Formel 1 in Aserbaidschan

„Der Sieg fühlt sich nicht richtig an“

Von Christoph Becker, Baku
 - 09:38

Wer die wenigsten Fehler macht, hieß es vor dem Rennen, der wird es gewinnen. Der Wind, die engen Kurven, die kühlen Temperaturen, die ewig lange Start-und-Zielgerade. So viele Fehlerquellen in Baku. Und es stimmte. Alle machten sie Fehler. Daniel Ricciardo und Max Verstappen in ihren Red Bull – Stierkampf bis zur Karambolage royale, direkt vor der Boxenmauer, in Runde 40. Sebastian Vettel machte einen Fehler, als er versuchte, beim anschließenden Neustart des Rennens kurz vor dem Ende die Führung zurückzuerobern und damit die Führung in der Weltmeisterschaft verlor. Auch Lewis Hamilton, als er sich verbremste in Kurve eins, früh im Rennen, weil aus dem Gegenwind plötzlich Rückenwind wurde.

Er war der Meinung, damit dürfte das Rennen gelaufen sein. Kimi Räikkönen machte seinen Fehler noch viel eher, in der dritten Kurve schon, als er eine Lücke sah, aber nicht einsehen wollte, dass der Gegner, Esteban Ocon, diese gewiss nicht öffnen wollte. Vettel, Hamilton, Verstappen, Ricciardo, Räikkönen – alle haben Fehler gemacht in Baku. Alle, bis auf einen: Valtteri Bottas. Der Finne im Mercedes fuhr ein einwandfreies Rennen in Aserbaidschan, schien auf dem besten Wege zur Siegerehrung, die ihm einen Druck der Hände des in Sachen Besitzergreifung so ungemein geübten Herrscherehepaars Alijew eingebracht hätte – bis Bottas drei Runden vor Schluss seines Siegs beraubt wurde.

Ein faustgroßes Trümmerteil, sagte Mercedes-Teamchef Toto Wolff anschließend, habe zum Reifenschaden am rechten Hinterrad geführt. Vielleicht würden zehn Bier helfen, meinte Bottas unmittelbar nach dem Rennen, aber als er Stunden danach durch die Lobby eines Hotels an der Strecke lief, sah er weder aus, als habe er den angekündigten Versuch umgesetzt noch als sei seine Laune merklich gestiegen.

Der erste Sieg seit Oktober 2017

Und so siegte in Baku nicht derjenige, der wenigsten Fehler gemacht hatte, sondern ihn erbte derjenige, der sich den am wenigsten schwerwiegenden erlaubte: Lewis Hamilton. Der erste Sieg seit Oktober vergangenen Jahres, der erste Sieg, der ihn prompt zurück an die Spitze der WM führt. Der Weltmeister fühlte sich an Lektionen aus Kindertagen erinnert: „Mein Vater hatte mir früh gesagt: Nicht aufgeben. Es ist wie mit dem Hügel, auf den du willst und immer wieder rutschst du ab, und du sagst: ich will hoch, ich will hoch.“

Ein Schuss Sisyphos steckte im Sieger des Großen Preises von Aserbaidschan und ein Schuss Oliver Kahn, offenbar, denn: „Ich hatte Schwierigkeiten und ich sagte mir ‚mach weiter, mach weiter, mach weiter.‘“ Und doch muss man sich Lewis Hamilton nach dem ihm in den Schoss gefallenen Sieg nicht als durch und durch glücklichen Menschen vorstellen. Und titanenkahnig wirkte der Sieger erst recht nicht, als er zwei Stunden nach Rennende über seinen Erfolg sinnierte. „Ich gewinne gerne”, sagte Hamilton, „weil ich cleverer als die Konkurrenz war, weil ich sie deklassiert habe.“ Der Sieg in Baku aber fiel gewiss nicht in diese Kategorie. Noch bevor er auf das Siegerpodest trat, besuchte Hamilton Bottas im Motorhome. „Das gebietet der Respekt, dass ich versuche ihn ein bisschen aufzubauen. Ich bin dankbar, dass ich gewonnen habe, aber was die Leistung angeht, war es nicht das, wozu ich fähig bin. Wir müssen uns verbessern, wir müssen das Potential des Autos freilegen.”

Auch für Wolff fühlte sich der erste Mercedes-Sieg des Jahres „aus zwei Gründen nicht richtig an“. Wegen des Pechs, das Bottas traf. Und: „Es hält sich das Gefühl, dass wir das ganze Wochenende nicht das Tempo hatten, das wir brauchen.“

Bei Ferrari dagegen waren die Mienen heller, als es der Verlust der Führung in der Fahrer-WM und ein verlorenes Rennen vermuten ließen. Vettel sprach davon, dass er schlicht „versuchen musste“, Bottas zu überholen. Ihm habe lediglich die Orientierung für den Bremspunkt gefehlt. Und immerhin sei er ja trotz der in Mitleidenschaft gezogenen Reifen Vierter geworden. „Wir können uns nicht von ein oder zwei Sekunden das ganze Rennen mies machen lassen“, sagte Vettel – und tatsächlich hat Ferrari Mercedes an der Spitze der Konstrukteurswertung wieder abgelöst. Denn Räikkönen wurde für den frühen Fehler mit dem zweiten Platz belohnt.

Die Scuderia hatte das beste Auto in Baku – und den zufriedenen Gesichtern der Italiener nach zu urteilen, versprechen sie sich, dass der Vorsprung noch ein wenig hält. „Wir haben das Rennen kontrolliert“, sagte Teamchef Maurizio Arrivabene. Das Auto sei „sehr konkurrenzfähig“, und das auf allen Strecken – „und jetzt freuen wir uns auf das Rennen in Spanien.“

Verstappen und Ricciardo müssen sich entschuldigen

Vorfreude auf die Rückkehr nach Europa? Sie dürfte sich bei Verstappen und Ricciardo in engen Grenzen halten. Sie werden vor dem nächsten Rennen vor die Belegschaft von Red Bull Racing im englischen Milton Keynes treten müssen und „sich bei allen Angestellten entschuldigen, die so hart arbeiten, um die Autos zusammenzubauen“, wie Teamchef Christian Horner ankündigte. „Formel 1 ist ein Mannschaftssport. Die Fahrer sind ein Teil des Teams, wenn sie sich ins Auto setzen, sind sie Repräsentanten der ungefähr 800 Leute, für die sie fahren.“ Für Red Bull endete das Rennen in Baku mit einer spektakulären Nullnummer. Nach dem Training am Freitag hatte man gehofft, in Aserbaidschan um den Sieg mitfahren zu können. Doch schnell war klar, dass Ferrari und Mercedes zu schnell waren – und fortan kreisten Ricciardo und Verstappen nur noch um sich selbst, in einer faszinierenden Hatz.

„Es war wie ein Kinofilm”, fand auch Mercedes-Teamchef Wolff. „Das hatte alle Zutaten. Wir hatten erwartet, dass sie schon früher ... es hätte schon früher zu Ende sein können.“ In der Tat hätten Ricciardo und Verstappen einen krachenden Kurzfilm inszeniert, wäre es bei der Berührung ausgangs der ersten Kurve in Runde zwölf nicht beim leichten Kontakt geblieben. So aber wuchs die Spannung Runde für Runde, es war kein schlechter Film, gewiss nicht. „Die Leute wollen das sehen“, sagte auch Horner. Bis zum großen Knall. Red Bulls Teamchef wollte keine Schuldanteile verteilen, „es tragen beide Verantwortung“. Dabei hatten sie noch am Vormittag zusammen gesessen und besprochen, dass dieses Szenario zu vermeiden sei: „Lasst Euch bitte Platz“, hätten die Piloten zu hören bekommen.

„Das ist leider nicht passiert.“ Insbesondere für Verstappen, für den es der dritte Rennunfall im vierten Grand Prix des Jahres war, wird der Rückstand auf Hamilton und Vettel erschreckend groß: 52 Punkte auf Hamilton, 48 auf Vettel, das ist eine Menge für einen, der im vergangenen Herbst bei Red Bull seinen Vertrag verlängert hatte, um mit dem Team Weltmeister zu werden. Schon im Frühjahr sieht es nicht danach aus, als sollte es 2018 so weit sein. Horner kündigte an, vor dem Rennen in Barcelona in 14 Tagen noch einmal mit seinen Fahrern sprechen zu wollen. „Aber wir wollen sie weiter gegeneinander fahren lassen.“ Und die Leute werden es nun erst recht sehen wollen.

Angesichts des kapitalen Schadens war der Spott der Konkurrenz nicht zu vermeiden. Von Wolff gefragt, was er nun mit den beiden Crash-Piloten tun würde, wenn er an Stelle von Horner und Red-Bull-Motorsportdirektor Helmut Marko wäre, sagte Niki Lauda im Motorhome von Mercedes: „Nach Hause gehen und weinen. Ein Desaster. Das hatten wir auch schon mal (als Hamilton mit seinem früheren Teamkollegen Nico Rosberg kollidierte/ d. Red.). Für mich hat zu 70 Prozent Verstappen Schuld und zu 30 Ricciardo.“

Einmal in Fahrt, plauderte Lauda noch aus dem Management-Handbuch für unbotmäßige Piloten: „Es ist ganz einfach. Ich würde sie ins Büro bitten und ihnen sagen, wie viel wir ihnen vom Gehalt abziehen für den Schaden, den sie verursacht haben. Darüber haben wir auch mal nachgedacht. Wir mussten es aber nicht anwenden.“ Horner fand Laudas Vorschlag wenig zielführend. „Niki ist vielleicht eher finanzorientiert als andere.“

Quelle: FAZ.NET
Christoph Becker
Sportredakteur.
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