Eishockey-WM

Die Schweiz hat’s besser

Von Bernd Schwickerath, Kopenhagen
 - 10:17

Der 20. Februar dieses Jahres war ein fürchterlicher Tag für das Schweizer Eishockey. Eine Medaille sollte bei den Olympischen Spielen in Südkorea herausspringen. Die Chance sei historisch, hieß es vor dem Turnier. Es fehlten ja die Spieler aus der nordamerikanischen Profiliga NHL. Und wer in Europa stellt schon eine bessere Liga als die Schweizer? Na gut, die Russen, aber sonst? Doch dann: das Aus in der ersten K.-o.-Runde. Gegen Deutschland. Gegen diese hölzerne Mannschaft aus der maximal zweitklassigen Deutschen Eishockey Liga mit all ihren billigen Kanadiern. Entsprechend groß war das Geschrei in der Schweiz. Rücktrittsforderungen an Funktionäre und Trainer wurden laut, die Mannschaft sei satt und arrogant. Plötzlich stand alles in Frage.

Der 20. Mai dieses Jahres könnte ein Festtag für das Schweizer Eishockey werden. Am Sonntag steigt das Finale der 82. Weltmeisterschaft in Kopenhagen. Und es ist tatsächlich nicht ausgeschlossen, dass die Schweizer dann um den Titel spielen. An diesem Samstag (19.15 Uhr/live bei Sport 1) stehen sie im Halbfinale gegen Kanada. Natürlich ist das Eishockey-Mutterland favorisiert, aber das waren die Finnen im Viertelfinale auch. Und trotzdem siegten die Schweizer, weil sie im Mitteldrittel nur drei Minuten und 55 Sekunden brauchten, um aus einem 0:1-Rückstand ein 3:1 zu machen. Und weil sie die Führung danach nicht etwa ängstlich verteidigten, sondern weiter ihr Spiel spielten. Am Ende stand es 3:2 – der erste Sieg gegen Finnland seit den siebziger Jahren und die dritte Halbfinal-Teilnahme nach 1998 und 2013. Entsprechend laut sind nun die Lobeshymnen. Plötzlich ist Trainer Patrick Fischer ein „Magier“, der Kader der „beste aller Zeiten“.

Ob Fischer wirklich zaubern kann, sei dahingestellt, aber er hat für ein ähnliches Umdenken gesorgt wie Marco Sturm bei der deutschen Auswahl. Mit seiner smarten und positiven Art schaffte es der 42-Jährige, die besten Spieler des Landes für die Nationalmannschaft zu begeistern und sie an ihre eigene Stärke glauben zu lassen. Bis auf Jungstar Nico Hischier, der nach seiner ersten Saison bei den New Jersey Devils eine Pause braucht, sind die wichtigsten NHL-Spieler nach Dänemark gekommen. Spitzenkräfte wie Abwehrchef Roman Josi, Kapitän beim Stanley-Cup-Finalisten der Vorsaison aus Nashville, wo auch Kevin Fiala (23 Tore, 25 Vorlagen) spielt, Nino Niederreiter (Minnesota), Timo Meier (San José) oder Sven Andrighetto (Colorado). Deutschland mag mit Leon Draisaitl einen Ausnahmespieler haben, aber danach klafft eine Lücke. Die Schweizer haben ein halbes Dutzend Topspieler. Zudem die finanziell gesündere und stärkere Liga, in der nur vier ausländische Spieler pro Team erlaubt sind. Entsprechend gut sind die anderen und ziehen die heimischen Talente, die viel Eiszeit bekommen, mit. Und Hochbegabte kommen immer wieder nach. Bei der U 18 und der U 20 sind die Schweizer fester Bestandteil der A-WM. Im Gegensatz zu den Deutschen.

Fischer lässt mitspielen und an den Sieg glauben

Ebenso wichtig wie das Personal ist das Selbstverständnis unter Patrick Fischer. Vor Spielen gegen große Mannschaften geht es nun nicht mehr darum, wie man am besten das eigene Tor sichert, um die Niederlage im erträglichen Rahmen zu halten. Er lässt mitspielen und an den Sieg glauben. Überraschende Erfolge hatte es zwar auch in der Vergangenheit gegeben. Das 2:0 über Kanada bei Olympia 2006 in Turin, die Siege gegen Tschechien und die Vereinigten Staaten bei der WM 2013 in Schweden, als die Schweizer zum ersten Mal ins Finale stürmten. Doch unter Fischer siegen sie anders. Sie brauchen keinen überragenden Torhüter mehr oder eine Portion Glück, sie spielen mit und diktieren phasenweise das Spiel.

Schon in der Gruppenphase dieser WM lieferten sie den Topgegnern enge Spiele. Zwar gingen die Vergleiche mit Schweden (3:5), Russen (3:4) und Tschechen (4:5 nach Verlängerung) allesamt verloren. Doch hinterher war den Eidgenossen das Lob für ihre mutige Spielweise stets gewiss. Gegen Tschechien und Russland hatten sie sogar mehr Torschüsse abgegeben als die Gegner. Auch gegen Finnland ließ der Trainer nach vorne laufen. Mit Erfolg, wie Niederreiter nach dem historischen Sieg anmerkte: „Fischer hat die Fäden gezogen, sehr gut gecoacht und alles richtig gemacht.“ Fortsetzung nicht ausgeschlossen. Selbst gegen Kanada.

Quelle: F.A.Z.
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