Australian Open

Das sind die Tennis-Stars der Zukunft

Von Peter Heß, Melbourne
 - 12:32
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Endlich neue Namen, endlich neue Gesichter! Der Kampf der Tennis-Generationen hat begonnen. Nach zwölf Jahren Denkmalpflege prüfen die jungen Spieler immer unverschämter, wie standfest ihre Vorbilder noch sind. Bei den Australian Open in Melbourne zogen erstmals seit zehn Jahren wieder zwei ungesetzte Spieler ins Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers ein. Der Engländer Kyle Edmund, 23, besiegte auf seinem Weg in die letzten vier den Finalisten der US Open 2017, Kevin Anderson aus Südafrika, und den Gewinner des ATP-Finales 2017, Grigor Dimitrow. Der Südkoreaner Chung Hyeon entnervte den bisher erfolgreichsten der jungen Löwen, Alexander Zverev aus Hamburg, im Achtelfinale und dann sogar Novak Djokovic im Viertelfinale. Nach dieser mitreißenden Vorstellung räumten einige dem jungen Südkoreaner sogar für die Auseinandersetzung mit Roger Federer eine Chance ein.

Doch Chung konnte sie nicht wahrnehmen. Seine Laufarbeit forderte ihren Tribut. Seine Füße waren nach den vielen Matches mit Blasen übersät. Ein Betreuer sagte, sie seien aufgeschnitten worden und das rohe Fleisch sei zu sehen gewesen. Chung gab beim Stand von 1:6, 2:5 auf, nachdem ihm Federer keine Chance und vor allem keine Ruhe gelassen hatte. „Ich wusste, dass Chung nicht richtig laufen konnte. Das tat mir zwar leid für ihn, aber ich habe es für mich ausgenutzt, und ich hetzte ihn hin und her“, sagte der 36 Jahre alte Schweizer, der am Sonntag auch das Finale gegen Marin Cilic gewann.

Die Zeichen stehen dennoch auf Veränderung, das war schon vor Chungs und Edmunds Triumphzügen in Melbourne nicht mehr zu übersehen. 2017 signalisierte Alexander Zverev durch seine Siege, dass er gut genug ist, die Größten zu schlagen. In Rom knöpfte er sich Djokovic erfolgreich vor, in Montreal Federer. 2014 und 2015 hatte der Australier Nick Kyrgios Nadal, Federer und Djokovic überrascht – allerdings bei kleineren Turnieren – und bewies damit, dass da plötzlich jemand ist, der die Platzhirschen verdrängen könnte.

Doch nur in wenigen Sportarten bedarf es so viel mehr als Potential, um an die Spitze zu kommen und dort zu bleiben. Es bedarf einer ungeheuren Konstanz, um die nötigen Weltranglistenpunkte zu gewinnen und damit einer ungeheuren Widerstandskraft bei der Tortur, die im Herrentennis ATP-Tour heißt. Im dichtgedrängten Turnierkalender von Januar bis November gilt es, nicht nur körperlich gesund und fit zu bleiben, sondern vor allem die mentale Frische zu bewahren, zwischen anstrengenden Reisen, der Einsamkeit auf den Hotelzimmern, eintönigem Training und dem nervlichen Stress während der Spiele.

Das Verarbeiten von Erfolg und Misserfolg, die Grenze zwischen Wollen und Verkrampfen zu finden, zählt zu den größten Schwierigkeiten für die aufstrebenden Talente. Kyrgios scheint wieder in die Spur zu finden, nachdem er in den vergangenen zwei Jahren unter der psychischen Belastung immer wieder eingeknickt war, zeterte, schrie, Spiele herschenkte und das Training zwischendurch immer wieder einstellte. Sein Landsmann Bernard Tomic flüchtet in Sarkasmus und Beleidigungen, wenn er seine eigenen Erwartungen nicht erfüllen konnte. „Ich gehe jetzt meine Millionen zählen.“ So beantwortete er in Melbourne die Frage eines Reporters, was er denn nach seinem Scheitern in der Qualifikation nun tun werde. Die Australier reagierten empört.

Zverev ist schon viel weiter, als es Tomic jemals war. Aber auch bei ihm wächst der selbsterzeugte Druck, die Leistungen auf der ATP-Tour bei den Grand Slams zu bestätigen. Bisher ist eine Achtelfinal-Teilnahme in Wimbledon 2017 sein bestes Ergebnis: „Die Grand Slams“, sagte er, „bedeuten mir noch zu viel.“

Es gibt viele Gründe, auf dem langen Weg zum Gipfel zu scheitern. Einer ist es, in einer Generation mit Titanen zu spielen. Seit Juni 2005 gingen 49 von 51 Grand-Slam-Titeln an Federer, Nadal, Djokovic, Murray und Wawrinka. Lediglich der Argentinier del Potro (US Open 2009) und der Kroate Cilic (US Open 2014) sorgten für Abwechslung. Besonders imponierend ist die Konstanz der großen Tennis-Stars, was sich an deren Halbfinal-Teilnahmen zeigt. Federer (42), Djokovic (26), Nadal (26), Murray (21) waren in den vergangenen zwölf Jahren Dauergäste, Wawrinka in den vergangenen vier Jahren (9). Von der Generation der Verlierer schnupperten Berdych (7) und Tsonga (6) am häufigsten am Lorbeer, ohne ihn jemals umhängen zu dürfen. Jetzt, da der Zahn der Zeit an den Denkmälern nagt, da sie von Verletzungen und Wehwehchen geplagt werden, kommen die Altersgenossen wieder nicht zum Zug. Auch Tsonga, Berdych, Nishikori, Raonic und del Potro bremsen körperliche Beschwerden.

In der mittleren Generation verfügen zwei Spieler über die Klasse und die Physis, die immer größer werdenden körperlichen Schwierigkeiten der Generation 30 plus ausnutzen zu können. Melbourne-Finalist Cilic, mit 29 allerdings kaum jünger, und der Bulgare Grigor Dimitrow. Cilic hatte 2014 in New York an einem Tag, an dem ihm alles gelang, Federer im Halbfinale vom Platz gefegt und im Finale Nishikori bezwungen. Seitdem konnte er zwar immer wieder mit seinem kraftvollen Aufschlag und seiner mächtigen Vorhand Schrecken verbreiten, aber Kleinigkeiten fehlten ihm, den Triumph zu wiederholen – das Gefühl für den richtigen Moment und ein bisschen Übersicht. In Melbourne zeigte sich Cilic noch einmal leicht verbessert, in der Beinarbeit und bei der Einteilung seines Spiels. Nun, da die Älteren schwächeln, könnte es für ihn wieder für einen Titel reichen.

Dimitrow, 26, galt vor sechs Jahren als „Baby-Federer“. Aber es dauerte bis 2016, ehe der Bulgare sein Talent weiterentwickelte. „Es hat ein bisschen gedauert, aber jetzt weiß ich, was ich zu tun habe.“ Sein Sieg im ATP-Finale 2017 in London hat ihm die Gewissheit gegeben, „auch für einen Grand-Slam-Titel gut genug zu sein“. Dem Österreicher Dominic Thiem (24) und dem Belgier David Goffin (27) werden von den Experten keine ganz große Entwicklungsmöglichkeit mehr eingeräumt, obwohl sie es in die Top Ten geschafft haben. Solide, zuverlässig, konstant sind die Attribute, die ihnen zugeordnet werden, nicht Extraklasse.

Dimitrow dagegen scheint der Sprung in die Nähe der Siegertypen gelungen zu sein – weil die ganz Großen nicht mehr ganz so groß wie in der Blüte ihrer Jahre sind. Ob Federer, Nadal, Djokovic und Murray für die aufstrebende junge Generation in zwei, drei Jahren noch die Relevanzgrößen sein werden, hängt allein von ihrer Gesundheit ab. Wawrinka dagegen scheint mit bald 33 am Ende seiner Schaffenskraft. Ironischerweise macht der Älteste körperlich den besten Eindruck. Während Nadal wegen eines schmerzenden Hüftbeugers aufgeben musste, während Djokovics Ellbogen auch nach mehr als einem halben Jahr Pause nicht richtig mitspielt und Murray sich nach ebenso langer Schonzeit wegen seiner Hüfte immer noch nicht fit genug für ein Comeback fühlt, hüpft der 36 Jahre alte Federer wie ein Junger über das Spielfeld.

Und spielt immer noch inspirierter und besser Tennis als alle anderen. Der Schweizer wird überall, wo er hinkommt, bewundert für sein Spiel und für seine Persönlichkeit, für den Esprit, mit dem er seine Schläge veredelt, mit der Eleganz seiner Bewegungen. Seine Ankunft am Spielereingang vor dem Training zieht mehr Zuschauer an als die Matches auf den Nebenplätzen. Um nur einen Blick auf ihn zu erhaschen, warten manche Fans stundenlang. Wenn es nach ihnen ging, würde der „Maestro“ ewig weiterspielen. Federer setzt sich kein Zeitlimit. Im Moment ist er gesund, das Spielen und das Leben auf der Tour machen ihm Spaß, da ihn seine vier Kinder und seine Frau begleiten. „Solange ich es genieße wie jetzt, spiele ich“, sagte er und fügte hinzu: „Wenn aber etwas geschieht, eine Verletzung oder wenn es meiner Familie nicht mehr gefallen sollte mitzureisen, dann könnte ich sehr schnell aufhören.“

Federer stöhnt nicht über die neue Konkurrenz, er freut sich, dass Bewegung in die Tennis-Hierarchie gekommen ist. „Die Jungen müssen endlich den nächsten Schritt machen. Wir wollen doch wieder einmal neue Geschichten hören. Für mich ist es enttäuschend, wenn jemand mit 27 den Durchbruch schafft, dann kenne ich ihn doch schon seit sieben Jahren und das Publikum auch.“

Die jungen Halbfinalisten von Melbourne Edmund (23) und Chung (21) findet Federer spannend. Von dem Südkoreaner erwartet er „mindestens die Top Ten, vielleicht auch mehr. Aber ich will ihm nicht so viel Druck machen“, sagt der Schweizer. Doch es gibt noch mehr als die von der ATP als NextGen (nächste Generation) vermarkteten Nachwuchsspieler, die das Zeug haben, es den Stars gleichzutun. Die Russen Rublew, Medwedew und Kaschanow, der Kanadier Schapowalow, der Kroate Coric, der Japaner Sugita, der Amerikaner Donaldson – so viele Jungprofis Anfang zwanzig standen schon lange nicht mehr gleichzeitig unter den besten 60 der Weltrangliste. Sie bringen frischen Wind, aber keinen wirklich neuen Stil in den Tennis-Zirkus. Fast alle zeichnet ein guter Aufschlag und viel Power in den Grundschlägen aus. „Sie sind noch athletischer, spielen noch längere Rallyes, weil sie sehr beweglich sind“, sagt Federer.

Chung bildet eine Ausnahme, er hat noch mehr zu bieten. Der Koreaner ist auf den wahrscheinlich schnellsten Beinen aller Spieler auf der ATP-Tour unterwegs und besitzt die Beweglichkeit eines Turners. Weil er das Spielfeld so gut abdeckt wie kaum ein anderer, kann er es sich leisten, einen Ballwechsel in Ruhe aufzubauen und dann, wenn ihm danach ist, den Ball zu beschleunigen und ihn an die Linien zu setzen, manchmal mit extremen Winkeln. „Er versucht, den Gegner zu frustrieren, indem er ihm zeigt, du kannst keinen Winner gegen mich schlagen. Er verzichtet dafür manchmal sogar darauf, einen kurzen Ball des Gegners anzugreifen. Und dann passiert er ihn aus dem Handgelenk.“ Chung beschreibt sein Spiel kurz und knapp: „Djokovic war mein Idol, ich habe seinen Stil kopiert.“

Die Tennis-Organisatoren machen es den Jungen mit einer Regeländerung ein wenig leichter, ganz nach oben zu kommen. Vom nächsten Jahr an werden bei großen Turnieren nicht mehr 32 Spieler gesetzt, sondern 16. „Das öffnet die Tableaus in einer gewissen Weise, was gut ist. Denn die ersten Runden waren in der Vergangenheit doch oft ziemlich langweilig“, sagt Federer. 2018, so der Schweizer, betrachtet er als das spannendste Jahr seit langem. „Ich werde älter, ob die anderen Etablierten zu 100 Prozent wieder fit werden, ist nicht sicher. Dimitrow und Zverev sind sehr stark, und von unten drängen viele ganz Junge nach: So offen war es schon lange nicht mehr. Ich bin selbst gespannt, wie sich das alles entwickeln wird.“ Federer machte am Ende des Grand Slams in Melbourne einen aufgeregteren Eindruck, was die Zukunft des Tennis betrifft, als vor dem Turnierstart. Das hatte er mit einem selbstironischen Lächeln gesagt: „Es ist doch nicht normal, dass ich mit 36 noch Turnierfavorit bin.“ Fast 15 Jahre nach seinem ersten Grand-Slam-Titel 2003 in Wimbledon freut er sich auf neue Herausforderer. Um sie und die Zeit zu besiegen.

Quelle: F.A.Z.
Peter Heß
Sportredakteur.
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