Formel 1

Schiefes Lenkrad, süßer Sieg

Von Anno Hecker
 - 15:51
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Und wer ist nun der Gewinner von Budapest? Sebastian Vettel ist am Sonntag beim Großen Preis von Ungarn als erster ins Ziel gekommen, hauchdünn vor seinem Teamkollegen bei Ferrari, Kimi Räikkönen, und dem Mercedes-Piloten Valtteri Bottas. Da brüllte der Hesse die Freude über seinen vierten Saisonsieg ins Bordmikrophon, über den schönsten Einstieg in die dreiwöchigen Sommerferien der Formel 1: Vettel vergrößerte die Führung in der Fahrerwertung vor Lewis Hamilton von einem auf 14 Punkte und ließ sich feiern, umarmen, schütteln, gar küssen, Sekunden nach der Einfahrt in den Parc fermé des Hungarorings. Räikkönen bekam nur einen Klapps auf die Schulter, Vettel flüsterte ihm etwas ins Ohr. Vielleicht den Dank für die Arbeit über fast 40 Runden als Schutzpatron vor dem Titel-Rivalen Hamilton im Silberpfeil, der mit fast ritterlicher Geste Rang drei auf den letzten Metern an Bottas zurückgab?

Selten hat ein Formel-1-Rennen vor den Toren von Budapest so viel Spannung erzeugt; bei den Zuschauern, aber vor allem unter den Hauptdarstellern in ihren Boliden. Dabei hatte es doch nach einem „Spaziergang“ für Ferrari ausgesehen. Hamilton sprach davon nach der heftigen Niederlage im Qualifying. Er behielt Recht – für ein paar Runden. Vettel kontrollierte das elfte Saisonrennen. „Aber dann zog das Auto nach links. Und es schien immer schlimmer zu werden.“ Das Lenkrad stand schief, vermutlich eine Folge eines Aufhängungsschadens. Was tun? Räikkönen vorbei winken, Vettel dem Angriff aussetzen, aber den Sieg sichern vor der Mercedes-Fraktion?

Vettel ist der Chefpilot auf WM-Kurs

Die Ferrari-Strategen machten eine erstaunliche Entdeckung: Räikkönen, berühmt wie berüchtigt für seine sparsamen Wortbeiträge vor allem während der Fahrt, verwickelte seine Renningenieure in eine handfeste Diskussion: „Ich bin schnell genug, um draußen bleiben zu können“, rief er über Funk, als er eine Runde nach Vettel zum Reifenwechsel kommen sollte. Es blieb beim Plan. Und so fehlte dem Finnen bei der Rückkehr auf die Piste eine Wagenlänge für die Führung. Was man getrost als taktische Entscheidung der Scuderia werten kann, als Lenkungsorder beim Steuerproblem: Vettel ist der Chefpilot auf WM-Kurs.

Ihn galt es mit dem zu diesem Zeitpunkt schnelleren Auto zu schützen vor den Attacken der Konkurrenz. Die hatte längst erfahren vom Malheur Vettels. Er durfte nicht mehr über die Randsteine fahren, steuerte seinen Ferrari rund um die Kurven, anstatt wie Räikkönen über die Kerbs zu rattern. Auf dem Hungaroring ist das üblich und nötig, um im Rennen bleiben zu können. Räikkönen geriet in eine Zwangslage. Bottas hatte dem schnelleren Hamilton auf Rang vier in der 48. von 70 Runden Platz gemacht, sehr offensichtlich vor der ersten Kurve. „Ich habe einige Zeit vergeudet hinter Valtteri, konnte das dem Team aber wegen eines (vorübergehenden) Funkausfalls nicht mitteilen“, erzählte Hamilton. Als die Kommunikation wieder funktionierte, kam es zum Handel: Der dreimalige Champion sollte versuchen, die Ferrari-Phalanx zu sprengen. Würde er es nicht schaffen, dann solle er Bottas den geschenkten Rang wieder zurückgeben.

Gesagt, getan: Hamilton näherte sich Räikkönen bei freier Fahrt mit großen Schritten. Der Finne alarmierte seine Chefs: „Ihr setzt mich unter starken Druck von Mercedes, aus welchem Grund auch immer.“ Vettel nicht auf die Pelle rücken, aber Hamilton aufhalten? Ein Kunststück. Denn in Schlagdistanz, bei einem Abstand von einer Sekunde, verringert sich der Abtrieb auf der Vorderachse, die Bremswirkung, lässt nach, das Auto rutscht. Prompt warnte Räikkönen, Hamilton formatfüllend im Rückspiegel sehend, vor der Selbstzerstörung: „Ich ruiniere mir die Reifen.“ Keine Reaktion. Ferrari blieb so eiskalt, wie man es dem „Iceman“ Räikkönen immer nachsagt. Ein Mann ohne Nerven, auf dessen Coolness die Scuderia in dieser brenzligen Situation setzte vor den Augen des kritischen Fiat-Chefs- und Ferrari-Bosses Sergio Marchionne. Wenn es denn Zweifel gegeben haben sollte, dann dürften sie nun ausgeräumt sein. In der vorletzten Runde gab Hamilton die Jagd enttäuscht auf. Einer Vertragsverlängerung für Räikkönen kann nach dieser Tour nichts mehr im Wege stehen: „Wir haben ein Rennen gewonnen“; sagte Marchionne, „das beinahe verloren schien. Ich bin sehr zufrieden.“

Ohne den Unterhaltungsstar unter den Fahrern wäre es wohl nicht zu dieser Demonstration von Hackordnung und Vorfahrtsrechten gekommen: Max Verstappen hatte nach dem Start nicht nur Hamilton überholt, sondern vor der dritten Kurve auch den Red Bull seines Teamkollegen Daniel Ricciardo aufgeschlitzt. Der Australier antwortete nicht gerade druckreif „pieps, pieps“ auf den „schlechten Verlierer“ Max. Auch Ricciardo wäre vor Hamilton gekreist und nur schwer zu überholen gewesen. Verstappen verlor seine Position wegen einer Zehn-Sekunden-Strafe als Folge des Betriebsunfalls. Auch andere Piloten mussten sich berechtigte Kritik anhören. Der Zorn des lange brillant fahrenden, später ausgefallenen Nico Hülkenberg (Renault) traf Haas-Pilot Kevin Magnusson, nachdem der Däne Hülkenberg alles andere als ritterlich von der Piste gedrängt hatte: „Der hat einen Sprung in der Schüssel“, sagte der Rheinländer, „aber das kriegt er schon noch zurück.“

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Es gibt nach den Ferien, vielleicht schon beim Großen Preis von Belgien in Spa-Francorchamps Rechnungen zu begleichen. Vettel sprach von einem „Riesengefallen, den ich Kimi schulde“. Nur bei Mercedes scheint alles ausgeglichen nach der bewegendsten Szene des Tages: Hamilton ließ Bottas auf den letzten Metern wieder vorfahren. „Ich bin ein Mann, der zu seinem Wort steht.“ Schon überschlugen sich britische Kommentatoren vor Freude über diese Wertedemonstration in der Formel 1. Auch die Mercedes-Führung verwies auf ihre ethischen Grundsätze. Im Moment des Platztausches hatte Teamchef Toto Wolff noch eine andere Regung gepackt: Geste und Gesichtsausdruck deuteten auf eine heftige Verärgerung hin. Hamilton verschenkte drei Punkte, obwohl er der Schnellere war. Aber auch Vettel hat am Sonntag Erstaunliches geleistet mit seinem schief stehenden Lenkrad: „Es war sehr schwierig, immer wieder die Balance zu finden. Ich hatte keine Luft und musste ständig mit dem Auto kämpfen, mich immer wieder anpassen.“ Es sieht so aus, als habe das Rennen von Ungarn einige Gewinner hervorgebracht.

Quelle: FAZ.NET
Arno Hecker
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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