Leon Goretzka im Interview

„Da ist noch Luft nach oben“

Von Christian Eichler
 - 12:36
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Herr Goretzka, Sie haben in dieser Saison den Pfeilwurf-Torjubel erfunden. Wie klappt es inzwischen beim Werfen auf die Dartscheibe in der Schalker Kabine?

Sehr gut, danke.

Schon eine 180 geschafft?

Mittlerweile ja. Hat nur leider keiner gesehen. Deswegen glaubt es mir niemand.

Auf dem Spielfeld zielen Sie auch immer besser. Acht Tore in dieser Saison.

Mehr Torgefahr, das hatte ich mir fest vorgenommen. Letzte Saison waren es nur zwei. Dabei war es früher eine Stärke von mir gewesen, auch Torgefahr auszustrahlen als Mittelfeldspieler. Dahin wollte ich zurück, und das ist auch deutlich besser geworden. Auch, weil ich oft eine Position weiter vorn gespielt habe. Aber ich lasse immer noch manche Torchance liegen. Da ist noch Luft nach oben.

Fehlt manchmal der nötige Egoismus, weil man als Mittelfeldspieler ein sozialer Mensch ist, der andere in Szene setzt?

Ich bin in mancher Situation noch nicht eigensinnig genug und spiele den Ball dann noch einmal ab. In der Tat macht es mir auch Spaß, andere in Szene zu setzen. Über einen Assist freue ich mich genauso wie über ein Tor. Aber manchmal ist es besser, selbst den Abschluss zu suchen und eigensinniger zu sein.

Ermutigt der Bundestrainer Sie dazu?

Dazu nicht speziell. Aber er treibt mich an, meine Stärke einzubringen und viele Laufwege in die Tiefe zu machen.

Es scheint, als ob Ihnen in dieser Saison bei Schalke und nun vielleicht auch im Nationalteam der große Sprung gelungen wäre.

Na ja, großer Sprung ... Ich kann mich in allen Bereichen noch verbessern. Die mediale Aufmerksamkeit aufgrund der Torbeteiligungen war aber in diesem Jahr größer, deswegen kommt es in der öffentlichen Wahrnehmung vielleicht so rüber, als sei ich jetzt viel besser als im letzten Jahr gewesen. Aber auch die Vorsaison war sehr gut. Nur habe ich mich da zu einem ungünstigen Zeitpunkt verletzt, und das ist jetzt zum Glück ausgeblieben.

Sie sind diese Saison nahezu verletzungsfrei geblieben und begründen das auch mit der Umstellung Ihrer Ernährung. Für einen Laien ist das schwer vorstellbar, dass man sich nicht den Muskel zerrt, weil man das Richtige isst.

Man kann das natürlich nicht auf jeden beziehen, das muss jeder ganz individuell prüfen lassen. Das habe ich getan, auf den Rat unseres Chef-Physiotherapeuten hin, weil er feststellte, dass ich auf kleinere Verletzungen anders reagierte als andere Spieler und nach Spielen länger brauchte, um mich wieder fit zu fühlen. Er empfahl, auf metabolischer Ebene mal zu schauen, was man machen kann.

Also im Bereich des Stoffwechsels.

Ja, ich ließ mich bei einem Spezialisten in Darmstadt auf alles prüfen. Ergebnis waren zu hohe Entzündungswerte im Körper. Man sagt ja, der Darm ist das zweite Gehirn, und er hat bei mir aufgrund der Entzündungen nicht mehr richtig regulieren können, welche Stoffe vom Körper aufgenommen werden sollten. So wurden durch diese Entzündungen jegliche Regenerationsprozesse verlängert. Die Umstellung der Ernährung ließ die Entzündungswerte sinken. Seitdem bin ich viel schneller fit nach einem Spiel, vor allem in den englischen Wochen.

Was heißt das für Ihre Speisekarte?

Kein Gluten, keine Kuhmilch, kein Schweinefleisch. Und anfänglich auch keine Nüsse.

Ernährung ist ja ein großes gesellschaftliches Thema geworden, auch im Fußball?

Absolut. Ist ein echter Hype geworden. Anfangs habe ich es nur gemacht, weil mein Physio mich gedrängt hatte. Aber schon nach zwei, drei Wochen merkte ich den Unterschied. Wenn man so ein Aha-Erlebnis hat, fällt es anschließend viel leichter, auf bestimmte Nahrungsmittel zu verzichten. Ich habe mehr Energie, bin viel seltener tagsüber müde.

Sie wirken auch im Spiel präsenter.

Ich habe mich weiterentwickelt und bin in der Mannschaft in der Hierarchie bei Schalke weiter nach oben gerutscht. Ich hatte mir vorgenommen, Verantwortung zu übernehmen und in diese Führungsposition reinzuwachsen. Mit der Berufung in den Mannschaftsrat habe ich viel Vertrauen bekommen. Das ist nicht selbstverständlich, in solch einem großen Verein in meinem Alter.

Fühlen Sie sich wohl als Anführer auf dem Platz?

Ich war das auch schon in meinen Jugendteams und als Kapitän in Jugend-Nationalmannschaften. Das macht mir Spaß, und ich glaube auch, dass meine Position dafür prädestiniert ist.

Ihre Position ist die des „Achters“, des Ankers im Mittelfeld. Dort agiert im Nationalteam mit Toni Kroos, dem Regisseur des Champions- League-Siegers Real Madrid, ein überragender Spieler, von dem Sie auch sehr viel halten.

Na ja, so viele gibt es auch nicht, die nicht sehr viel von ihm halten.

Wo sehen Sie sich im Vergleich?

Ich denke, dass ich wie er auch sehr mannschaftsdienlich spiele. Einer meiner Vorteile ist, dass ich mich nicht auf eine spezielle Position begrenzen muss. Ich kann auf vielen Positionen spielen.

Sie wollen sich beim Confed Cup, wo Kroos pausiert, im Nationalteam beweisen und für die WM 2018 empfehlen. Vielseitigkeit ist dabei gewiss gefragt. Ist es auch die Fähigkeit, ein Spiel lesen zu können und zu wissen, wie man Tempo und Fluss eines Spiels steuert?

Das Gefühl dafür kommt mit der Zeit. Je mehr du in die Verantwortung rückst, desto mehr traust du dir zu, den Takt vorzugeben und der Mannschaft das Kommando zu geben. Das kann wohl kaum ein Spieler so wie Toni Kroos. Er schafft das eben auch bei der wohl besten Mannschaft der Welt, eine ganz große Leistung.

Wie viel befassen Sie sich mit den konkreten Details Ihrer Arbeit? Pass auf welche Fußseite, Mitnahme in welche Richtung, Tempo verschärfen, Tempo verschleppen?

Damit muss man sich im heutigen Fußball befassen, er ist so schnell geworden. Es kommt inzwischen sehr auf diese Details an. Ob ich den Ball in den offenen oder in den geschlossenen Fuß spiele, kann eine Situation entscheidend verändern. Jeder Spieler, der ganz nach oben möchte, muss sich mit solchen Einzelheiten befassen.

Wenn Sie ein Spiel anschauen, sehen Sie es schon mit dem Auge des Taktikers?

Nein, wenn ich Fußball gucke, ist es nicht so, dass ich keinen Spaß am Spiel selbst mehr hätte, weil ich nur mit taktischer Analyse beschäftigt wäre. Aber manchmal, wenn ich darin taktische Inhalte aus unserem Training wiedererkenne, finde ich das schon sehr interessant.

Und Sie schauen immer noch die Spiele Ihrer alten Kumpels aus Bochum, die heute in der Kreis- klasse spielen?

Na klar.

Wäre das Talent in der Wiege andersherum verteilt worden, könnten das dann heute auch Sie sein, der da spielt, als Amateur?

Aber ja. Ich finde das brutal beeindruckend, wie viel Engagement die Jungs da zeigen, obwohl sie damit nichts verdienen. Alles wird investiert, um den Ball noch vor dem Aus zu retten. Auf der Asche runter in die Grätsche, die komplette Seite aufgeschrammt, alles nur aus Lust und Leidenschaft, echt begeisternd. Und, ob man es glaubt oder nicht, es sind auch ein paar richtig gute Fußballer dabei.

Man wird nicht Fußballer, um reich zu werden, sondern um Spaß zu haben?

Natürlich.

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Sie waren von klein auf nahe dran am Fußball. Die Kindheit nahe am Ruhrstadion, mit Papa bei den Spielen, dann Jugendspieler, Balljunge, Fan in der Kurve, Jungprofi, alles beim VfL Bochum, und Dauerkarte bis heute, da Sie ein Star auf Schalke sind. Hat man da eine andere Prägung als andere Profis?

Ich kann nicht für andere sprechen, nur für mich selbst sagen, dass ich Fußball spiele, weil ich Fußball liebe und auch nur deswegen auch Profi geworden bin. Mein Vater sagte immer: Wenn du eines Tages kommst und sagst, du hättest heute keine Lust, zum Training zu fahren, dann akzeptiere ich das einmal, aber beim zweiten Mal melde ich dich ab. Denn die Grundvoraussetzung für Leistung ist, an der Sache auch Spaß zu haben. Das war eine gute Strategie. Ich habe nie ein Training ausgelassen.

Wird man durch diese Nähe zum Fußball als einem Stück Heimat anders geprägt bei der Entscheidung, für welchen Verein man spielt?

Ich würde nie sagen, dass ich für einen Verein nicht spielen würde, weil die Fankultur dort vielleicht noch nicht solch eine lange Tradition hat. Auch bei Klubs ohne große Fußballkultur und Tradition wird sehr guter Fußball gespielt. Aber es ist natürlich so, dass ich in einem der emotionalsten Vereine Deutschlands spiele und davor in Bochum bei einem Klub mit großer Tradition. Und dass ich das auch jede Sekunde genossen habe.

Ist es für Sie ein Nachteil im Hinblick auf Ihre WM-Chancen, dass Schalke kommende Saison nicht im Europapokal ist?

Wir hätten natürlich gern international gespielt. Das haben wir uns selbst eingebrockt und müssen nun damit leben.

Sie spielen im Nationalteam beim Confed Cup, könnten aber auch zur gleichen Zeit im Kader für die U-21-EM stehen. Auch für viele andere Spieler gab es beide Optionen, weil es heute so viele Talente in Deutschland gibt. Ist es immer leichter geworden für junge Spieler, sich durchzusetzen?

Der Trend ist, dass man in immer jüngeren Jahren schon sehr gute Leistungen zeigen kann, weil man immer besser ausgebildet wird. Und wir haben einen Bundestrainer, der sehr ambitioniert ist, junge Spieler einzubauen. Ich habe mein erstes Länderspiel schon mit 19 gemacht.

Hat sich da die Kultur geändert? Nicht mehr die Taschen tragen, sich hocharbeiten, ehe man überhaupt mitreden darf in der Kabine?

Ich musste die Taschen noch tragen auf Schalke. Ist ja kein großer Akt. Das ist immer noch so.

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Aber man wird früher ernst genommen, oder?

Na klar. In Bochum war ich mit 17 schon Stammspieler. Da kann mir ja keiner, der vielleicht älter ist, aber nur auf der Tribüne sitzt, sagen, dass ich die Bälle tragen soll.

Heute sind Sie 22, werden angehimmelt, auch von viel Älteren. Haben Sie manchmal das Gefühl, eine Blase zu bewohnen, und das richtige Leben ist draußen?

Natürlich ist man gezwungen, teilweise in dieser Blase zu leben. Gerade bei mir aber ist der Riesenvorteil, dass ich noch da wohnen kann, wo ich herkomme und groß geworden bin. Dort habe ich meine Schulfreunde, meine früheren Mitspieler aus Bochum, die jetzt ganz normale Berufe haben oder studieren. Deshalb komme ich aus dieser Blase heraus.

Kriegen Sie etwas von dem schwierigen Alltag der Menschen im Ruhrgebiet mit?

Absolut. Speziell in Gelsenkirchen. Viele Schalke-Fans zahlen ihren letzten Penny, um in der Arena stehen zu können. Deshalb bekommt man zu Recht von denen einiges zu hören, wenn man ihnen das Gefühl vermittelt, nicht alles gegeben zu haben.

Kein Ort, um sich als Star zu fühlen?

Ich bin im Kreis meiner Freunde einer wie jeder andere auch, und die sind auch darauf bedacht, mich immer auf den Teppich zurückzuholen. Und dann wohnt auch mein Vater noch bei mir.

Er hat bei Opel in Bochum gearbeitet, wo 2014 das letzte Auto vom Band rollte. Ein Symbol dafür, wie es im Ruhrgebiet den Bach runtergeht?

Absolut, ja. Auch deshalb habe ich nie das Problem, wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen. Aber das wird definitiv schwerer, wenn man in eine neue Stadt kommt.

Eine Erfahrung, die Ihnen bei Ihren Karriereaussichten wohl irgendwann bevorsteht. Wird die Bindung ans Ruhrgebiet bleiben?

Das ist schon sehr prägend gewesen.

Russland
Deutschland startet in den Confed Cup
© dpa, reuters
Quelle: F.A.S.
Christian Eichler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Eichler
Sportkorrespondent in München.
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