Tennis in Melbourne

Die jungen Wilden der Australian Open

Von Peter Heß, Melbourne
 - 17:11

Woran erkennt man in diesen Tagen den wahren Tennis-Experten? Daran, dass er sich mit Prognosen zurückhält. Zumindest in der Damen-Konkurrenz der Australian Open. Nach zwei Runden befinden sich von den 16 gesetzten Spielerinnen der unteren Hälfte des Tableaus nur noch fünf im Wettbewerb. Und welcher Fachmann hätte geglaubt, dass eine Qualifikantin aus Thailand und eine 15 Jahre alte Qualifikantin aus der Ukraine die dritte Runde erreichen würden?

Marta Kostjuk, geboren am 28. Juni 2002, ist ein seltenes Phänomen der Frühreife. Nur die Schweizerin Martina Hingis war in der modernen Tennis-Zeitrechnung zwei Monate jünger bei ihrem ersten Einzelsieg bei den Australian Open (1996). „So viele Leute: Ich bin ein bisschen verängstigt“, begann Kostjuk am Mittwoch die obligatorische Pressekonferenz nach ihrem Sieg über die Australierin Olivia Rogowska. Dann aber erwies sich der Teenager alles andere als schüchtern, sondern beantwortete kokett und aufgeräumt alle Fragen. Schnell wurde deutlich, dass hier ein in jeder Hinsicht bestens vorbereitetes Talent seinen Auftritt hat. Kostjuk, Tochter eines Tennis-Turnierdirektors und einer ehemaligen Profispielerin aus Kiew, gilt seit ihrer Kindheit als riesige Begabung.

„Ja, ich unterstütze sie, aber ich will ihr nicht so viel Druck machen, ich will ihr vor allem Liebe geben“, sagte ihre Mutter Talina in einem Interview. Ihre Tochter sagte in einem anderen Interview: „Ich liebe Tennis, aber ich genieße es nicht zu spielen. Ich will immer nur gewinnen.“ In Melbourne darauf angesprochen, erläuterte sie: „Früher war jede Niederlage eine Tragödie, jetzt geht es.“ Die Australian Open sind ihr erstes großes Erwachsenen-Turnier, sie erhielt als Belohnung für ihren Triumph im Juniorenturnier 2017 in Melbourne eine Wildcard. Nach dem Erreichen der dritten Runde sehen sich alle bestätigt, die ihr eine riesige Karriere prophezeien. Die Voraussetzungen dafür sind perfekt: Talent, Wille, Athletik und Umfeld. Ivan Ljubicic, der Trainer von Roger Federer, hat sich ihrer schon angenommen.

Wenn die Thailänderin Luksika Kumkhum ihrem Beruf nachgeht, dann wird sie von einem einheimischen Trainer betreut, den in der großen Tenniswelt niemand kennt. Die 24 Jahre alte Asiatin kann sich ihren früheren amerikanischen Coach nicht mehr leisten. 2014 hatte sie bei den Australian Open das erste Mal für Aufsehen gesorgt, als sie die spätere Wimbledon-Siegerin Petra Kvitova aus dem Wettbewerb warf. Sie stieg bis Platz 84 der Weltrangliste auf, was ihr die Startberechtigung an den Qualifikationsrunden der WTA-Turniere verlieh. Aber sie versuchte vergeblich, auf der großen Tour Fuß zu fassen. Das Heimweh spielte mit. Und irgendwann stand sie vor der Entscheidung, Schulden zu machen oder sich auf Turniere in Asien zu beschränken (mit gelegentlichen Ausflügen nach Europa).

Bei den Turnieren auf ihrem Heimatkontinent, meistens zweitklassigen Challenger oder drittklassigen Futures, berappelte sie sich wieder und rückte in Regionen zwischen 125 und 150 der Weltrangliste vor. Gut genug, um einen Startplatz für die Qualifikation des Grand-Slam-Turnieres in Melbourne zu ergattern. Und mit 24 präsentiert sich Kumkhum dieser Tage in der Form ihres Lebens. In der zweiten Hauptrunde fegte die Thailänderin die Schweizerin Belinda Bencic 6:1, 6:3 vom Platz, jene Belinda Bencic, die in der ersten Runde Venus Williams ausgeschaltet hatte.

Sie war einfach durch das aggressive Power-Tennis der Asiatin überrollt und mit deren Spezialschlag, der beidhändigen überrissenen Vorhand, aus dem Konzept gebracht worden „Mein Vater hat mir das beigebracht. Was er sich dabei dachte, weiß ich auch nicht, ich habe es einfach gemacht“, sagte Kumkhum am Mittwoch über ihren Schlag, der sie bei der Ausführung wie eine Baseballspielerin aussehen lässt. Für ihren Vater, den Tennislehrer, spielt sie immer noch mit. „Am liebsten würde ich in die Top Ten kommen, dann würden die Schüler bei meinem Vater Schlange stehen.“

Das erscheint ihr selbst nicht realistisch. Aber unter die Top 50 würde sie gerne kommen. Das Startkapital für den zweiten Anlauf besitzt sie nun. Umgerechnet etwa 93.000 Euro Preisgeld hat die Thailänderin in Melbourne schon eingespielt. „Ich werde mir von dem Geld nichts Großes kaufen, ich investiere es in mein Tennis.“

Quelle: FAZ.NET
Peter Heß
Sportredakteur.
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