Australian Open

Kerber nach grandiosem Match im Halbfinale

Von Peter Heß, Melbourne
 - 08:16

Bei den Buchmachern ist Angelique Kerber schon seit Tagen die Favoritin auf den Titel bei den Australian Open. Sie selbst lehnt es ab, überhaupt darüber nachzudenken, wie ihre Chancen stehen. Noch nicht einmal von ihrem nahezu perfekten Viertelfinalmatch gegen die Amerikanerin Madison Keys ließ sich die 30 Jahre alte Norddeutsche mitreißen. Die Quoten in den Wettbüros für ihren zweiten Erfolg in Melbourne nach 2016 mögen noch einmal kräftig gesunken sein. Sie sagte am Mittwoch nach ihrem grandiosen 6:1, 6:2 lediglich. „Ich denke nur noch von Spiel zu Spiel. Der Druck den ich mir selbst machte, stand mir am meisten Weg.“

Das war 2017, als sie auf Platz eins der Weltrangliste startete und daran scheiterte, die außergewöhnlichen Ergebnisse des Jahres 2016 zu bestätigen. 2018 begann sie als 21. der Rangliste. Aber nach dem 14. Einzelsieg des Jahres steht schon fest, dass sie in die Top Ten zurückkehrt. Je nach weiterem Turnierverlauf als Neunte oder Zehnte. „Ich habe es auch gerade gehört. Es freut mich, aber weiter beschäftigt mich das nicht“, sagte Kerber anderthalb Stunden nach ihrer Lehrstunde für Keys.

Lehrstunde ist nicht ganz der richtige Begriff, die Vorführung dauerte nur 51 Minuten, dann war das 6:1, 6:2 besiegelt. Kerber begann mit einem Break, hatte danach jedoch Schwierigkeiten, ihren Aufschlag zu halten. Doch als nach Abwehr von zwei Breakbällen das 2:0 geschafft war, verlieh das der Deutschen eine Sicherheit, die sie zu einer großartigen Leistung beflügelte. Wenn sie gegen Keys, die als eine der härtesten Schlägerinnen im Damen-Zirkus gilt, in die Defensive geriet, vermochte sie sich daraus oft wieder zu befreien.

Aber noch häufiger gelang es ihr, die Amerikanerin gar nicht in die Offensive kommen zu lassen, sondern selbst die Initiative zu ergreifen. Keys Verunsicherung wuchs von Spiel zu Spiel, was sich an der Vielzahl ihrer vermeidbaren Fehler ablesen ließ. Nach 33 Minuten führte Kerber 6:1, 3:0. Dann tat sich für die Finalistin der US Open von 2017 doch noch der Notausgang einen kleinen Spalt auf. Eine kurze Schwächephase der Deutschen nutzte sie, um auf 2:3 zu verkürzen.

Doch dann schlug sie die Tür selbst wieder zu, als sie versuchte, sie aufzuziehen. Keys unterliefen ein paar Fehlschläge und Kerber war wieder obenauf. Die letzten beiden Spiele stellten ein reines Vergnügen für die Linkshänderin dar, mit spektakulären Lobs und Volleys. „Ich habe den Ball heute sehr gut gespürt“, sagte sie, was die Statistik eindrucksvoll belegte. Ihr unterliefen nur sieben leichte Fehler, dafür schlug sie 13 Winner, genauso viele wie Keys, die für die durchschlagende Wucht ihrer Schläge bekannt ist.

Im Halbfinale trifft Kerber nun auf die Weltranglistenerste Simona Halep. Die 26 Jahre alte Rumänin setzte sich sicher über die an Position sechs gesetzte Polin Karolina Pliskova hinweg. 6:3, 6:2 gewann Halep, die schwer ins Turnier gestartet war. Sie benötigte, behindert durch eine Knöchelverletzung, 3:45 Stunden, um in der dritten Runde im drittlängsten Match der Australian-Open-Geschichte gegen die Amerikanerin Laren Davis 4:6, 6:4, 15:13 zu gewinnen. Wie die weiteren deutlichen Siege über die Japanerin Osaka und Pliskova zeigen, hat sie die Verletzung nun ziemlich überwunden. „Wir haben uns schon viele harte Matches geliefert. Es wird bestimmt wieder ein langes Spiel werden, mit vielen langen Ballwechseln“, sagte Kerber. Im direkten Vergleich steht es 5:4 für die Deutsche, von den letzten sechs Spielen gewann sie fünf.

Ob ihr der Siegeszug langsam unheimlich werde, Kerber ist 2018 noch ungeschlagen, wurde sie gefragt. Ihre Antwort: „Ich weiß, wie hart ich in der Vorbereitung gearbeitet habe, ich weiß, was ich kann. Aber ich denke gar nicht darüber nach, wie viele Spiele ich schon gewonnen habe.“ Für sie werde der Erfolg über Keys auch nicht deshalb wertvoller, weil die Amerikanerin eine der Mitfavoritinnen auf den Titel in Melbourne war: „Alle können spielen. Wenn ich so spiele wie heute, bin ich zufrieden mit mir, auch wenn ich nur die Nummer 60 oder 80 der Weltrangliste geschlagen habe. Die Rangliste ist nicht so wichtig, wie ich spiele ist wichtig.“

Und sie spielt in Melbourne wieder richtig gut, vielleicht sogar besser als bei ihrem Sieg 2016. Vergleiche mag sie nicht ziehen, das lenke nur vom Wesentlichen ab. Aber einen Fortschritt betont sie selbst: „Mein Aufschlag ist besser geworden. Das war auch heute gegen Madison wichtig.“ Den Aufschlag hat sie mit ihrem neuen Trainer Wim Fissette entwickelt. Ansonsten ist ihr Spiel gleich geblieben. „Meine Fitness, meine Laufarbeit werden immer meine Grundlage bleiben. Ich kann ewig laufen und bekomme viele Bälle zurück. Aber darüber hinaus wollte ich wieder mehr das Spiel in die eigene Hand nehmen.“ Wie schon 2016, da brachte sie der Mix aus Defensive und aggressiven Kontern nach ganz oben.

2017 ging ihr Stück für Stück das Selbstvertrauen verloren, sie zog sich zu tief in die Defensive zurück. Madison Keys beschrieb nach dem Match ausführlich, wie unwohl sie sich wegen der Spielweise Kerbers auf dem Platz gefühlt hatte. „Ich fand einfach nicht die Balance. Ich wollte konstant spielen, keine Fehler machen, dabei wurde ich aber zu passiv und sie schlug sofort Winner. Dann wurde ich aggressiver, doch Kerber brachte fast alles zurück und provozierte mich so zu Fehlern, weil ich dachte, immer noch härter schlagen zu müssen, um den Punkt zu machen. Dann spielte ich wieder, was ich bei anderen Gegnern sichere Bälle nenne. Aber die sind bei Kerber nicht sicher, bei denen bringt sie dich zum Laufen.“

Angelique Kerber dagegen fühlt sich wieder wohl in ihrer Haut, wenn sie auf dem Tennisülatz steht nach dem vermaledeiten Jahr 2017. „Ich will wieder das Gefühl von 2016 haben, ich will wieder Tennis genießen“, sagte Kerber vor dem Jahreswechsel Kerber zu ihren Zielen für das neue Jahr. Dieser Ziel hat sie schon im Januar erreicht, einerlei, was in Melbourne noch geschehen wird.

Quelle: FAZ.NET
Peter Heß
Sportredakteur.
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