Deutschland verliert 0:3

Gute Freunde und kanadische Speed-Künstler

Von Bernd Schwickerath, Herning
 - 19:03

Unweit des Messezentrums im dänischen Herning hatte dieser Tage ein Zirkus sein großes buntes Zelt aufgeschlagen. Drinnen waren Clowns und Artisten zu sehen. Das erfreute Jung und Alt – doch die wahre Attraktion gab es auf der anderen Straßenseite in der Boxen-Arena. Dort lief Connor McDavid im kanadischen Trikot übers Eis. Wobei laufen nur unzulänglich beschreibt, was der 21-Jährige auf Schlittschuhen vollbringt. Meist sprintet er und sieht dabei so elegant und schwerelos aus, als würde er fliegen. Am Dienstag auch mal mit fast 40 Kilometern pro Stunde, wie auf dem Videowürfel eingeblendet wurde. Der „weltbeste Spieler“ sei McDavid, sagt Korbinian Holzer, der deutsche Verteidiger. Und Holzer muss es wissen, auch er spielt in der nordamerikanischen NHL. „Was der für einen Speed hat, was der mit der Scheibe anstellt, das sieht man nicht oft, wahrscheinlich gar nicht“, sagte Holzer, der ihn regelmäßig sieht.

Auch der Rest der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft durfte die Qualitäten des Jungstars aus nächster Nähe begutachten. Die Kanadier waren ihr letzter Gegner bei der diesjährigen Weltmeisterschaft. Am Ende stand es 0:3. Der Abschluss der WM war vor allem für Leon Draisaitl ein besonderer. Er bildet mit McDavid bei den Edmonton Oilers ein geniales Duo, das dem NHL-Serienmeister der 80er Jahre endlich wieder einen Titel bescheren soll. Die Oilers lassen sich die Verträge der beiden Stürmer insgesamt 168 Millionen Dollar kosten. Am Dienstag standen sich die „guten Freunde“ (Draisaitl) allerdings gegenüber. Zum zweiten Mal. Und wie bei der WM 2016 in Russland (2:5) hatte McDavid am Ende mehr Grund zu lachen.

Der Spielplan der Eishockey-WM

Überragend wirken die Kanadier im Verhältnis zur Qualität ihres Kaders bislang dennoch keineswegs, trotzdem sind sie sicher für die Runde der letzten acht qualifiziert. Im Gegensatz zu den Deutschen, die die WM mit nur zwei Siegen aus sieben Spielen auf Platz sechs der Gruppe B und insgesamt als Elfter beenden. Das stand so nicht im Plan, ist aber auch keine Riesenenttäuschung. Zu groß war der Umbruch nach der überraschenden Silbermedaille bei den Olympischen Spielen im Februar. Man habe gemerkt, sagte Bundestrainer Marco Sturm in seinem Schlussfazit, dass im neu formierten und verjüngten Kader „das Vertrauen untereinander gefehlt hat. Das in ein paar Tagen hinzubekommen, war nicht machbar.“ Zwar fand das Team seine Form noch, doch da war das Viertelfinale schon außer Reichweite. Trotzdem hing sich die Mannschaft noch mal rein. Gegen Finnland am Sonntag gab es die beste Turnierleistung und ein 3:2 nach Verlängerung – der erste Sieg über die Nordeuropäer nach 25 Jahren.

Anders sah es am Dienstag gegen die NHL-Stars aus Kanada aus. „Die Luft war etwas raus“, sagte Sturm über das 0:3. Was vor allem am frühen Gegentor durch Brayden Schenn lag. Schon nach 20 Sekunden stand es 0:1. „Das hat uns nicht gutgetan, ins Spiel zu kommen“, sagte Moritz Müller, der nach dem Spiel sichtlich erleichtert wirkte, dass die lange Saison nun beendet ist. Körperlich und emotional seien viele Nationalspieler an ihre Grenzen gegangen. Das gilt auch für den Bundestrainer, der unumwunden zugab, nach anstrengenden Monaten mit Olympia und WM einen leeren Tank zu haben. Seinen Spielern war das während des Spiels anzusehen. Spätestens nach dem 2:0 durch Ryan Nugent-Hopkins im Mittelabschnitt war das Spiel entschieden. Im letzten Drittel stellte Tyson Jost auf 3:0. Danach trudelte das Spiel aus. Die WM war für die deutsche Mannschaft beendet.

Quelle: F.A.Z.
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