Eishockey-Weltmeisterschaft

Gutes Spiel, keine Chance

Von Bernd Schwickerath, Herning
 - 21:14

Was Patrick Kane am 25. Februar dieses Jahres gemacht hat, das weiß er noch ganz genau. „Ich habe das Spiel gesehen. Ich habe sogar mitgefiebert, es war so knapp. Die Jungs hatten einen richtig guten Lauf, ich habe mich sehr für sie gefreut“, sagte der 29-Jährige am Montagabend. Das Spiel, das war das Olympia-Finale. Und die Jungs, das waren die deutschen Spieler. Für ihn, den Eishockey-Star der Chicago Blackhawks, den dreifachen Stanley-Cup-Sieger und Multimillionär, waren sie vorher größtenteils Unbekannte. Aber sie hatten das Turnier ihres Lebens gespielt und einen Favoriten nach dem anderen aus dem Weg geräumt. Jeder mag ja solche Außenseiter-Geschichten, Amerikaner lieben sie. Rücksicht auf die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) war deswegen aber nicht zu erwarten, nicht von Kane, nicht von seinen Mannschaftskameraden. Und Kane, der Flügelstürmer, war sogar hauptverantwortlich dafür, dass die Mannschaft von Marco Sturm auch ihr drittes Spiel bei dieser Weltmeisterschaft in Dänemark verlor.

Kane erzielte Mitte des zweiten Drittels das erlösende 1:0 für die Vereinigten Staaten, am Ende hieß es 3:0 (0:0, 2:0, 1:0). Die Amerikaner haben ihren Platz im Viertelfinale nach drei Auftakterfolgen so gut wie sicher, die Deutschen wiederum mit gerade mal zwei Punkten kaum noch Chancen auf die Runde der letzten Acht. In den übrigen vier Spielen der Gruppenphase – davon zwei gegen die Topteams aus Kanada und Finnland – geht es nun darum, den Klassenerhalt zu sichern. „Wir sind uns der Situation bewusst, wir müssen gegen Südkorea gewinnen“, sagte Verteidiger Moritz Müller mit Blick auf das Duell mit dem Aufsteiger am Mittwoch (16.15 Uhr/live bei Sport 1).

In das wird die deutsche Auswahl zumindest mit einem halbwegs guten Gefühl gehen. Zwar war das Spiel gegen die Vereinigten Staaten das erste nach zwei Niederlagen im Penaltyschießen, das ohne Punkt endete. Gleichzeitig war es aber das beste. Zum ersten Mal wirkte der Auftritt strukturiert, zum ersten Mal kam die Mannschaft gut aus der Kabine. Nach sieben Minuten lautet das Schussverhältnis gar 5:1 für die Deutschen. Nach 20 Minuten stand es 0:0 – und das war nicht unverdient gegen eine Auswahl, die fast vollständig aus NHL-Spielern rekrutiert ist. Lediglich zwei Spieler sind nicht in der besten Eishockey-Liga der Welt aktiv.

Den Traum von der NHL lebte einst auch Niklas Treutle. Doch zu mehr als zwei Kurzeinsätzen für die Arizona Coyotes reichte es nicht. Treutle ging zurück nach Europa, erst nach Finnland, dann nach Krefeld, ehe er vor der abgelaufenen Saison der Deutschen Eishockey Liga in seine Heimatstadt Nürnberg wechselte. In der entwickelte er sich zum besten Torhüter der Liga, kassierte weniger als zwei Gegentore pro Spiel und wehrte fast 95 Prozent der Schüsse ab. Nach Südkorea durfte er dennoch nicht mit. Wegen des Umbruchs im Kader nun aber nach Dänemark reisen, wo er gegen die Amerikaner sein WM-Debüt geben durfte – und als Spieler des Spiels ausgezeichnet wurde.

Der Spielplan der Eishockey-WM

Bereits im ersten Drittel zeigte er eine Parade, die es in jeden Rückspiel dieses Turniers schaffen wird: Treutle lag auf dem Boden, das Tor war weit offen, als Cam Atkinson abzog und fast schon gejubelt hätte, ehe der Torhüter seine Kelle doch noch zwischen Puck und Tor brachte. Anfang des zweiten Drittels ging es so weiter. Binnen weniger Sekunden parierte er sensationell gegen Colin White, Johnny Gaudreau und wieder Atkinson. Dass die Amerikaner zu derart vielen Chancen kamen, lag am Umstand, dass sie in dieser Phase ständig in Überzahl spielten. In den ersten zehn Minuten des zweiten Abschnitts kassierten die Deutschen zehn Strafminuten. Irgendwann war das nicht mehr zu verteidigen: Patrick Kane traf zum 1:0, zwei Minuten später erhöhte Derek Ryan. Wenig überraschend fand Kapitän Dennis Seidenberg den Grund für die dritte Niederlage in den Disziplinlosigkeiten: „Wir nehmen zu viele Strafen.“

Die sorgten nicht nur für Gegentore, sie zogen bei seinen Teamkollegen auch den Stecker. Die Unterzahlformationen mussten ständig aufs Eis und dort Schwerstarbeit gegen die wendigen Amerikaner verrichten, der Rest saß teilweise minutenlang tatenlos auf der Bank und wurde kalt. Danach fanden die Deutschen nicht mehr wirklich ins Spiel, die Amerikaner verwalteten, das 3:0 in der 51. Minute war die Entscheidung. Marco Sturm war hinterher dennoch nicht unzufrieden: „Vom Einsatz und von der Leidenschaft her war das besser als zuvor“, sagte der Bundestrainer, der aber weit davon entfernt war, sich das bislang enttäuschende Turnier schönzureden: „Wir sind in einer Situation, in die wir nicht wollten.“ Um das zu ändern, muss gegen Südkorea nun ein Sieg her.

Quelle: F.A.Z.
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