Eishockey-Weltmeisterschaft

Das Toronto Dänemarks

Von Bernd Schwickerath, Herning
 - 14:41

Die Mit- und Gegenspieler waren längst in ihren Kabinen, auch die Kamerateams hatten eingepackt. Da stand Peter Regin noch in der Interview-Zone der Herninger Eishockey-Arena und sollte dieses 3:2 nach Penaltyschießen gegen Deutschland erklären. Diesen rauschenden Sieg der Dänen zum Auftakt der Heim-Weltmeisterschaft. 32 Jahre ist Regin nun alt. Er hat viel erlebt, in der nordamerikanischen NHL, in der russisch-dominierten KHL. Aber dieser Mai 2018 toppt alles. Regin führt die Dänen als Kapitän in die erste WM im eigenen Land. Genauer gesagt: In der eigenen Stadt, in der er jeden kennt. Auch den Manager der Halle. „Während des Baus hat er mir damals gesagt, dass er hier eines Tages ein großes Eishockey-Turnier haben will. Ich wusste also seit zehn Jahren, dass es irgendwann passiert. Heute war es endlich so weit“, sagte Regin und sprach von einem „besonderen Tag für das dänische Eishockey“.

Von außen wird Dänemark ja stets mit den anderen Skandinaviern vermengt. Auch im Sport. Aber das ist grundfalsch. In Norwegen, Schweden und Finnland gehören Wettbewerbe auf Schnee und Eis seit Generationen zum Alltag, Dänemark ist erst seit 1988 regelmäßig bei Olympischen Winterspielen dabei. Die einzige Medaille gab es 1998 in Nagano, da gewannen die Curlerinnen Silber. Sportart Nummer eins ist Fußball, dahinter kommt Handball, „unser normaler Hallensport im Winter“, wie Regin sagt. Eishockey habe lange Zeit keine Rolle gespielt. „Es ist halt billiger, sich Schuhe und einen Handball zu kaufen als eine komplette Ausrüstung.“

„Wir haben kein Eis und keinen Schnee, bei uns regnet es“

Morten Green kennt noch einen anderen Grund: „Wir haben kein Eis und keinen Schnee, bei uns regnet es“, sagt er am Abend vor dem WM-Start in Herning. Das Büro für Stadtmarketing hat die ausländischen Journalisten in ein Museum geladen, um den 50.000-Einwohner-Ort vorzustellen. Der Kinderchor singt, es gibt Bier und Hotdogs. Green ist als Stargast dabei und darf etwas über das dänische Eishockey erzählen. Ehe er im Frühjahr aufhörte, spielte er rund zwei Jahrzehnte lang als Profi, die meiste Zeit in Schweden, aber auch in Hannover und Schwenningen. Seit 1999 hat er 14 Weltmeisterschaften erlebt. Und damit den Aufstieg eines durchschnittlichen Mitglieds der B-WM zu einem Dauergast in der A-Gruppe. 316 Länderspiele hat Green gemacht. Rekord. Nun analysiert er die Heim-WM fürs Fernsehen.

Der Spielplan der Eishockey-WM

Wenn ihm das einer vor 25 Jahren erzählt hätte, hätte er ihn ausgelacht. „Bis in die 90er haben Verband und Vereine nicht zusammengearbeitet. Es gab auch kein Jugendprogramm“, erzählt Green. Es brauchte erst den Wissenstransfer vom Nachbarn aus Schweden. Trainer kamen und brachten Ideen mit. Seitdem geht es bergauf. Auch Nationalmannschaftskapitän Regin spricht von „großen Schritte in den letzten zwanzig Jahren“. Seine Generation, die in den 80ern und 90ern geboren wurde, sei die erste, die professionell trainiert wurde. „Deswegen haben viele Welt-Level erreicht. Und je besser die Spieler werden, desto besser wird das Nationalteam, desto mehr Spieler gehen in die großen Ligen, desto populärer wird der Sport. Hier ist ein positiver Kreislauf entstanden.“

Heute ist das Nationalteam gespickt mit Spielern aus der NHL, der KHL, der schwedischen SHL oder der finnischen Liiga. Und zwei der größten Stars sind nicht mal dabei: Nikolai Ehlers (Winnipeg Jets) und Lars Eller (Washington Capitals) sind in den parallel stattfinden Play-offs der NHL gefragt. Das ist umso bemerkenswerter, weil Eishockey trotz der jüngsten Erfolge weiter Randsport ist. „Wir haben nur 17 Vereine in 15 Städten. Im ganzen Land gibt es nicht mal 25 Eishallen“, sagt Rekordnationalspieler Morten Green. Zum Vergleich: Allein in Toronto sind es mehrere hundert.

Die kanadische Metropole, Welthauptstadt des Eishockeys, muss dieser Tage häufig als Referenz herhalten. Immer dann, wenn jemand die Bedeutung Hernings erklären will. „Was Toronto für Kanada ist, ist Herning für Dänemark“, sagt auch Green. Nationaltrainer Janne Karlsson, ein Schwede, nennt die Stadt gar „das Herz des dänischen Eishockeys“. Nicht nur der Rekordmeister kommt hier her, auch acht aktuelle Nationalspieler. Kapitän Regin ist einer davon und sagt: „In Dänemark haben nicht viele die Möglichkeit, mit dem Sport anzufangen. Für Kinder in Herning ist Eishockey etwas Alltägliches.“ Deswegen wurde die Stadt als Spielort für die WM ausgewählt. Deswegen spielen die Gastgeber hier und nicht in der Hauptstadt Kopenhagen. Deswegen ist die ganze Innenstadt geschmückt. Kein Schaufenster kommt ohne Trikot, Schläger oder Puck aus.

Natürlich ist auch der Star der Mannschaft in Herning geboren. Torhüter Frederik Andersen, der die Deutschen, die an diesem Montag (16.15 Uhr bei Sport1) gegen die Vereinigten Staaten um die wohl letzte Chance für den Viertelfinal-Einzug kämpfen, beim Auftaktsieg entnervte. Im zweiten Spiel lief es nicht so gut, gegen die Vereinigten Staaten heißt es 0:4. Andersen ist trotzdem der Liebling der Fans. Der 28-Jährige hat von hier aus seine große Karriere gestartet. Diese Saison gehörte er zu den besten Torhütern der NHL. Auch in Nordamerika ist er ein Star. Denn spielt beim beliebtesten Team der Welt: Den Maple Leafs aus Toronto, dem Herning Kanadas.

Eis bei der Eishockey-WM bereitet Probleme

Das Eis bei der Eishockey-WM in Dänemark bereitet Probleme. In der Royal Arena in Kopenhagen ist das Eis derart schlecht, dass der Trainingsplan für den Montag durcheinandergewirbelt wurde. Die Organisatoren entschieden, dass das Eis in der 2017 eröffneten Haupthalle geschont werden soll und verlegten deswegen alle Trainingseinheiten in die angrenzende Trainingshalle. Auch am deutschen Spielort Herning ist das Eis in der Multifunktionshalle Jyske Bank Boxen nicht gut. „Aber das ist für alle so. Deswegen ist es keine Ausrede für uns“, sagte der deutsche Nationalspieler Dominik Kahun. (dpa)

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenNHLTorontoDänemarkEishockeyDänemark-ReisenSchwedenOlympische Winterspiele