Formel 1

Aufbruch mit Ecclestones Altlasten

Von Christoph Becker, Mexiko-Stadt
 - 20:00

Neulich hatte der alte Mann mal wieder Neuigkeiten. Er wolle weg aus London, hat Bernie Ecclestone der „Daily Mail“ erzählt. Umzug in die Schweiz, wo ihm ein Hotel in Gstaad und Skigondeln im Diablerets-Massiv gehören. Noch mal neue Zelte aufschlagen, mit dann 87 Jahren. Kommende Woche hat Ecclestone Geburtstag, kommenden Winter will er weg aus London. Es hält ihn nichts mehr in der großen Stadt, in die er sich vorgearbeitet hat, von Kindesbeinen an. Bis das Vorstadtkind mit dem großen Geschick für das große Geld schließlich angekommen war. Prince’s Gate, Knightsbridge, London, SW7. Von hier wurde die Formel 1 regiert. Divide et impera, teile und herrsche, das Prinzip der Kaiser Roms, bis sie vom Thron gestoßen wurden. Vom Thron gestoßen wurden wie Ecclestone.

„Er hat mich sonntags angerufen“, erzählt Ecclestone der „Mail“, „und gefragt, ob er am nächsten Tag vorbeikommen könne.“ Am Montagmorgen, 23. Januar 2017, stand Chase Carey in Ecclestones Büro. „Wir haben den Deal Freitag vollzogen“, sagte der Amerikaner zu Ecclestone. „Ich möchte, dass du als Geschäftsführer (der Formel-1-Gruppe, d. Red.) zurücktrittst. Das ist der Job, den ich will. Ich habe dieses Auto gekauft, also will ich damit fahren.“ Und damit war die Herrschaft Bernie Ecclestones über die Formel 1 beendet.

Die Kaiser im alten Rom überlebten ihren Sturz nicht. Die Zeiten haben sich geändert. Ecclestone bekam einen Ehrenposten. Und die Botschaft, dass er künftig fernbleiben solle. „Mir wurde mitgeteilt, dass an den Strecken nicht genügend Büros sind.“ Für ihn gab es immer nur eine Art zu gehen aus der Formel 1 – mit den Füßen voran. Nun das. Immer wieder mal darf er vorbeischauen, demnächst in Brasilien, wo er eine Kaffeeplantage hält und die Rennstrecke in São Paulo gerne übernehmen würde. „Es schmerzt, nicht mehr im Geschäft zu sein“, sagt der alte, verletzte Mann. Die neuen Eigentümer hätten doch „nichts getan bisher. Sie reden nur. Ich habe Dinge still erledigt.“

Ecclestone ist verletzt, weil ihn in der Formel 1 kaum einer vermisst. Das Geschäft läuft, seit Carey und seine Amerikaner von Liberty Media das Sagen haben. Es läuft ganz anders als unter Ecclestone. Die Show muss stimmen, und Carey und seine Mit-Geschäftsführer Sean Bratches und Ross Brawn erzählen zu jeder Gelegenheit ihre neuesten Ideen. Zum Rennen in Austin am vergangenen Sonntag wurden die Fahrer von „Let’s get ready to rumble“-Box-Animateur Michael Buffer vorgestellt. Der Internationale Automobilverband Fia hat dafür das Regelwerk geändert, nur so konnten die Autos früher in die Startaufstellung.

Die „Marke Fahrer“ solle gestärkt werden, sagt Bratches dazu, die Grenze zwischen Sport und Entertainment durchbrochen werden. Die Formel 1 wird Teil der digitalen Sportgeschäftswelt des 21. Jahrhunderts, zum Saisonfinale in Abu Dhabi wird auch der erste Formel-1-eSports-Champion gekrönt werden. „Es gab dieses Jahr viel Engagement“, sagt McLaren-Teamchef Zak Brown. „Sie probieren neue Dinge, man merkt, dass sie sich wirklich mit den Fans beschäftigen, und wenn wir das richtig machen, entsteht ein gesundes Ökosystem für mehr Sponsoren und gesundere Teams, alle können mehr verkaufen.“ Mehr verkaufen, das war auch Ecclestones Geschäft. Aber jüngeres Publikum, digitale Medien? Hatte ihn nie interessiert.

„Wir wollen vorankommen, aber das wird sehr schwierig“

Es ist erst gut drei Jahre her, da hatte Ecclestone das Münchner Landgericht als freier Mann und um 100 Millionen Dollar ärmer verlassen, das Verfahren wegen der vermuteten Bestechung des Bayern-LB-Bankers Gerhard Gribkowsky war nach Paragraph 153a Strafprozessordnung eingestellt worden, und Niki Lauda, Aufsichtsratsvorsitzender des Mercedes-Teams, sprach in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung davon, dass Ecclestone in der Formel 1 „nicht zu ersetzen“ sei. Dem 1,60 Meter kleinen Ecclestone war immer noch alles zuzutrauen. Sein Anwalt stellte vorsichtshalber noch im Gerichtsgebäude klar, dass es selbstverständlich ein Scherz war, dass der Freistaat Ecclestones Millionen für den Bau einer Rennstrecke rund ums Schloss Neuschwanstein einsetzen sollte. Ecclestone war immer noch alles zuzutrauen. Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Es läuft rund, es läuft glatt im Fahrerlager, keine Spur mehr von der eigenartigen Spannung, die stets über dem Paddock lag, wenn Ecclestone Hof hielt.

Es ist aber nicht so, dass sich mit Ecclestones Fenstersturz die Probleme der Serie verflüchtigt hätten. „Es gibt zwei Ligen in der Formel 1“, sagte Force-India-Teamchef Robert Fernley zuletzt in Austin. Sein Team steht auf Platz vier der Konstrukteurswertung wie vor einer Wand. „Wir wollen vorankommen, aber das wird sehr schwierig. Die besten drei Teams spielen in der Premier League, der Rest ist zweite Liga. Solange die Topteams mehr Geld bekommen, wird sich daran nichts ändern.“ Es ist Ecclestones Erbe. Dank seiner Versprechen bekommen Ferrari, Mercedes und Red Bull weit mehr aus dem Topf als die abgeschlagene Konkurrenz.

Nach dem Rennen in Mexiko an diesem Sonntag (20.00 Uhr MEZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1, bei RTL und Sky) sollen Pflöcke für die Zukunft eingeschlagen werden. Zum einen soll eine Motorenformel für die Zeit ab 2021 gefunden werden. Und am 7. November soll bei einem Treffen der Strategiegruppe unter Vorsitz von Ross Brawn die Zukunftsstrategie von Liberty Media präsentiert werden. Die kleineren Teams wünschen sich eine Kostendeckelung, um den sportlichen Wettbewerb zu erweitern. Gene Haas, Besitzer des amerikanischen Haas-Teams, weiß, was kommt: „Wir haben bald 2018, es ist sehr wichtig, dass etwas aufs Papier kommt, damit die Teams mit der Formel 1 und der Fia streiten können. Wir haben großes Interesse an Kostendeckelungen, Motorenformeln, Technologielimits, aber es geht zu wie im Kongress, wenn eine Steuerreform verabschiedet werden soll. Das hört sich alles an, als würde es ewig dauern.“ Stimmen Mercedes und Ferrari schon in wenigen Wochen einer Kostendeckelung zu? Kaum vorstellbar. Mercedes-Teamchef Wolff sagt: „Wir sind ziemlich offen“, die Vorschläge zu hören – „solange wir genug Zeit kriegen, uns darauf einzustellen und unsere Meinung klarzumachen“.

Gut möglich also, dass es unter den Teams demnächst wieder zu Diskussionen kommt wie zu Ecclestones Zeiten. Der gestürzte Zampano hat in den vergangenen Tagen noch einen Anruf bekommen. Die „New York Times“ wollte wissen, was er zum Interesse der Pariser Finanzstaatsanwälte an der Rolle der Fia, die ihren Sitz in Paris hat, beim Verkauf der Formel 1 an Liberty sage. Der Weltverband hatte dem Verkauf zustimmen müssen, gleichzeitig aber von dem Geschäft profitiert. Weil Ecclestone der Fia das Concorde Agreement, ein Vertrag zwischen Formel-1-Gruppe, Teams und Fia, von 2013 mit einer Einmalzahlung von fünf Millionen Dollar und, für einen Bruchteil des Marktwerts, einem Prozent der Anteile an der Formel 1 schmackhaft gemacht hatte. Ein typischer Bernie-Deal, einer der letzten. „Sie wollten das so, für ihre Zustimmung“, sagt Ecclestone jetzt. „Im Business passiert viel, von dem du denkst, warum ist das denn erlaubt? Mir hat jemand gesagt, es gäbe ein Problem. Die Leute in Frankreich hatten damit zu tun, und sie müssen sich das anschauen, wenn sie das für falsch halten.“ Es klingt fast, als freue sich der alte Mann inzwischen über Aufmerksamkeit – und wenn sie vom Staatsanwalt kommt.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Becker - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Becker
Sportredakteur.
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