Kommentar zu Frankfurter CDU

Die zweite Überraschung

Von Tobias Rösmann
 - 16:43

Kaum ist die eine Überraschung parteiintern verarbeitet, wartet der Frankfurter CDU-Spitzenmann Uwe Becker mit der nächsten auf: Nach dem Verzicht auf die Kandidatur zur Oberbürgermeisterwahl zugunsten von Staatssekretärin Bernadette Weyland gibt der 47 Jahre alte Becker nun auch den Parteivorsitz ab. Schon Anfang Juni soll der 36 Jahre alte Frankfurter Bau- und Reformdezernent Jan Schneider übernehmen.

Becker nennt persönliche Gründe für den zweiten Rückzug innerhalb weniger Monate. Tatsächlich ist ihm in einer Atempause durch den ersten Verzicht klargeworden, dass seine Frau und seine 16 Jahre alten Zwillinge in den vergangenen 15 Jahren zeitlich zu oft zweite Wahl waren. Das ist eine ehrenwerte Erkenntnis, nachvollziehbar ist sie ohnedies. Hinzu kommt, dass er nicht von der politischen Bühne verschwindet, sondern als Bürgermeister und Kämmerer ein Vollzeitpolitiker bleibt.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Becker nie ein sonderlich guter Parteichef war. Während er als hinter den Kulissen wirkender Kämmerer oft hervorragende Arbeit abliefert, fehlen ihm für einen außergewöhnlichen Anführer einer 2800-Mitglieder-Mannschaft unterschiedlichster Charaktere zwei essentielle Fähigkeiten. Becker kann weder voller Vertrauen wichtige Aufgaben an andere delegieren, noch vermag er es, in aller Öffentlichkeit mit Menschen auf Tuchfühlung zu gehen, ohne sie eine halbe Ewigkeit zu kennen. So betrachtet, gibt er jetzt seine schwächste Rolle auf.

Dass Becker gerade jetzt verzichtet, um den Kreisverband von einem Nachfolger in die Bundestagswahl und die Oberbürgermeisterwahl im nächsten Frühjahr führen zu lassen, ist richtig. Anders als bei der Personalie Weyland hat der Mann vom linken Parteiflügel den rechten MIT-Flügel früh eingebunden, um Ärger zu vermeiden. Dass die MIT ihrerseits nicht darauf bestand, einen eigenen Kandidaten durchzusetzen, hat zwei Gründe: Sie kann keinen geeigneten Bewerber vorweisen – und sie findet Schneider und dessen Arbeit überaus akzeptabel. Viele in der CDU meinen ohnehin, von der Vita und den Ansichten her würde er besser zum MIT-Flügel passen.

Schneiders Aufgabe ist gleichwohl nicht einfach. Denn der Kreisverband ist in Unruhe. Alte Absprachen werden nicht länger eingehalten, die Zwei-Flügel-Struktur könnte bald zerbrechen. Hinzu kommt, dass die Partei kein Geld hat und in Teilen auch ein Motivationsproblem. Dass etliche Führungsleute zudem immer offener Kritik am CDU-Geschäftsführer üben, der wiederum für die Organisation der wichtigen Wahlkämpfe verantwortlich ist, macht die Lage nicht einfacher. Schneider wird Energie brauchen, gute Berater auch und Geduld sowieso. Dann wird er das Ganze schon hinbekommen.

Quelle: F.A.Z.
Tobias Rösmann - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tobias Rösmann
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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