliche seien davon überfordert, sagte der Soziologe Welzer in einem Interview. Betroffen und bußfertig sollten sie sich geben, obwohl sie sich gar nicht so fühlten.

Drei Gespräche pro Monat

Seit zwei Jahren leitet der Historiker Meron Mendel die Anne-Frank-Jugendbegegnungsstätte an der Hansaallee. Der Wissenschaftler hat in Haifa und München studiert und wurde in Frankfurt in Pädagogik promoviert. Etwa 10.000 Jugendliche informieren sich jedes Jahr in der Ausstellung und den Workshops der Begegnungsstätte über das Schicksal des jüdischen Mädchens aus Frankfurt, das 1934 mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten in die Niederlande floh und 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen starb.

Etwa drei Zeitzeugen-Gespräche organisiert die Begegnungsstätte im Monat. Mendel sagt aber auch: Eine moralisierende und emotionalisierende Geschichtsvermittlung, die sich nur auf den Gegensatz von Tätern und Opfern beschränke, sei schon seit den neunziger Jahren passé und zeige bei den Jugendlichen ohnehin keine Wirkung. Was funktioniere, sei, an die reale Welt der Jugendlichen anzuknüpfen und ihnen Handlungsmöglichkeiten zu zeigen, die sich dem Einzelnen böten. In der Begegnungsstätte wird dies mit einer Hörstation versucht. An ihr können die Besucher Zitate von Menschen hören, die mit dem Schicksal Anne Franks zu tun hatten. Zitate eines Polizeiführers, der die Deportation letztendlich verantwortete, eines Polizisten, der an der Verhaftung beteiligt war und sein Verhalten später vor Gericht rechtfertigte, und eines Widerstandskämpfers, der gefälschte Ausweise herstellte.

Nach dem Tod bleiben nur die Zeugnisse

Fragt man den Direktor des Jüdischen Museums, den Schweizer Historiker Raphael Gross, welche Aufgaben heute ein Museum hat, antwortet er, es gehe nicht in erster Linie darum, irgendwelche Fähigkeiten oder ein besseres Demokratieverständnis zu vermitteln. Dafür gebe es Jugendbegegnungsstätten und Orte wie Bergen-Belsen oder Dachau, die die Fakten des Holocausts vermittelten. Für das Jüdische Museum habe er sich deshalb entschieden, Ausstellungen mit einem Bezug zur Gegenwart zu zeigen, über Juden und Geld, beispielsweise, koscheres Essen, Comics oder israelische Gegenwartskunst. Museen, so sieht es Gross, müssten zunächst einmal Platz bieten, „jewish space“, wie er es nennt. Deshalb veranstaltet das Museum auch Jazz-Abende und Lesungen. Es gehe um das Erzählen von Geschichten, um Phantasie.

Nach dem Tod der Zeitzeugen bleiben nur ihre Zeugnisse. Neun Briefe schickte Emil Behr aus Auschwitz an seine Familie, geschrieben auf vorgegebenem Behördenpapier. Diese könnten Besucher an die eigene Geschichte denken lassen. Wie schreibt man einen Brief an die Familie auf Behördenpapier, das zunächst die Anordnungen des Lagerkommandanten zum Briefverkehr auflistet? Wie persönlich formuliert man, wenn man weiß, dass der Brief von Behörden gelesen wird und Details über den Alltag nicht geschrieben werden dürfen?

Behr schildert das Grauen in Auschwitz nicht minutiös, wie es Primo Levi getan hat. Inhaltlich sind seine Briefe fast belanglos. Er richtet Grüße aus, schreibt, dass es ihm gutgeht, bedankt sich für Pakete mit Brot und Marmelade, fragt nach dem Befinden von Familie und Freunden. Erst mit dem Wissen um seine Situation gewinnen sie an Macht. „Es geschah im Lager so viel und man sah so viele Tote (...), daß man schließlich abgestumpft wurde und auf Einzelfälle nicht mehr so achtete“, schrieb Behr 1963. Die Hausschuhe mögen ihm geholfen haben, den Alltag in Auschwitz etwas besser zu ertragen und sich ein Mindestmaß an Häuslichkeit zu verschaffen.

Die Ausstellung „Emil Behr - Briefzeugenschaft vor, aus, nach Auschwitz“ ist noch bis zum 1. April im Museum Judengasse, Kurt-Schumacher-Straße 10, zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
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