Formel 1 in Japan

Die nächste große Enttäuschung für Vettel

Von Anno Hecker
 - 08:39
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Sein Gesicht sprach Bände. Aschfahl der Teint, die Lippen aufeinandergepresst, der Blick eines Enttäuschten. Es muss Sebastian Vettel viel Kraft gekostet haben, in Suzuka die Motoren der Kollegen zu hören, das Gebrüll der Formel-1-Antriebe beim Großen Preis von Japan, während sein Ferrari in der Box stand. Zum Heulen. Nach dem Startcrash in Singapur, nach dem Luftproblem des Antriebs vor einer Woche in Malaysia kam der Heppenheimer am Sonntag nicht einmal sechs Runden weit.

Beim Start hatte er seine zweite Position hinter Lewis Hamilton zwar noch halten können, aber schon Anfang der zweiten Runde vier Hintermänner passieren lassen müssen. „Ich habe kaum Power“, klagte der Deutsche über Funk. Nur eine Safety-Car-Phase nach dem glimpflich verlaufenen Unfall des Spaniers Carlos Sainz junior im Toro Rosso bewahrte den Chefpiloten von Ferrari vor einem weiteren Rückfall. Als das Rennen wieder freigegeben wurde, setzte sich das Spiel aber fort. Vettel hatte keine Chance.

„Box, Box“, rief ihm der Renningenieur zu, „wir ziehen das Auto zurück“. Da rollte der viermalige Weltmeister in der sechsten von 53 Runden in die Box, blieb noch sitzen im Boliden, während Mechaniker an dem Renner schraubten und konnte sich schon ausmalen, was dann auch eintrat: Sein WM-Rivale Hamilton baute mit dem Sieg vor Max Verstappen und Daniel Ricciardo (beide Red Bull) die Führung auf 59 Punkte vier Rennen vor Ende der Saison aus. „Von diesem Vorsprung habe ich nur träumen können. Ferrari ist eine große Herausforderung das ganze Jahr. Ich kann meinem Team nur danken für die großartige Zuverlässigkeit“, sagte Hamilton. Der Engländer scheint als Gegner außer Reichweite. Im Moment schlägt Ferrari Vettel.

Zumindest in der Stunde der nächsten herben Niederlage hielt die Fahrgemeinschaft zusammen. Vettel, schnell umgezogen, besuchte die Kommandozentrale an der Boxenmauer. Er klopfte seinem Renningenieur auf die Schulter, sein Teamchef Maurizio Arrivabene nahm ihn in Arm. Ein Sprung auf die Boxenmauer, ein Wink ins Publikum, dann zog er sich zurück ins Fahrerlager und stellte sich den Fragen der Reporter aus aller Welt. „Nein, wir wissen noch nicht ganz genau, was es war. Wir hatten ein Problem mit der Zündkerze, das haben wir schon auf dem Weg zur Startaufstellung gemerkt.“

Inzwischen verdeckte eine Sonnenbrille die Augen des Hessen. Wie denn so etwas passieren könne? „Wir sind alle am Limit, manchmal gehen die Dinge kaputt. Wenn wir es gewusst hätten, dann hätten wir es vermieden.“ Bittere Pannen, die Hamilton in diesem Jahr zwar auch beobachtet, etwa den Getriebeschaden für Kimi Räikkönen im zweiten Ferrari am Samstag. Aber der dreimalige Weltmeister tut das aus einem sehr zuverlässigen, komfortablen Cockpit heraus. Er kontrollierte das Rennen, obwohl ihm Verstappen, der Sieger von Malaysia im Nacken zu sitzen schien.

Räikkönen kam nach seiner Versetzung in der Startaufstellung um fünf Plätze nur als Fünfter ins Ziel. Konsequenzen, die Fiat-Boss Sergio Marchionne wegen der Technikschwäche schon vor einer Woche gefordert hatte, wies Vettel etwas brüsk zurück: „Quark. Wir sind alle mit Vollgas dabei, alles rauszuholen. Es ist bitter, ja, aber der Speed ist da. Wir haben einen unglaublich guten Job gemacht in diesem Jahr. Wir sind weiter gekommen, als manche gedacht haben. Das Team ist auf einem guten Weg“. Vettel gibt nicht auf: „Wir haben noch eine Chance.“ Sprachs und stieg wenig später in einen japanischen Kleinbus, der ihn zum Flughafen chauffierte, während sich an der Strecke alles noch im Kreise drehte. Vor allem die Gedanken in Ferrari-Hirnen, die sich um die Kernfrage dreht. Ist die Scuderia beim Entwicklungs-Wettlauf gegen Mercedes zu viel Risiko eingegangen?

Die Faust in der Tasche zu ballen, ist eine übliche Methode in der Formel 1, um Frust abzubauen. Nicht nur Vettel half sie, seine Gefühle im Zaum zu halten. Auch Nico Hülkenberg stand später abseits des Geschehens im Kontrollmodus. Ein defekter Heckflügel an seinem Renault hatte dem Rheinländer aus dem Rennen um Rang sechs geworfen. Die zuschlagende Faust hatte vor allem ein Mechaniker gezeigt, als er beim Boxenstopp den verklemmten, beweglichen Teil des Spoilers zu lösen versuchte, damit Hülkenberg gefahrlos durch die schnellsten Kurvenpassagen sausen könnte. Die Schläge lösten gar nichts.

Wie sehr Vettel die Fäuste aber während seiner Abreise nochmal geballt hat, blieb unklar. Verstappen hatte in den beiden letzten Runden große Chancen, den langsamer werdenden Hamilton noch von abzufangen. Auf dem Weg dorthin bremsten die überrundeten Fernando Alonso im McLaren, der dafür nachher verwarnt wurde, weil Blaue Flaggen geschwenkt worden waren, und Felipe Massa (Williams) den Niederländer, während sie Hamilton schnell Platz gemacht hatten. Der rettete sich ins Ziel. Wieder wäre er schlagbar gewesen für Vettel – in einem funktionierenden Auto, auch wenn Mercedes-Teamchef das spannende Ende relativierte: „Lewis ist lange nicht so (schnell) gefahren, wie wir hätten fahren können.“

Grand Prix von Japan (53 Runden à 5,807 km/307,471 km)

1. Lewis Hamilton (Großbritannien) - Mercedes 1:27:31,194 Std.;
2. Max Verstappen (Niederlande) - Red Bull +1,211 Sek.;
3. Daniel Ricciardo (Australien) - Red Bull +9,679;
4. Valtteri Bottas (Finnland) - Mercedes +10,850;
5. Kimi Räikkönen (Finnland) - Ferrari +32,622;
6. Esteban Ocon (Frankreich) - Force India +1:07,788 Min.;
7. Sergio Perez (Mexiko) - Force India +1:11,424;
8. Kevin Magnussen (Dänemark) - Haas +1:28,953;
9. Romain Grosjean (Frankreich) - Haas +1:29,883;
10. Felipe Massa (Brasilien) - Williams + 1 Rd.;
11. Fernando Alonso (Spanien) - McLaren + 1 Rd.;
12. Jolyon Palmer (Großbritannien) - Renault + 1 Rd.;
13. Pierre Gasly (Frankreich) - Toro Rosso + 1 Rd.;
14. Stoffel Vandoorne (Belgien) - McLaren + 1 Rd.;
15. Pascal Wehrlein (Worndorf) - Sauber + 2 Rd.

Ausfälle: Carlos Sainz Jr. (Spanien) - Toro Rosso (1. Rd.); Sebastian Vettel (Heppenheim) - Ferrari (5. Rd.); Marcus Ericsson (Schweden) - Sauber (8. Rd.); Nico Hülkenberg (Emmerich) - Renault (41. Rd.); Lance Stroll (Kanada) - Williams (46. Rd.)

Pole Position: Lewis Hamilton (Großbritannien) - Mercedes 1:27,319 Min.

Fahrer-Wertung, Stand nach 16 von 20 Wettbewerben:

1. Lewis Hamilton (Großbritannien) - Mercedes 306 Pkt.;
2. Sebastian Vettel (Heppenheim) - Ferrari 247;
3. Valtteri Bottas (Finnland) - Mercedes 234;
4. Daniel Ricciardo (Australien) - Red Bull 192;
5. Kimi Räikkönen (Finnland) - Ferrari 148;
6. Max Verstappen (Niederlande) - Red Bull 111;
7. Sergio Perez (Mexiko) - Force India 82;
8. Esteban Ocon (Frankreich) - Force India 65;
9. Carlos Sainz Jr. (Spanien) - Toro Rosso 48;
10. Nico Hülkenberg (Emmerich) - Renault 34;
11. Felipe Massa (Brasilien) - Williams 34;
12. Lance Stroll (Kanada) - Williams 32;
13. Romain Grosjean (Frankreich) - Haas 28;
14. Kevin Magnussen (Dänemark) - Haas 15;
15. Stoffel Vandoorne (Belgien) - McLaren 13;
16. Fernando Alonso (Spanien) - McLaren 10;
17. Jolyon Palmer (Großbritannien) - Renault 8;
18. Pascal Wehrlein (Worndorf) - Sauber 5;
19. Daniil Kwjat (Russland) - Toro Rosso 4

Konstrukteurs-Wertung, Stand nach 16 von 20 Wettbewerben:

1. Mercedes 540 Pkt.;
2. Ferrari 395;
3. Red Bull 303;
4. Force India 147;
5. Williams 66;
6. Toro Rosso 52;
7. Haas 43;
8. Renault 42;
9. McLaren 23;
10. Sauber 5

Quelle: FAZ.NET
Arno Hecker
Anno Hecker
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