Deutsches Eishockey-Team

Zurück in der Realität

Von Bernd Schwickerath, Herning
 - 08:15

Am Dienstag ließen die Nationalspieler die Arbeit ruhen. Lediglich eine Handvoll trainierte in der kleinen Eishalle vor den Toren Hernings. Der Rest sollte die Sonne genießen und vor dem Spiel an diesem Mittwoch gegen Südkorea (16.15 Uhr/live bei Sport 1), das nach einer 0:5-Niederlage gegen Lettland ohne jeden Punktgewinn ins Spiel gegen Deutschland geht, den Kopf freibekommen. Kein Eis sehen, keine Mikrofone. Bundestrainer Marco Sturm sagte sogar einen Fernsehauftritt ab. Es läuft nicht rund für die deutsche Mannschaft bei dieser 82. Eishockey-Weltmeisterschaft in Dänemark. Drei Spiele, drei Niederlagen. „Wir haben wichtige Punkte liegenlassen“, sagt Torhüter Niklas Treutle, „gegen Südkorea ist das natürlich ein Pflichtsieg.“ Sonst gerät das Team sogar in Abstiegsgefahr. Und das zehn Wochen nach dem Gewinn der olympischen Silbermedaille. In der Phase, in der das Eishockey endlich die Aufmerksamkeit erhält, die es so lange vergeblich für sich reklamierte.

Ist die Begeisterung um die Nationalmannschaft also schon wieder vorbei? „Was heißt Euphorie?“, entgegnete Sturm auf die Frage im Anschluss an das 0:3 am Montag gegen die Vereinigten Staaten. „Das Silber kann uns keiner mehr nehmen. Wir wussten, dass die WM eine große Herausforderung ist. Wir sind leider in einer Situation, in die wir nicht wollten. Aber man muss auch auf die Zukunft schauen.“ Soll heißen: Mir gefällt auch nicht, dass wir gerade jetzt im Umbruch sind. Aber wenn schon nur zehn Spieler aus dem Olympia-Kader in Dänemark dabei sind, dann sollen zumindest die vielen jungen Spieler – sieben sind 23 Jahre alt oder jünger – von der WM profitieren.

Ob das auch für das deutsche Eishockey insgesamt gilt, ist fraglich. Dem durchschnittlichen Sportfan, der sich im Eishockey nicht auskennt, ist es schwer zu vermitteln, dass die Nationalmannschaft nach dem Überraschungscoup in Südkorea ein völlig neues Gesicht hat. Dass ein Großteil der Namen, die man gerade neu gelernt hatte, nicht mehr dabei ist. Danny aus den Birken, der große Rückhalt im Tor. Christian Ehrhoff, der Abwehrchef und Fahnenträger bei der Abschlussfeier. Patrick Reimer, der unverwüstliche Torjäger. Kapitän Marcel Goc, der seinem Sohn nach dem Halbfinalsieg über Kanada mit Tränen in den Augen zum Geburtstag gratulierte. Alle weg.

Dass es in Dänemark nicht ähnlich märchenhaft weitergehen würde, war vor dem Turnier auch „intern ein Thema“, sagt Verteidiger Korbinian Holzer nun. Und das nicht nur wegen der Rücktritte und Absagen. Genauso entscheidend ist der Umstand, dass die Konkurrenz deutlich stärker ist. Die Teams aus Nordamerika sind fast ausschließlich mit NHL-Spielern vor Ort. Für Südkorea hatten sie noch die europäischen Ligen durchforsten müssen – und waren vor allem auf Personal gestoßen, das kurz vor der Eishockey-Rente steht. Nun haben die Vereinigten Staaten Superstars wie Patrick Kane dabei, der am Montag das 1:0 schoss.

Aus der Niederlage gegen den Tabellenführer der Gruppe B hätten die Deutschen trotzdem etwas mitnehmen können, lautete die einhellige Meinung. „Ein Schritt nach vorne“ sei das Spiel gewesen, „da haben wir uns wirklich gesteigert“, sagte Verteidiger Moritz Müller und wollte auch die Duelle mit Dänemark (2:3) und Norwegen (4:5) nicht so schlecht bewerten: „Natürlich hätten wir uns ein paar mehr Punkte erhofft. Aber man muss sagen, dass die Spiele beide ins Penaltyschießen gingen, das ist eine 50:50-Chance. Wir könnten jetzt auch vier Punkte haben. Dann wäre die äußere Betrachtung auf unsere Leistung wahrscheinlich eine andere.“ Das ist richtig. Genau wie Müllers Aussage: „Man muss ehrlicherweise zugeben, dass das Pendel bei den letzten Turnieren öfters mal für uns ausgeschlagen ist. Es war ja fast zu erwarten, dass irgendwann der Moment kommt, in dem es nicht für uns läuft.“

„Man muss sich das Glück hart erarbeiten“

Auch Marco Sturm wollte nicht verhehlen, dass ihm das Glück als Bundestrainer bislang stets hold war. Da wurden auch Spiele gewonnen, in denen die Gegner sicher nicht schlechter waren. Da gingen Verlängerungen und Penaltyschießen eben für sein Team aus. Folglich erreichte er bei den Weltmeisterschaften 2016 und 2017 jeweils das Viertelfinale, bei Olympia gar das Endspiel. In Dänemark seinen nun „ein paar Momente dabei, da war das Glück nicht auf unserer Seite“, sagt Sturm, der allerdings weit davon entfernt ist, höhere Mächte für den Fehlstart verantwortlich zu machen: „Man muss sich das Glück hart erarbeiten, deswegen müssen wir in Zukunft besser arbeiten.“

Die Chance dazu besteht bereits an diesem Mittwoch gegen Südkorea. Auf dem Papier eine leichte Aufgabe, doch nicht nur die sechs gebürtigen Kanadier haben das Team besser gemacht. „Wer Südkorea die letzten zwei Jahre verfolgt hat, der weiß, dass die jedem Gegner ein Bein stellen können“, sagt Moritz Müller mit Blick auf das enge Testspiel Ende April, da gewannen die Deutschen lediglich 4:3. Trotzdem sagt er: „Es muss unser Anspruch sein, Südkorea zu schlagen.“ Dann wäre zumindest der Klassenverbleib gesichert.

Südkorea verliert vor Duell mit Deutschland

Deutschlands kommender Gegner Südkorea hat auch sein drittes Vorrundenspiel bei der Eishockey-Weltmeisterschaft in Dänemark glatt verloren. Gegen Lettland unterlag der Aufsteiger am Dienstag in Herning mit 0:5 (0:2, 0:1, 0:2). Vor 5227 Zuschauern steuerte der lettische Stürmer Roberts Bukarts zwei Treffer gegen die körperlich unterlegenen Südkoreaner bei. Am Mittwoch (16.15 Uhr/Sport1) ist für die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bunds nach dem schlechtesten WM-Auftakt seit fünf Jahren gegen Aufsteiger Südkorea ein Sieg Pflicht. Gelingt der erste Turniererfolg in Dänemark nicht, droht sogar der Absturz in die Zweitklassigkeit. Gegen die Topteams Finnland (1:8) und Kanada (0:10) hatte der Olympia-Gastgeber Südkorea zuvor in seinen ersten beiden Spielen in der A-Gruppe Klatschen kassiert. Der zweimalige Weltmeister Finnland entschied eine einseitige Partie gegen Norwegen mit 7:0 (2:0, 4:0, 1:0) und übernahm nach drei Spieltagen die Tabellenführung in der deutschen Gruppe. In der anderen Vorrundengruppe in Kopenhagen verpasste die Schweiz mit dem 4:5 (1:1, 3:3, 0:0) nach Penaltyschießen gegen Tschechien nur knapp eine Überraschung, darf aber auf das Viertelfinale hoffen. In der regulären Spielzeit hatten die Eidgenossen 3:1 und 4:2 geführt. Österreich bleibt nach dem 2:4 (1:1, 0:2, 1:1) gegen die Slowaken ohne Sieg und wird in den kommenden Partien weiter gegen den sofortigen Wiederabstieg kämpfen. (dpa)

Quelle: F.A.Z.
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