Eishockey-Nationalmannschaft

Draisaitl ist der Mann der Träume

Von Sebastian Stier, Berlin
 - 17:40

Mit dem Berliner Wellblechpalast verhält es sich gegensätzlich zum Rest der Stadt. Je stärker die Sonne scheint, je mehr sie ihre Strahlen auf ihn richtet, desto trister sieht er aus. Die Farbe wirkt matter, der Putz bröckelt noch stärker, und das Drumherum des großen Sport-Areals aus DDR-Zeiten sieht noch ramponierter aus. In den Neunzigern haben sie drinnen wie verrückt an die Wände gehauen bei Eishockey-Heimspielen der Eisbären, was einen kaum nachzuahmenden Klang zur Folge hatte. Eine Art metallisches Echo, unverwechselbar, made in Ost-Berlin. Der Wellblechpalast ist, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, eine der geschichtsträchtigsten Eishockeyhallen in Deutschland. Oder schlicht „legendär“, wie Leon Draisaitl sagt.

Der 22-Jährige sitzt an diesem Nachmittag in einem Nebengebäude zur Linken von Bundestrainer Marco Sturm und beantwortet viele Fragen. Ein bisschen müde sieht er aus, blass das Gesicht. Der Jetlag. Noch immer sei er morgens spätestens ab vier Uhr wach, berichtet Draisaitl, der kürzlich aus dem kanadischen Edmonton eingeflogen ist. Dort spielt er in der National Hockey League (NHL) für die Oilers, einem Klub mit ruhmreicher Vergangenheit, der seine besten Zeiten allerdings hinter sich hat. Nur weil er mit den Oilers den Sprung in die Play-offs verpasste, kann Draisaitl nun dabei sein beim Nationalteam und sich auf die Weltmeisterschaften in Dänemark vorbereiten, die am 4. Mai beginnen.

Draisaitl ist derzeit der mit Abstand beste deutsche Eishockeyspieler. Dementsprechend froh ist Sturm, dass Draisaitl für das kommende Turnier zugesagt hat. Weltmeisterschaften im Eishockey werden jedes Jahr ausgespielt. Die Aura des Besonderen wohnt ihnen nicht inne. Diese WM aber ist anders, für den Deutschen Eishockey-Bund ist sie eben doch genau das: besonders. Weil es darum geht, den gerade erhöhten Stellenwert des Sports im Land zu festigen.

Vor zwei Monaten wurde die von Sturm trainierte Auswahl sensationell Zweiter bei den Olympischen Winterspielen. Das Turnier fühlte sich für die Beteiligten wie ein Rausch an. Und mit jedem gewonnenen Spiel, jeder erreichten Runde, stieg das Interesse der Zuschauer daheim. Eishockey war das Gesprächsthema und soll es nach dem Wunsch der Verantwortlichen auch bleiben. Deshalb ist Draisaitl da. Er soll helfen, abermals zu überraschen. Und noch mehr. „Er soll bei uns der gleiche Spieler sein, der er in Edmonton ist“, sagt Sturm, der Draisaitl als „absoluten Führungsspieler“ bezeichnet.

„Olympia war ein riesiger Erfolg, das hat so viel getan für das deutsche Eishockey“, sagt Draisaitl, der in Südkorea nicht dabei sein konnte. Die NHL verweigerte ihren Angestellten die Reise nach Asien. Während des Finals gegen Russland musste Draisaitl selbst spielen, nach der Schlusssirene spurtete er sofort vom Eis, um die entscheidenden Minuten noch vor dem Fernseher zu erleben.

Einige Olympiahelden sind zurückgetreten

Er weiß, wie schwer es wird, dieses Resultat zu wiederholen. „Es ist noch zu früh, um zu sagen, was unsere Ziele sein sollen“, sagt er und schiebt dann einen nicht ganz unwesentlichen Satz nach: „Wir sollten vorsichtig sein.“ Heißt mit anderen Worten: Soll nur ja niemand glauben, dass wir wieder automatisch ins Finale kommen. Aus Sicht von Draisaitl ist es eine Krux. Die öffentliche Meinung geht teilweise so: Wenn die Mannschaft ohne ihren besten Spieler Zweiter wird, müsste sie mit ihm doch gewinnen. Nur lässt sich das natürlich nicht so einfach planen, und eine andere ist die Mannschaft auch.

Der Kölner Christian Ehrhoff hat inzwischen seine Karriere beendet, die Stürmer Marcel Goc (Mannheim) und Patrick Reimer (Nürnberg) haben vergangene Woche ihren Rücktritt aus dem Nationalteam bekanntgegeben. Dafür wird Dennis Seidenberg (New York Islanders) aus der NHL dazukommen, Korbinian Holzer auch, sofern er mit den Anaheim Ducks ausscheidet.

Die Trainingsgruppe, mit der sich Draisaitl umgibt, ist eine sporadische. Eine Vielzahl wird Trainer Sturm wieder nach Hause schicken, weil in der aktuell laufenden Finalserie der Deutschen Eishockey Liga zwischen Berlin und München noch zehn potentielle Nachrücker aktiv sind. Deren späte Anreise soll kein Problem sein. „Die Jungs waren alle schon bei uns dabei, die wissen, wie gespielt wird“, sagt Sturm. Das Gleiche gelte für Draisaitl, der zuletzt vor einem Jahr bei der Heim-WM in seiner Heimatstadt Köln im Kader stand und inzwischen laut Sturm „ein anderes Level erreicht hat“. Eines, das die deutschen Fans zum Träumen verführt.

Quelle: F.A.Z.
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