Formel 1

Was Vettel nach dem Desaster noch Mut macht

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Die mitternächtliche Feier-Laune bei Mercedes muss für Sebastian Vettel nach dem Totalausfall von Singapur unerträglich gewesen sein. Vor dem Formel-1-Motorhome der Silberpfeile wurde laut gesungen. Für den Rückflug nach Europa mit Sieger und WM-Spitzenreiter Lewis Hamilton an Bord der Maschine von Oberaufseher Niki Lauda kündigte Teamchef Toto Wolff Party mit alkoholischen Getränken an. Die Mitglieder der Ferrari-Crew packte derweil nach der offen gebliebenen Schuldfrage für den kapitalen Crash beider roter Rennwagen mit bitterernsten Mienen die Reste eines erinnerungswürdigen Wochenendes ein. „Der Kampf ist noch nicht vorbei, er wird nur schwerer“, meinte Teamchef Maurizio Arrivabene. Mit dem „springenden Pferd im Herzen“ werde man aber bis zur letzten Kurve im letzten Rennen kämpfen.

Was ihn, Vettel und die gesamte Scuderia nach der rund zwölfstündigen Rückreise erwartet, kann man sich ausmalen. Vettel der erstmal Heim in die Schweiz flog, wird sich weiter den Fragen nach einer Mitschuld an dem fatalen Unfall nach wenigen Metern stellen müssen. Daran ändert auch nichts, dass die Rennkommissare weder den von Pole nur mäßig gestarteten Deutschen noch dessen Teamkollegen Kimi Räikkönen oder Max Verstappen von Red Bull für den Unfall hauptverantwortlich machten.

Die Stimmung von Vettels Oberboss Sergio Marchionne dürfte auf einem neuen Tiefpunkt sein. Nach dem verlorenen Heimrennen in Monza, wo Vettel immerhin noch auf Platz drei gekommen war, hatte er bereits gegiftet: „Wir haben versagt.“ Aus der geforderten Revanche wurde am Sonntag im verregneten Singapur ein maximales Desaster – die oft und schnell bemühten Alarmglocken dürften mittlerweile ohrenbetäubend laut schrillen in Maranello.

Erst zum zweiten Mal in elf Jahren kamen beide Ferrari nicht ins Ziel und Vettels Rückstand im Klassement auf Hamilton wuchs auf 28 Punkte. Der 32 Jahre alte Brite hatte vor seinen drei Siegen nacheinander in Belgien, Italien und Singapur noch 14 Zähler hinter Vettel gelegen. Und nun kommen im Gegensatz zum engen Stadtkurs von Singapur vermeintliche Paradestrecken für Hamiltons Mercedes. 15 der vergangenen 17 Rennen in Malaysia, Japan, Mexiko (erst zwei Ausgaben), den Vereinigten Staaten, Brasilien und Abu Dhabi entschieden die Silberpfeile in den vergangenen Jahren für sich.

Man gehe nicht entspannter in die nächsten Rennen, betonte Wolff jedoch. Er nutzte das Singapur-Resultat des Rivalen als Mahnung ans eigene Team: Es sei eine deutliche Erinnerung daran, dass es in dieser Saison noch sechs weitere Gelegenheiten gebe, in denen Mercedes das Glück nicht hold sein könnte.

Es ist aber Vettel, der sich durch den Unfall erstmal in eine hochriskante Ausgangslage manövriert hat. Statt auf Nummer sicher zu gehen und die erste Kurve zu überstehen, wagte Vettel viel und verlor alles. Während Hamilton seine Strategie – „Eine perfekte Balance zwischen aggressiv und vorsichtig“ – auch in den entscheidenden sechs Rennen dieser Saison beibehalten will, kann Vettel sich jegliche Vorsicht kaum mehr leisten im Duell mit dem mittlerweile 60-maligen Grand-Prix-Gewinner. Zumal von Platz drei auch noch Valtteri Bottas, Dritter beim Flutlichtspektakel hinter Hamilton und Daniel Ricciardo im Red Bull, den Vizerang im Klassement ansteuert. „Sebastian ist das nächste Ziel“, sagte der Finne im Mercedes-Team. 23 Punkte liegt er hinter dem Heppenheimer, weniger als Vettel hinter Hamilton.

Doch es wäre nicht das erste Mal, dass Vettel sich aus so einer Situation befreit und am Ende noch der große Gewinner ist. 2010 lag er im Red Bull schon mal 31 Punkte hinter Hamilton im McLaren – und wurde erstmals Weltmeister. 2012 fehlten ihm zwischenzeitlich 42 Punkte auf den damaligen Ferrari-Piloten Fernando Alonso – Vettel wurde am Ende aber Weltmeister. Mercedes will das verhindern. „Wir sind nicht hier, um Gefangene zu machen“, sagte Wolff bei allem Mitgefühl für die Ferrari-Verantwortlichen in der düsteren Nacht von Singapur.

Quelle: tora./dpa
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