Lurgi-Haus

Chance für Quartier im Norden Frankfurts

Von Rainer Schulze
 - 10:46

Am 12. Dezember geht es in einem Saal im Frankfurter Amtsgericht um einen dreistelligen Millionenbetrag: Das Lurgi-Haus im Mertonviertel, bei seinem Bau 1987 das größte Bürogebäude Europas, kommt unter den Hammer. Weil der Eigentümer insolvent ist, strebt die Postbank als Hauptgläubigerin die Zwangsversteigerung an.

Es ist gut möglich, dass das Gebäude nach der Zwangsversteigerung nicht saniert und weitervermietet, sondern abgerissen wird. Die Stadt hat an dieser Stelle nämlich andere Pläne. Das Lurgi-Haus gilt als Schlüsselgrundstück für die weitere Entwicklung des gesamten Quartiers. Wie der Sprecher des Planungsdezernats sagt, wäre die Stadt bereit, den Bebauungsplan zu ändern, um dort die Errichtung von Wohnungen, Einzelhandel und einer Schule zu ermöglichen. Um welche Schulform es sich handelt, sei noch nicht entschieden. Mit der geänderten Nutzung würde der Wohnanteil in dem Gewerbegebiet aber deutlich erhöht. Das Mertonviertel näherte sich dann in seiner Struktur stärker dem Riedberg an.

Ein riesiger Kraken mit sieben Armen

Das fünfgeschossige Gebäude im Mertonviertel ähnelt aus der Luft betrachtet einem riesigen Kraken mit sieben Armen. Mit einer Größe von 80.000 Quadratmetern ist es auch für heutige Verhältnisse riesig. Der Verkehrswert wird vom Amtsgericht mit 102 Millionen Euro angegeben. Das Exposé für die Zwangsversteigerung ist so groß, dass es die Computertechnik des Gerichts überfordert. Es kann nur eingesehen, aber nicht elektronisch verschickt werden.

Das Lurgi-Haus hat einen rasanten Abstieg hinter sich. Wie der Name nahelegt, wurde es einst für das Unternehmen Lurgi errichtet, das aus der Metallurgischen Gesellschaft hervorging. Nach deren Gründer Wilhelm Merton wurde auch das gesamte Viertel benannt. Doch Lurgi, die inzwischen zum Konzern Air Liquide gehört, ist 2014 ausgezogen. Seither hat das Gebäude mit der Anschrift Lurgiallee 5 viele unterschiedliche Mieter gesehen, deren Zahl zuletzt jedoch immer weiter sank. Heute sind nur noch die Deutsche Finanzagentur, die die Schulden der Bundesrepublik verwaltet, und ein paar kleinere Mieter übrig. Rund 60000 Quadratmeter stehen leer. Das hat auch dem Eigentümer des Gebäudes geschadet.

Verwertung als Zwangsversteigerung

Wie so oft bei größeren Gewerbebauten ist die Eigentümerstruktur ziemlich verschachtelt. Zuletzt gehörte das Haus dem Immobilienfonds Brandenburg Properties 8, der wiederum zu dem Unternehmen Shore Capital gehören soll, einer britischen Investmentgesellschaft. Brandenburg Properties meldete im Januar Insolvenz an, seither verwaltet die Postbank das Gebäude. Zur „Kreditsicherheit“ werde die Postbank als Gläubiger diese Immobilie im Wege einer Zwangsversteigerung verwerten, teilt ein Sprecher mit.

Die Überlegungen der Stadt für eine veränderte Nutzung wären auch im Sinne einer Standortinitiative, die sich um die Vermarktung des Mertonviertels kümmert. Sie hat in diesem Jahr die Nutzer des Viertels nach ihren Wünschen befragt. Zwar sei die Zufriedenheit deutlich gegenüber der letzten Umfrage vor sieben Jahren gestiegen, berichtet Sprecher Florian Hirt. 79 Prozent der 500 Befragten fühlten sich im Viertel wohl oder sogar sehr wohl. Hirt führt dies auch auf das Wirken der Standortinitiative zurück. Sie bietet freies W-Lan an, lädt im Sommer ins Freiluft-Kino ein und veranstaltet Afterwork-Parties.

Viele Defizite im Mertonviertel

Aber immer noch gibt es Defizite im Mertonviertel: Viele der Befragten wünschen sich bessere Einkaufsmöglichkeiten, ein größeres gastronomisches Angebot und mehr Parkplätze. 65 Prozent bescheinigen dem Viertel positive Zukunftsaussichten – eine Steigerung zu 2010, als nur 26 Prozent der Befragten optimistisch in die Zukunft blickten.

Hirt sieht auf dem Grundstück des Lurgi-Hauses Potential für Veränderungen und spricht sich für einen Abriss aus. „Ein neues Quartierszentrum dort wäre eine tolle Sache“, sagt Hirt und spricht von einem „Brückenschlag“ zum Riedberg. „Der Weg geht notgedrungen zu einer stärkeren Durchmischung des Mertonviertels.“ Monofunktional ausgerichtete Bürostädte seien städtebaulich veraltet. Ein Wohngebiet an Stelle des Lurgi-Hauses läge nicht schlecht: Bis in den Grüngürtel und in die Nachbarviertel Riedberg und Heddernheim ist es nicht weit. Die Wohnungen und die Schule wären auch sehr gut erschlossen. Denn die U-Bahn-Linie 2 hält an der Station Riedwiese direkt vor der Haustür.

Andererseits ist das Mertonviertel mit seinen im Vergleich zur Innenstadt niedrigen Mieten für einige Unternehmen attraktiv. Aktuell soll beispielsweise die Bundesbank prüfen, ob das Lurgi-Haus ein passendes Interimsquartier abgäbe, wenn die Zentrale in Bockenheim in einigen Jahren saniert wird. Doch der allgemeine Trend geht in Richtung City. Als die großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und Unternehmensberater KPMG und Pricewaterhouse Coopers das Mertonviertel vor einigen Jahren verließen, um sich an der Messe beziehungsweise am Flughafen niederzulassen, haben sich ihre alten Liegenschaften nicht leicht gefüllt. Ein Gebäude wurde in der Zwischenzeit zum Studentenwohnheim umgebaut, denn der naturwissenschaftliche Campus der Goethe-Universität liegt auf dem Riedberg. Das private Wohnheim steht in denkbar trister Umgebung zwischen alten Bürohäusern.

Quelle: F.A.Z.
Rainer Schulze
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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