Deutsches Davis-Cup-Team

Spielt Boris noch mit?

Von Peter Heß, Oeiras
 - 20:13

Der etwa 60 Jahre alte Portugiese schmunzelt, als er die Frage stellt: „Spielt Boris Becker auch mit?“ Das Späßchen dokumentiert die Unsicherheit, die nicht nur im fernen Portugal, sondern auch in Deutschland herrscht, welche Rolle die Tennis-Ikone im Davis-Cup-Team spielen soll und tatsächlich einnimmt. Wie viel Becker steckt im Auftritt der deutschen Mannschaft, die in Oeiras versucht, den Verbleib in der Weltgruppe des Davis Cups zu sichern?

Nach dem Doppel am Samstag steht es 2:1 für Deutschland. Tim Pütz und Jan-Lennard Struff besiegten die Portugiesen Joao Sousa und Gastao Elias in einem nervenaufreibenden Match nach 3:37 Stunden Spielzeit 6:2, 4:6, 6:7 (5:7), 6:4, 6:4. Am Freitag waren die Spitzenspieler Joao Sousa und Jan-Lennard Struff ihrem Führungsanspruch nicht gerecht geworden und unterlagen jeweils gegnerischen Nummer zwei, Cedrik-Marcel Stebe und Pedro Sousa.

Für bösartige Kritiker hatte Becker damit schon am ersten Spieltag seines Wirkens versagt: Denn seine Hauptaufgabe soll es sein, Druck zu nehmen, die unergründlichen Schätze seiner Erfahrung weiterzugeben und die deutschen Spieler dadurch besser zu machen. Wäre das umgesetzt worden, dann hätte Struff die Steilvorlage von Stebes Auftaktsieg zur 2:0-Führung genutzt. Pedro Sousa ist in der Weltrangliste mehr als 50 Positionen schlechter plaziert. Aber diesem Urteil fehlt jeglicher Bezug zur Realität. Nimmt jemand allen Ernstes an, dass Becker am Mittwoch Abend wie eine Lichtgestalt ins Mannschaftshotel einschwebt und am Wochenende spielen alle um 20 Prozent besser?

Der Deutsche Tennis Bund (DTB) verknüpfte bei der Verpflichtung des 49 Jahre alten Leimeners jedenfalls nicht diese Hoffnung. Aber der DTB konnte sich sicher sein, mit seiner Ernennung zum Head of Men’s Tennis eine Menge Aufmerksamkeit und Publicity zu generieren.

Und auf seinen Experten-Blick auf das Tennisgeschehen zu verzichten, von dem schon Novak Djokovic profitierte, wäre dumm gewesen. Gerade, weil er zu erschwinglichen Konditionen zu erhalten war. Dazu könnte in Zukunft Beckers ausgezeichnete Beziehung zur Tennis-Familie Zverev doch noch bei der Davis-Cup-Besetzung hilfreich sein.

Becker und das Davis-Cup-Team sind in Portugal behutsam und leicht befangen aufeinander zu gegangen. Der Star wollte nicht als besserwisserischer Altmeister hineinstolpern und vor allem nicht die Autorität des Teamkapitäns Michael Kohlmann untergraben. Die Ereignisse des Freitags kommentierte er über eine Audiobotschaft, die der DTB über Whatsapp den Journalisten überspielte. Fragen zu Beckers persönlicher Situation waren tabu.

Von der Erscheinung her eher Platzwart

Seine Entschuldigung der Absage der Zverev-Brüder für das Relegationsspiel in Portugal über seinen Haussender Eurosport ordnete er so ein: „Ich bin da Sportpolitiker für den DTB. Mir ist es gelungen, dass sich die Aufregung durch die Absage nach 24 Stunden wieder gelegt hat. Das war positiv für Kohlmann und die Spieler.“

Die staatsmännisch gedachten Äußerungen stehen in einem gewissen Gegensatz zu seinem äußeren Erscheinungsbild. Mit seinen schwarzen Schlabberhosen und seinen seltsamen Polo-Shirts wirkte er am Freitag und Samstag eher wie der Platzwart und nicht wie der Head of Men’s Tennis, als er am Spielfeldrand das Training und die Matches beobachtete.

Quelle: F.A.S.
Peter Heß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Heß
Sportredakteur.
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