Formel 1 in Barcelona

Alonsos Vergleich mit Michael Schumacher

Von Anno Hecker, Barcelona
 - 10:51

Eine Runde noch zu fahren. Da schießt Fernando Alonso in seinem McLaren durch das Bild. Der Spanier sieht rot. Vor ihm wirft Sebastian Vettel den Ferrari in die Kurve, um nach dem Rückfall auf Rang sieben zu retten, was noch zu retten ist beim Großen Preis von China vor ein paar Wochen. Keine Chance. Alonso schneidet den Hessen messerscharf in der nächsten Biegung. Vettel brüllt: „Er hat mich abgedrängt!“ Alonso ist wieder da. „Ich war nie weg. Vielleicht ist das nicht so aufgefallen in den vergangenen drei Jahren, weil wir nicht so oft im Bild waren. Ja, ich glaube, ich habe das gewisse Extra noch.“ 37 Jahre, 295 Grands Prix, beliebt weit über die Grenzen Spaniens hinaus. Auch in Deutschland registriert Alonso Sympathien.

Formel-1-Experten halten ihn für den komplettesten Fahrer. Noch immer. „Er hat die größte Rennintelligenz“, sagt Nico Rosberg, der Weltmeister von 2016. Einen Durchblick wie zuletzt in Baku, wo Unfälle Vettel die große Siegchance raubten, Alonso aber den Weg zum dritten siebten Rang in vier Rennen eröffneten, in einem Auto, das auch vor dem Großen Preis von Spanien am Sonntag (15.10 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei RTL) trotz neuer Flügel eigentlich nicht schnell genug sein soll für eine Plazierung unter den ersten zehn. Mit zwei Reifenschäden, einem demolierten Unterboden rumpelte der Spanier in Baku während der ersten Runde zur Box, lädiert und abgehängt. Er verließ sie mit neuem Kampfesmut: „Ich habe das von Kindesbeinen an. Dieses Gefühl, immer siegen zu müssen. Nicht nur in der Formel 1. Beim Tennis, beim Fußball, überall.“

Auf dem Weg zum Parkplatz einer Rennstrecke wurde Alonso schon im Schweinsgalopp gesehen. Weil er vor dem Rivalen vom Hof rauschen wollte. Er nickt. Sein Leben ist ein Wettkampf. Seine Begabung ein Geschenk. Seine Statistik ein Missverständnis: 32 Siege, zwei WM-Titel, obwohl der Beste nach dem WM-Coup mit Renault 2005 und 2006 zu den Besten ging: zu McLaren, zu Ferrari. Alonso galt als erster Nachfolger des Rekord-Weltmeisters Schumacher. Aber er schied im heftigen Streit von McLaren nach nur einem Jahr. Er verlor mit Ferrari 2010 gegen Vettel im letzten Rennen den WM-Titel und kam nicht mehr an dem Deutschen vorbei. Er wollte mit McLaren und dem Rückkehrer Honda eine neue Ära begründen und fuhr stattdessen drei Jahre fluchend im Chor der Überrundeten. Sein jüngster Sieg ist fünf Jahre alt.

Haben Sie sich verschaltet? „Ich bereue keine meiner Entscheidungen. Ich hatte keine Kristallkugel. Ich hätte zu Red Bull, zu Brawn GP gehen können 2009. Vor dem zweiten Wechsel zu McLaren hieß es, Honda kommt und wird den Motor ohne Grenzen entwickeln können, die werden Meilen vor den anderen sein.“ Sie waren Meilen dahinter, wenn der Hybridabtrieb denn durchhielt. „100 von 100 Menschen hätten sich für Ferrari entschieden, dann für McLaren. Niemand ahnte, dass Brawn mit dem Doppeldiffusor Weltmeister werden konnte. Ich würde mit den gleichen Informationen 100 Mal wieder dieselbe Entscheidung treffen. Wer genau hinschaut“, sagt Alonso, „sieht auch, dass die Teams, wenn ich sie verlassen habe, nicht besser geworden sind.“

Genau hingeschaut: Renault hat bis heute keinen Titel mehr gewonnen, Ferrari seit einer Dekade nicht mehr. Aber ein Jahr nach der hässlichen Scheidung von McLaren stieg Lewis Hamilton als Chefpilot des berühmten Rennstalls zum Champion auf. Alonso verlor den Anschluss, erst als Rückkehrer bei Renault, dann bald bei Ferrari, schließlich mit McLaren. Kreisen unter „ferner liefen“. Der Star aus Oviedo nimmt den Gedanken der Abhängigkeit auf, er tritt im Geiste in die Pedale: „Nur ich und das Bike“, sagt der Radsport-Fan: „12.000 Kilometer bin ich in guten Zeiten gefahren pro Jahr. Raus in die Natur, den Körper und den Geist fordern, unten am Fuß des Berges ist die Batterie voll, im Ziel soll sie auf null sein. Das zu managen, finde ich sehr attraktiv“, sagt er und sinniert für einen Moment, bevor er das Schlüsselwort ausspricht: „Unabhängigkeit.“

Alonso hat sie sich so weit wie nur möglich erfahren in 17 Jahren Formel 1. Kaum ein Pilot genießt solche Freiheiten: Neben der Formel 1 fährt er in diesem Jahr im Toyota das berühmte 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Dort ein Erfolg, dann noch ein Triumph bei den 500 Meilen von Indianapolis, und er hätte als Monaco-Sieger der Formel 1 geschafft, was keiner bislang zustande brachte. Das „Triple“, der Beleg für eine umfassende Weltklasse. Kann er das? Am vergangenen Sonntag gewann Alonso gleich beim ersten Trainings-Einsatz einen Langstrecken-Wettbewerb in Spa – weil Toyota den zum Schluss drängelnden Piloten des zweiten Werks-Boliden ein Überholverbot erteilte.

Ist der Star abhängiger, als er glaubt? „Schauen Sie. Da kommt einer der besten Nachwuchspiloten in mein Formel-1-Team (Stoffel Vandoorne/d. Red.)“, erzählte Alonso vor seinem Sieg in Belgien: „Er hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt in den Nachwuchsklassen. Und ich schlage ihn im Qualifying 2017 17:3 oder so. Ja, ich glaube, ich kann es noch.“ Nach dem Rennen in Baku rechnen Alonso-Fans wieder mit seinen Kritikern ab: 28 Punkte hat er nach vier Rennen schon auf seinem Konto, nur acht der Teamkollege Vandoorne. Alonso gefällt die Aufmerksamkeit in Deutschland. Er lächelt, er erinnert an Michael Schumacher und appelliert dann mit ernster Miene an die Zuschauer, die wahre Größe nicht allein an der Statistik abzulesen. „Michael hat nie aufgegeben, an den Sieg zu glauben. Und wenn er nicht gewinnen konnte, weil das Auto langsamer war, dann wurde er Zweiter. Er hat immer geliefert, er hat immer etwas Besonderes geleistet.“

Quelle: F.A.Z.
Anno Hecker
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