Olympia-Silbergewinner

In der anderen Eishockey-Welt

Von Bernd Schwickerath, Herning
 - 13:32

Das Protokoll bei einer Eishockey-Weltmeisterschaft unterscheidet sich auf viele Weisen von dem großer Fußballturniere. Wie den Handschlag zwischen den gegnerischen Teams gibt es auch die Nationalhymnen erst nach dem Spiel und nur die des Siegers. Es sei denn, das Team des Gastgeberlandes startet in den Wettbewerb, dann wird auch vor dem ersten Bully gesungen. So wie am Freitag im 50.000-Einwohner-Städtchen Herning im Herzen Dänemarks. Da begann der Abend, wie er später endete: mit der Hymne des Ausrichters und glücklichen Menschen in roten Trikots – kein gutes Zeichen für den ersten Gegner der Dänen, die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes. Am Ende hieß es 2:3 nach Penaltyschießen. Die Niederlage der deutschen Nationalmannschaft war besonders ärgerlich, weil die Skandinavier als Hauptkonkurrent um den letzten der vier Viertelfinalplätze in der Gruppe B gelten.

Im Eishockey sind die Machtverhältnisse gemeinhin zementiert. Zumindest, wenn nicht gerade Olympische Spiele ohne die Multimillionäre aus der nordamerikanischen National Hockey League (NHL) anstehen. Dann kann selbst ein Außenseiter wie Deutschland Silber gewinnen. Bei einer WM, bei der Dutzende Spieler auflaufen, deren NHL-Vereine bereits in der Sommerpause sind, sieht das anders aus. Deswegen gilt in Herning nun wieder die jahrzehntealte Hackordnung: Die ersten drei Plätze der deutschen Gruppe scheinen an Kanada, die Vereinigten Staaten und Finnland vergeben zu sein. Die Reihenfolge wird noch diskutiert.

Bundestrainer Marco Sturm wollte nach dem Dänemark-Spiel nicht in den Chor derer einstimmen, die das zweite Gruppenspiel gegen Norwegen an diesem Sonntag (16.15 Uhr bei Sport 1) bereits als entscheidend erachten. Der 39-Jährige mag Meinungs-Extreme grundsätzlich nicht. Also gibt er mal den Mahner, mal den Hoffnungsmacher.

Gelassenheit trotz Auftaktniederlage

Vor dem Turnier warnte er nachdrücklich davor, den starken Olympia-Auftritt als Maßstab zu nehmen. Nach etlichen Rücktritten oder Absagen müsse sich das neue Team mit all den Debütanten erst finden. Am späten Freitagabend strahlte er trotz der Niederlage Gelassenheit aus: „Kompliment an meine Jungs, die haben sich von Drittel zu Drittel gesteigert“, sagte Sturm – und verwies auf das Turnier von vor zwei Jahren in Russland. Auch dort habe seine Mannschaft zum Auftakt verloren und später trotzdem zu den besten acht gehört. Möglich machte das ein überraschendes 5:1 gegen die Slowakei. Der Startschuss für vier Siege in den letzten fünf Vorrundenspielen.

Der Spielplan der Eishockey-WM

Fünf Tore hätte das DEB-Team auch am Freitag schießen können. Nach zähen 40 Minuten lautete das Schussverhältnis allein im letzten Drittel 18:7. Doch mehr als der 2:2-Ausgleich durch den Nürnberger Yasin Ehliz (51.) sprang nicht dabei heraus. Trotz bester Chancen in der Schlussphase. Entweder scheiterten die Deutschen wie der Berliner Marcel Noebels am dänischen Klassetorwart Frederik Andersen, oder sie schossen knapp daneben wie Leon Draisaitl bei seinem Alleingang. „Wenn ich den reinmache, ist das Spiel vielleicht vorbei“, sagte der Mittelstürmer der Edmonton Oilers hinterher.

Das Generationen-Talent deswegen als Verlierer des Tages hinzustellen kam dennoch niemandem in den Sinn. Im Gegenteil: Draisaitl war der auffälligste Mann, schoss das zwischenzeitliche 1:1 (33.) selbst und bereitete Ehliz’ Ausgleichstreffer vor. Hinterher wurde er als Spieler des Spiels auf deutscher Seite ausgezeichnet. „Zu Leon muss man nicht viel sagen. Das ist unser bester Spieler. Mit Abstand. Wenn der auf dem Eis steht, ist das immer gefährlich. Er sticht raus“, befand Verteidiger Korbinian Holzer von den Anaheim Ducks.

Das Problem war also nicht Draisaitl, der auffallend gut mit dem hart arbeitenden Ehliz harmonierte, das Problem waren die anderen Sturmreihen, die selten in gute Abschlusspositionen kamen. Manchmal fehlte die Idee, manchmal die Klasse. Was allerdings auch am Gegner lag, von dem der Großteil in den Topligen Nordamerikas, Russlands, Schwedens oder Finnlands zu Hause ist. Draisaitl attestierte den Dänen nicht umsonst, „einen sehr guten Job gemacht“ zu haben, sie hätten „die Räume sehr eng gemacht und sehr gut verteidigt“.

Für die neu formierte deutsche Hintermannschaft galt das nur phasenweise. Die einen gingen zu wild auf den puckführenden Gegenspieler und ließen den gefährlichen Raum vor dem Tor komplett unbewacht. Die anderen wurden ohne große Gegenwehr überlaufen. Besonders schlecht sah es in Unterzahl aus. Beide Tore der Dänen fielen bei numerischer Überlegenheit, die Deutschen hingegen konnten keine ihrer Powerplay-Gelegenheiten nutzen. „Die Special Teams haben heute den Unterschied gemacht“, sagte der Berliner Jonas Müller. Auch der Bundestrainer, der sein Team am Samstag Über- und Unterzahlspiel trainieren ließ, hatte „natürlich ein paar Sachen“ gesehen, „die wir besser machen müssen“. Am liebsten schon an diesem Sonntag gegen Norwegen, das am Freitag 2:3 nach Verlängerung gegen Lettland verlor. Und am liebsten „von Anfang an“, wie Draisaitl forderte. Sonst erklingt am Ende wieder nicht die deutsche Hymne.

Quelle: F.A.S.
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