Vorzeitiges Aus bei WM

Wie Sturm das Eishockey-Team umbauen will

Von Bernd Schwickerath, Herning
 - 13:54

Für den Abschluss haben sich die Spielplangestalter etwas Besonderes ausgedacht: ein Spiel gegen Kanada, gegen Connor McDavid, den aufregendsten Eishockeyspieler der Welt. An diesem Dienstag (16.15 Uhr bei Sport 1 und DAZN) steht diese letzte Aufgabe bei der Weltmeisterschaft im dänischen Herning an. Danach beginnt für die deutschen Nationalspieler die eishockeyfreie Zeit. Das freut vor allem Yannic Seidenberg und Dominik Kahun. Die Münchener haben ja nicht nur im Februar olympisches Silber gewonnen, Ende April kam die dritte deutsche Meisterschaft in Folge dazu, im siebten Finale gegen Berlin.

Wenn bald alles vorbei ist, werden Seidenberg und Kahun um die 90 Einsätze in den Knochen haben. Seit September waren sie fast jeden dritten Tag gefordert. In Test- und Pflichtspielen, in Liga und Europapokal, bei Olympia und WM. „Es war jetzt genügend Eishockey dieses Jahr“, sagte der „sehr müde“ Stürmer Kahun, dem es dennoch nie in den Sinn gekommen wäre, für das WM-Turnier abzusagen. Auch Verteidiger Seidenberg wollte nicht meckern: „Ich brauche hier nicht zu stehen und sagen, dass ich lieber im Urlaub wäre. Der Sommer ist noch lang genug“, sagte er am Samstag, als die realistische Chance auf das Viertelfinale nach dem 1:3 gegen Lettland verspielt worden war.

Seidenberg fügte an, dass das Team die letzten Spiele „vernünftig über die Bühne“ bringen wolle. Gegen Finnland am Sonntagabend klappte es: Der 3:2-Sieg (0:1, 2:0, 0:1) nach Verlängerung war auf jeden Fall ein Achtungs-Ergebnis, das durch den Treffer von Markus Eisenschmid in der 62. Minute zustande kam. Es war der erste WM-Erfolg gegen Finnland seit einem Vierteljahrhundert. Zweieinhalb Monate nach dem dramatisch verlorenen Finale von Pyeongchang darf die deutsche Auswahl dank der bislang besten Leistung in Herning zumindest auf ein versöhnliches Turnier-Ende in Dänemark hoffen.

Seidenberg und Kahun sind fast so etwas wie Exoten im Aufgebot von Bundestrainer Marco Sturm. Sie gehören zu den gerade mal zehn Silbermedaillengewinnern, die mit zur WM gereist sind. Im Stich gelassen fühlt sich Sturm dennoch nicht, sagte er. Aber er habe sich eine andere Vorbereitung gewünscht: „Es sind mehr Spieler weggefallen als geplant“, sagte Sturm, der den Umbruch der Nationalmannschaft nun bereits einleitete, „weil er sowieso so kommen würde“. Hätte man nicht versuchen müssen, den Aufschwung nach dem größten Erfolg der deutschen Eishockey-Geschichte aufrechtzuerhalten? „Dafür muss man im Halbfinale stehen, da braucht man sich nicht anlügen“, sagte Sturm und wurde grundsätzlich: „Wir sind keine Top-Nation, auch nach Olympia hat sich nichts verändert.“

Ändern wird sich sein Kader. Zwölf Olympia-Teilnehmer waren 30 und älter. Drei davon – Christian Ehrhoff, Marcel Goc und Patrick Reimer – sind schon zurückgetreten, weitere könnten folgen. Kapitän Dennis Seidenberg zum Beispiel, der 36-Jährige ist vertragslos. „Ich würde gern in der NHL bleiben“, sagt er. Vielleicht geht er aber auch nach München zu seinem Bruder, oder er hört ganz auf. Noch stehe nichts fest. Doch egal, wie sich die Seidenbergs entscheiden – auch Yannic ist schon 34 – den alten Kern des Nationalteams „gibt es mit Sicherheit nicht mehr“, sagte Sturm.

„Da kann man nichts großartig Neues machen“

„Die Mannschaft war einmalig, wir haben jahrelang gebraucht, um die zusammenzubekommen. Jetzt ist ein neuer Abschnitt.“ Der Bundestrainer nimmt dabei wieder eine zentrale Rolle ein. Aber eine neue: Für die Alten war der 39-Jährige ein ehemaliger Mit- und Gegenspieler, ein nahezu gleichaltriger Freund, für den sie gerne kamen. Für die Neuen – in Dänemark sind zwölf Spieler 25 oder jünger – ist Sturm ein Vorbild, das sie von Videospielen und Highlight-Clips aus der NHL kennen. Als sie im Nachwuchs spielten, sauste er als „German Rocket“ durch die beste Liga der Welt.

Sturm würde sie gern häufiger sehen. In den vergangenen Tagen habe man wieder mal gemerkt, dass eine neue und junge Mannschaft „eine gewisse Zeit braucht“. Sie habe sich von Spiel zu Spiel gesteigert, aber das reichte nicht. „Das kommt nur durch Spiele und Maßnahmen.“ Maßnahmen nennen sie im Eishockey Trainingscamps. Doch die sind rar. Wenn nicht gerade ein Olympiajahr ansteht, treffen sich die Nationalspieler nur zweimal: an einem Novemberwochenende zum Deutschland Cup sowie vor und während der WM im Mai. Qualifikations- und Testspiele über das Jahr verteilt gibt es im Eishockey nicht. Sturm würde das gern ändern, aber er weiß, dass das durch den engen Spielplan der Liga kaum möglich ist. „In einer Saison gibt es nur so und so viele Pausen. Da kann man nichts großartig Neues machen.“ Trotzdem versprach er, „verschiedene Sachen zu machen“ und „die jungen Spielen mehr und mehr einzubauen“. Dänemark soll nur der Anfang für den Umbruch der Eishockey-Nationalmannschaft gewesen sein.

Quelle: F.A.Z.
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