Eishockey-WM

Treutles Karriere auf dem zweiten Bildungsweg

Von Bernd Schwickerath, Herning
 - 10:16

Das Video von seinem berühmtesten Tor kennt Frederik Tiffels natürlich. Sein entscheidender Penalty im letzten Gruppenspiel der Heim-WM 2017 ist ein Klassiker auf Youtube, weil er die volle Kölnarena und die TV-Reporter in Begeisterung versetzt. An diesem Samstag (12.15 Uhr bei Sport1) geht es für die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft wieder gegen Lettland. Wieder bei einer WM. Und wieder um die Chance aufs Viertelfinale. Auch wenn die diesmal deutlich geringer ist, weil danach noch Finnland und Kanada warten und es mehr als einen Sieg braucht. Frederik Tiffels würde dennoch „gern das entscheidende Tor machen“. So wie im Vorjahr, als der unbekannte Collegespieler zum Gesicht des Turniers wurde. In Dänemark redet derzeit kaum jemand über ihn. Franz Reindl, Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB), hat sich schon auf die Suche nach einem neuen Shootingstar gemacht – und einen gefunden: „Letztes Jahr war es Tiffels, jetzt ist es der Treutle.“

Der Treutle heißt mit Vornamen Niklas und hütet das deutsche Tor. Und zwar so souverän, dass nun alle begeistert sind vom 27-jährigen Nürnberger. „Er spielt gut, er strahlt Ruhe aus und hat in den entscheidenden Momenten wirklich gute Saves gemacht“, sagt Bundestrainer Marco Sturm. Reindl fand Treutle bislang gar „überragend“, Flügelstürmer Yasin Ehliz nannte ihn „gegen die Amis unglaublich“, weil Treutle gegen die Vereinigten Staaten eine Glanzparade an die nächste reihte. Selbst NHL-Superstar Patrick Kane sagte: „Ihr Torwart war sensationell.“ Zwei Tage später überzeugte Treutle auch gegen Südkorea (6:1). Mit 93,55 Prozent abgewehrten Schüssen und nur zwei Gegentoren im Schnitt gehört er zu den besten WM-Torhütern. Gegen Lettland kommt es vor allem auf ihn an.

Treutle der Hoffnungsträger? Das war vor wenigen Wochen nicht zu erwarten gewesen. Obwohl der Nürnberger für seine Größe (1,88 Meter) erstaunlich athletisch ist und der beste Torhüter abgelaufenen Saison der Deutschen Eishockey Liga war, spielte er im Nationalteam keine Rolle. Beim Deutschland Cup im November musste er zuschauen. Auch für den Olympia-Kader reichte es nicht. Was Bundestrainer Marco Sturm Kritik eingebracht hatte. Nicht jedoch von Treutle selbst. Natürlich sei „ein kleiner Traum“ geplatzt, sagt er nun in Dänemark, „aber ich wusste vorher, dass das ein Nachteil ist, wenn man noch kein internationales Turnier gespielt hat. Der Trainer hat die mitgenommen, die internationale Erfahrung haben, und das ist auch völlig in Ordnung. Das Ergebnis hat ja gezeigt, dass der Trainer alles richtig gemacht hat.“

Entmutigt hat ihn das nicht. Treutle hielt seine Form auch in den Play-offs. Nachdem Silber-Torhüter Danny aus den Birken für die WM abgesagt hatte, war klar, dass Treutle seine Chance bekommt. Zwar saß er zunächst auf der Bank, weil Timo Pielmeier aber im zweiten Spiel gegen Norwegen (4:5 nach Penaltyschießen) schwächelte, tauschte Sturm die Torhüter. Nun ist Treutle am Ziel – mal wieder auf dem zweiten Bildungsweg. Stets wurde ihm großes Talent nachgesagt, stets hatte er Probleme, sich zu etablieren, wechselte häufig zwischen Eis und Ersatzbank. Erst 2014/2015 in München war er die Nummer eins. Prompt folgte der Ruf aus der NHL. Treutle ging nach Arizona, wurde aber nicht glücklich, nach zwei Kurzeinsätzen war es vorbei. Das sei natürlich „ein kleiner Knick“ gewesen, schließlich sei die NHL „der Ort, wo jeder spielen will, und wenn man dann mal dran gerochen hat, dann tut es schon weh“. Doch von heute aus betrachtet habe ihm die Zeit geholfen: „Ich bin in allen Bereichen besser geworden.“

Bemerkbar machte sich das zunächst nicht. In der folgenden Saison kam er in Finnland nicht über einen Probevertrag hinaus, also ging es zurück nach Deutschland, nach Krefeld, wo wieder nichts funktionieren sollte. Nicht für den Klub. Nicht für ihn. Am Ende war der KEV Letzter, er selbst einer der schwächsten Torhüter der Liga. „Keine einfache Zeit“ sei das gewesen, sagt er nun, „aber als Torwart spielt sich viel im Kopf ab, aus einer schlechten Erfahrungen kann wieder etwas Positives herauskommen“. Das tat es. Treutle erlebt gerade das beste Jahr seiner Karriere. In seiner Heimatstadt Nürnberg blüht er auf, im Nationalteam hat er es zur Nummer eins und zum Hoffnungsträger gebracht. Vielleicht gibt es bald ja auch ein Video von Niklas Treutle, das zum Klassiker auf Youtube wird.

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Quelle: F.A.Z.
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