Eishockey-Nationalmannschaft

Neuanfang als Außenseiter

Von Bernd Schwickerath, Herning
 - 17:28

In den Katakomben der Herninger Multifunktionsarena müssen die Besucher derzeit besonders vorsichtig sein. Sonst kann es passieren, dass sie von einem Golfwagen überfahren werden, auf den sich Eishockeyprofis in voller Montur gequetscht haben. Die Entfernungen bei der an diesem Freitag beginnenden Weltmeisterschaft sind für die Hauptdarsteller ein wenig länger als üblich: Knapp 300 Meter liegen zwischen den provisorisch hergerichteten Kabinen in einer angrenzenden Messehalle bis zur Eisfläche. Die Strecke möchten die wenigsten Spieler in Schlittschuhen auf Gummimatten zurücklegen – und greifen daher gern auf den Shuttleservice zurück. Für die deutsche Auswahl, die gegen Gastgeber Dänemark ins Turnier startet (20.15 Uhr, live bei Sport1), hat das durchaus Symbolcharakter.

Auch für das Team von Bundestrainer Marco Sturm wird es bei dieser WM ein weiter Weg, um ans Ziel zu kommen. Die Erwartungen der Fans sind so groß wie lange nicht mehr. Der Gewinn der Silbermedaille in Pyeongchang vor zehn Wochen sorgte nicht nur für eine nie dagewesene Popularität, er weckte vor allem Begehrlichkeiten: Wer schon bei Olympia Zweiter wird, der gehört bei der WM auch zu den Favoriten! Diese Aussage hörte Franz Reindl zuletzt öfter. Doch der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) sieht es anders – und widerspricht auch vor der Premiere in Herning: „Die Chance, dass sich Wunder ständig wiederholen, ist relativ gering. Diese WM wird ganz schwierig.“

NHL-Star Leon Draisaitl hält ebenfalls nicht viel davon, den Coup in Südkorea als Maßstab zu nehmen: „Man sollte damit vorsichtig umgehen. Es war für das deutsche Eishockey überragend, was die Jungs da geleistet haben. Aber wir sind immer noch ein kleines Eishockey-Land, es gibt immer noch viele Länder, die um einiges besser sind, das darf man nicht vergessen.“

Sturm dämpft Erwartungen

Bundestrainer Marco Sturm versucht jedenfalls, die Erwartungen zu dämpfen. So auch am Donnerstag nach dem Training: Die Konstellation in Dänemark sei mit der im Februar in Asien „gar nicht zu vergleichen“, sagte der 39-Jährige. In seinem Plan ist das Erreichen des Viertelfinals als oberste Vorgabe notiert. „Wenn man sich die letzten Wochen und Monate anschaut, mit den vielen Rücktritten und Absagen, dann wäre es ein Erfolg, unter den Top 8 zu bleiben.“ So zogen sich die Routiniers Christian Ehrhoff, Marcel Goc und Patrick Reimer aus dem Nationalteam zurück, während Danny Aus den Birken, Felix Schütz und Leo Pföderl aus privaten oder gesundheitlichen Gründen für den Trip nach Dänemark passen mussten. Lediglich zehn der Silbermedaillengewinner sind auch in den kommenden Tagen dabei.

Im Gegenzug gehören nun Nordamerika-Cracks wie Dennis Seidenberg, Leon Draisaitl, Korbinian Holzer oder Frederik Tiffels zum Kader. Zudem mit Daniel Pietta, Sebastian Uvira und Oliver Mebus Akteure, die eine starke Saison in der Deutschen Eishockey Liga erlebt haben, bei Olympia aber zusehen mussten. Das Aufgebot ist also nicht zwingend schwächer als das in Südkorea. Auch die fehlende Erfahrung – Sturm berief neun WM-Debütanten – macht niemandem ernsthaft zu schaffen: „Natürlich ist es für viele Jungs ihre erste WM, aber das heißt nicht, dass sie mit zitternden Händen und Füßen rumlaufen. Die haben alle schon wichtige Spiele gespielt“, sagte Draisaitl, selbst erst 22 Jahre alt, aber als Topmann der Edmonton Oilers einer der Führungsfiguren im deutschen Tross. Doch die Konkurrenz, gegen die es zu bestehen gilt, ist ausgesprochen namhaft.

Insgesamt sind – Stand jetzt – neunzig Protagonisten aus der National Hockey League (NHL) nominiert; weitere werden folgen. Allein beim Auftaktspiel an diesem Freitag zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada (16.15 Uhr) laufen mit Patrick Kane und Connor McDavid zwei Superstars der Szene auf, beide haben NHL-Verträge über Dutzende Millionen Dollar unterschrieben. „Wir wissen, dass wir vor derselben schweren Aufgabe stehen wie in den letzten Jahren. Daran hat Olympia nichts geändert“, sagte Dennis Seidenberg, für den die Begegnung mit Dänemark gleich „ein Schlüsselspiel“ ist.

Im deutschen Lager wird dem ersten Wochenende wegweisender Charakter beigemessen. Vor zwölf Monaten bei der Heim-WM in Köln konnte sich der Verband den Spielplan nach eigenen Bedürfnissen basteln: Die prominenten Gegner kamen zuerst, am Ende, als das Team eingespielt war und der ein oder andere NHL-Spieler nachrückte, ging es gegen die vermeintlich schwächeren Herausforderer. In diesem Jahr läuft es andersherum (siehe Infokasten). Weil es zum Schluss eher nichts zu holen gibt, sollten, da sind sich alle einig, die nötigen Punkte für die Viertelfinal-Qualifikation bereits erarbeitet sein. „Die ersten vier Spiele sind extrem wichtig“, prophezeite Draisaitl, „wir können uns auf dem Niveau nicht ins Turnier reinfühlen, dann könnte es zu spät sein.“

Quelle: F.A.Z.
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