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Formel-1-Saison

Am Wendepunkt

Von Michael Wittershagen, Monza
 - 15:31
Zwei gegen einen: Mercedes dominiert auch das Podium gegen Ferrari Bild: RADAELL/EPA-EFE/REX/Shutterstock, FAZ.NET

Über das Ergebnis wollte Sebastian Vettel schon Minuten nach dem Rennen gar nicht mehr reden. Als Dritter war der Dreißigjährige am Sonntag beim Großen Preis von Italien ins Ziel gekommen, und er hatte zu keinem Zeitpunkt eine realistische Chance auf den Sieg. Wieder einmal lieferte Lewis Hamilton eine fehlerfreie Vorstellung ab und sicherte sich so den 59. Sieg seiner Formel-1-Karriere. Nur sein Mercedes-Teamkollege Valtteri Bottas konnte das Tempo des Briten mitgehen und wurde Zweiter. „Wir haben heute einen auf den Deckel bekommen“, sagte Vettel: „Aber die Auslaufrunde, die Zeit auf dem Podium, da fühlt man sich irgendwie als König der Welt. Großen Dank an die Tifosi, das war großartig heute. Die Leute haben mir so viel Kraft gegeben, dass ich überzeugt bin, dass da noch richtig was kommt in den nächsten Rennen.“

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Mit sieben Punkten Rückstand auf Vettel war Hamilton in dieses Grand-Prix-Wochenende gegangen, nun führt er erstmals in dieser Saison die Weltmeisterschaft an (238:235 Punkte). War also ausgerechnet das Heimspiel von Ferrari auf dem Autodromo Nazionale Monza der Wendepunkt in dieser Weltmeisterschaft? Schon am Samstag hatte sich Hamilton die 69. Pole Position seiner Karriere gesichert und war in dieser Wertung an Rekordweltmeister Michael Schumacher (68) vorbei gezogen. Als er danach von seinen Gefühlen erzählen sollte, hatte der Brite Tränen in den Augen. Den Ferraristi ging es ähnlich. Vettel hatte sich nur als Achter für das Rennen qualifiziert und lag sogar noch einen Platz hinter seinem Teamkollegen Kimi Räikkönen. Beide profitierten jedoch von einer Vielzahl an Strafen, die an diesem Wochenende ausgesprochen wurden. Zehn Fahrer wurden nach der Qualifikation in der Startaufstellung zurückgestuft, weil die Mechaniker verschiedene Komponenten der Antriebseinheit ausgetauscht hatten und das Limit des Erlaubten schon überschritten war. So ging es auch den beiden Red-Bull-Piloten Max Verstappen und Daniel Ricciardo, die das Zeitentraining noch als Zweiter und Dritter beendet hatten, am Sonntag allerdings nur von Position 13 und 16 ins Rennen gingen.

Mehr als zwei Sekunden hatten die Ferrari in der entscheidenden Runde des von Regen geprägten Zeitentrainings auf Hamilton verloren – und niemand bei der Scuderia konnte sich erklären warum. Im Rennen wollten sie zurückschlagen. Das war der Plan. Tatsächlich dauerte es lediglich bis zur achten Runde, bis Vettel nur noch die beiden Mercedes-Piloten vor sich hatte. Da allerdings lag er schon acht Sekunden hinter Hamilton. In der dritten Runde war der Deutsche an seinem Teamkollegen Kimi Räikkönen vorbei gegangen, in der sechsten an Lance Stroll im Williams, dann an Esteban Ocon (Force India).

Auf den Tribünen jubelten die Ferrari-Fans, sie hofften darauf, dass die Aufholjagd unvermittelt weiter gehen möge. Doch Hamilton und Bottas machten Tempo, so sehr, dass Vettel pro Runde zum Teil eine Sekunde auf die beiden verlor. Nach zehn Umdrehungen lag er bereits mehr als 17 Sekunden hinter der Spitze. Bis zu den Boxenstopps des Trios änderte sich nichts an diesem Kräfteverhältnis. Zunächst wechselte Vettel auf die mittlere Reifenmischung (32. Runde), Hamilton (33.) und Bottas (34.) zogen nach.

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Auch danach kreisten die Silberpfeile in ihrer eigenen Umlaufbahn. Vettel musste stattdessen in den Rückspiegel schauen. Ricciardo war seit Rennbeginn unaufhörlich nach vorne gestürmt, in der 41. Runde hatte er sogar Räikkönen überholt und war nun Vierter. „Sehr gut, Dan“, rief ihm sein Red-Bull-Team über Funk zu. Und: „Vettel ist langsam, den kriegst du noch!“ Die Aufgabe war es, elf Sekunden in zwölf Runden aufzuholen. Zu einem Angriff kam es jedoch nicht mehr, Vettel rettete sich mit vier Sekunden Vorsprung vor dem Australier ins Ziel. Ein Grund zur Freude war das nicht, denn von Hamilton trennten ihn im Ziel 36,3 Sekunden. Räikkönen kam sogar erst eine Minute nach dem Briten als Fünfer ins Ziel. „Lewis hatte immer die Kontrolle. Wir waren selbst überrascht. Unsere Pace war gut, der Ferrari hat nicht funktioniert. Es war eher ein Problem an deren Auto als Dominanz von uns. Das Pendel schwingt so in diesem Jahr“, sagte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff.

An diesem Nachmittag im September mussten die Roten nicht nur eine Niederlage hinnehmen, sie wurden von Mercedes förmlich gedemütigt. „Wir haben versagt, wir haben Monza unterschätzt. Wir haben das Auto von Belgien bis hierher schlechter gemacht. Aber wir werden zurückkommen“, behauptete Ferrari-Präsident Sergio Marchionne.

Entsprechend nüchtern waren die ersten Worte Vettels. Noch im Cockpit bedankte er sich auf Italienisch bei den Fans, dann schob er auf Englisch hinterher: „Irgendwas hat in den letzten zwanzig Runden nicht mehr gestimmt.“ Erst der Zuspruch der Fans verlieh ihm wieder Zuversicht. Denn während die Ferrari-Mechaniker und -Ingenieure niedergeschlagen waren, jubelten die Italiener an der Strecke, als hätte Vettel gerade den Pokal des Weltmeisters bekommen. Konfettikanonen wirbelten Papierschnipsel in den italienischen Farben in die Luft, roter Rauch lag über der Start- und Zielgeraden.

Pfiffe gab es erst, als Hamilton ans Mikrofon kam. Und der Zweiunddreißigjährige setzte sogar noch eine verbale Spitze: „Mercedes-Power ist definitiv besser als Ferrari-Power.“ Das konnte Vettel so nicht stehen lassen und versprach den Ferraristi: „Wir haben ein sehr starkes Auto und werden ein sehr starkes Ende in dieser Saison haben.“ Zum Rennen nach Singapur reist Vettel nun erstmals als Verfolger, ist auf dem verwinkelten Stadtkurs aber dennoch Favorit. Schon in Monaco und Ungarn, also auf Kursen mit einem ähnlichen Streckenlayout, hat er in diesem Jahr gewonnen. Und Mercedes hatte im asiatischen Stadtstaat zuletzt oft Probleme. Hamilton gab sich dennoch gelassen: „Ich denke, wir haben eine Menge aus der Vergangenheit gelernt. Und wir haben unser Auto konstant weiter entwickelt.“ Bis dahin gibt Mercedes offenbar auch die Vertragsverlängerung von Bottas bekannt. „Ich kann sagen, dass er nächstes Jahr bei uns fahren wird. Toto macht das alles fertig, dann muss der Aufsichtsrat noch zustimmen“, sagte Niki Lauda, der Aufsichtsratsvorsitzende des Mercedes-Rennstalls.

Quelle: FAZ.NET
Michael Wittershagen
Sportredakteur.
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