Eishockey-Nationalmannschaft

Ehliz versteckt sich nicht

Von Bernd Schwickerath, Herning
 - 21:10

Ein Eishockeyspieler hat in den Interviews einen psychologischen Vorteil. Wenn er da steht, schwitzend, dampfend, in seiner mächtigen Panzerung und auf seinen Schlittschuhen, dann schaut er stets auf die Fragensteller herab. Sind zudem Zahnlücken und Narben zu sehen, kann das den ein oder anderen Fragesteller schon mal einschüchtern. Bei der 82. Weltmeisterschaft, die derzeit in Dänemark steigt, gibt es aber Ausnahmen. Yasin Ehliz ist so eine. Wenn der Flügelstürmer in der Interviewzone der Herninger Arena auftaucht, hat er Helm und Schlittschuhe bereits ausgezogen. Dann steht er in Badelatschen da, was bei seinem 1,78 Meter ziemlich normal groß wirkt. Oft muss er hochschauen, um zu antworten.

Marco Sturm nennt ihn seinen „kleinen Führungsspieler“. Der Bundestrainer meint das anerkennend, weil Ehliz mit nur 25 Jahren bereits seine vierte WM erlebt. Der 6:1-Erfolg über Südkorea am Mittwoch war sein 55. Länderspiel. Zwei Tore hatte er erzielt und damit entscheidenden Anteil daran, dass es nach drei Niederlagen den ersten Sieg für die deutsche Mannschaft gab. Mit dem Einzug ins Viertelfinale dürfte es dennoch eng werden, weil die Dänen – Hauptkonkurrent um Platz vier – anschließend Finnland schlugen.

Das mag nach dem Gewinn der Olympischen Silbermedaille im Februar ein kleiner Rückschlag sein, für Ehliz ist das Turnier ein weiterer Schritt nach vorn: Mit 17 wurde der Profi, mit 19 Nationalspieler, mit 21 erlebte er seine erste WM, jetzt – mit 25 – spielt er in der ersten Reihe. Ehliz sei „immer besser geworden“, sagt Sturm. Trotzdem stehen meist die Kollegen im Vordergrund.

Auch jetzt. Neben ihm spielen ja zwei Stürmer, die nächste Saison in der NHL auflaufen: Der elegante Leon Draisaitl tut das bereits seit Jahren für Edmonton; der pfeilschnelle Dominik Kahun, das große Talent vom Meister aus München, wechselt im Sommer nach Chicago. Verstecken müsse sich Ehliz deswegen nicht. „Ich spiele gerne mit Yasin“, sagt Draisaitl, „das ist ein sehr agiler Spielertyp, der schießen kann, der viele Scheiben erkämpft und ein bisschen die Drecksarbeit macht. Der aber gut genug ist, um Tore zu schießen und Pässe aufzulegen.“ Der Gelobte gibt die Komplimente zurück: „Wenn wir nicht wissen, was wir machen sollen, dann geben wir die Scheibe dem Leon. Jetzt haben wir den Dominik auch noch in der Reihe, ich mache die einfachen Sachen.“

Wenn man es denn simpel findet, vor dem Tor mit den kräftigsten Verteidigern der Gegner um Positionen und Pucks zu kämpfen. Aber Ehliz mag die Rolle: „Das macht mir Spaß.“ Sie verfestigt zudem seinen Ruf als furchtloser Zeitgenosse. Den hat er spätestens seit den Play-offs 2017 inne. Damals zerfetzte ein Schlagschuss sein linkes Ohr. Die Wunde wurde mit zwanzig Stichen genäht. Drei Tage später trug er einen Spezialhelm, schoss ein Tor und bereitete zwei vor. Nürnbergs scheidender Trainer Rob Wilson nannte ihn einen „Krieger“. Widersprechen wollte niemand.

Identifikationsfigur für Migranten

Das deutsche Eishockey ist ja stets auf der Suche nach Typen. Ehliz ist einer, der auf viele Weisen funktioniert: als Torjäger, als Kämpfer, als humorvoller Gesprächspartner, als engagierter Profi, der über eine eigene Stiftung die Jugend fördert, als Ur-Bayer aus Bad Tölz, der einst von Lorenz Funk trainiert wurde und sich gern in Lederhosen ablichten lässt, und als Deutschtürke. Sein Vater hatte selbst gespielt und ihn mit drei Jahren aufs Eis gestellt. Heute gehört Abdullah Ehliz zum Vorstand des EC Bad Tölz und leistet Aufbauhilfe für das türkische Eishockey. Vor drei Jahren organisierte er ein Freundschaftsspiel zwischen den Frauen-Nationalteams, er ist „Ehrenbotschafter des türkischen Eissportverbandes“.

Geht es nach Franz Reindl, dem Präsidenten des Deutschen Eishockey-Bundes, soll Yasin nach innen wirken und den Sport bei Migranten bekannter machen. Ehliz sei ein „Profi, den man dem Nachwuchs zeigen kann“, sagt Reindl, der seit Jahren versucht, die Basis zu verbreitern. Die Silbermedaille von Pyeongchang soll kein Ausrutscher nach oben sein. In jeder Stadt gebe es ja deutsch-türkische Kinder und Jugendliche, doch dieses „Riesenpotential“ habe das Eishockey zu lange liegenlassen, meint Reindl. Im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten gibt es in den Vereinen kaum Einwandererkinder. Das soll sich ändern. „Wir brauchen jeden“, sagt Reindl, „denn wir sind nicht so viele.“

Quelle: F.A.Z.
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