Formel 1 in Austin

Lewis Hamilton – Der mit dem Wind tanzt

Von Christoph Becker, Austin
 - 02:34
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Gefragt, was ihn mit Amerika verbinde, gab der Mann, der gerade auf die 72. Pole Position seiner Formel-1-Karriere gefahren war, die Antwort, die vermutlich einem Großteil der Europäer eingefallen wäre. „Filme“, sagte Lewis Hamilton, hätten seiner Begeisterung für das Land auf der anderen Seite des Atlantiks geweckt, schon in Kindertagen, lange bevor er das erste Mal nach New York reiste, an seinem 17. Geburtstag.

Also griff Hamilton nach dem Qualifying zum Großen Preis der Vereinigten Staaten, er hatte gerade zweimal den Streckenrekord verbessert und Sebastian Vettel um 0,239 Sekunden auf Abstand gehalten, bei seiner Schwärmerei über den „Circuit of the Americas“ zu einem Vergleich, der überdeutliche Anleihen in Hollywoods Westernfundgrube nahm. „Der Wind macht es hier so herausfordernd. Gegenwind, Rückenwind, was für ein phantastischer Kurs. Es ist, als ob du permanent mit dem Wind tanzt.“

‚Der mit dem Wind tanzt‘ geht mit 59 Punkten Vorsprung auf Vettel ins Rennen (21.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1, bei RTL und Sky), und der Deutsche war am Ende eines schwierigen Tages froh, auf den Platz neben Hamilton gefahren zu sein. Seinen ersten Versuch im dritten Qualifikationsabschnitt hatte Vettel versemmelt. „Die Runde war schlecht, ich wusste, dass ich liefern musste, sonst wäre ich vielleicht nicht mal unter den besten Sechs gelandet. Aber ich wusste, was ich richtig machen musste. Und ich habe es richtig gemacht. Wir sind näher dran, als wir das für die Qualifikation erwartet hätten.“

Vettels Wochenende war schon bis zum Qualifikationsstart aufregend genug. Nach der völlig missratenen Asientour, dem Crash mit Teamkollege Räikkönen in Singapur, den technischen Problemen in Malaysia und dem Ausfall wegen einer defekten Zündkerze in Suzuka, setzten sich die Probleme auf der anderen Seite der Welt fort. Dreher im zweiten Training, Vettel klagte über ein Fahrgefühl „wie Wackelpudding“, die Ursache war nicht zu finden.

Anderthalb Stunden nachdem das zweite Freitagstraining beendet war, hatte Ferrari entschieden, das Chassis zu tauschen. Möglich, dass das ungute Fahrgefühl doch eine nicht entdeckte Auswirkung der Kollision in Singapur war, denn in diesem Chassis sollte Vettel eigentlich in Austin starten. „Das Team war phantastisch“, sagte Vettel nach dem Qualifying, „die Mechaniker hatten jetzt ein paar Wochenende in Serie mit Extraschichten und sie haben es geschafft, vor der Schließzeit fertig zu werden. Das war wieder ein neuer Rekordwechsel.“

Bei Mercedes dreht der Fahrer die Rekordrunden, bei Ferrari sind für Rekordzeiten im Moment die Mechaniker zuständig. Die Arbeit lohnte sich. Am Samstag startete Vettel im Chassis, mit dem er schon vor zwei Wochen in Suzuka unterwegs war. Schon im dritten Training am Samstagvormittag in Austin lief der SF70-H besser. Aber Vettel weiß: Im Rennen muss er an Hamilton vorbei, soll die kleine Hoffnung auf die Weltmeisterschaft, die er bei jeder Gelegenheit beschwört, erhalten bleiben. „Wir müssen gewinnen. Wir sind nicht in der Position, in der wir sein wollen, aber wir wollen die Chance nutzen.“ Hamilton sieht es so: „Die WM ist ein bisschen wie ein Schachspiel. Im Moment steht er im Schach.“

Dass die linke Startseite, auf der Vettel ins Rennen geht, weniger Grip bietet und deswegen einen Nachteil ist, wenn die Startampel erlischt, glaubt der Deutsche nicht. Wichtiger, wissen die Fahrer, wird sein, wie sie mit den Reifen an ihren Autos über die Runden kommen. Für die Rennzeit, 14 Uhr in Austin und damit zwei Stunden früher als das Qualifying, sind Sonne, aber kühlere Temperaturen als am Samstag vorhergesagt, als es über 30 Grad warm war. Wie „lebendes Gewebe“ verhielten sich die Reifen, meinte Hamilton. Vettel gefiel der Vergleich nicht. „Wir würden gerne noch mehr rausholen“, sagte der Deutsche.

Er muss raus aus dem Schach, Zug für Zug. Der erste: Vorbei an Hamilton, am besten am Start, spätestens auf der 56. und letzten Runde morgen. Sollte Hamilton siegen und Vettel würde nicht mindestens Fünfter, ist der Deutsche endgültig abgehängt. Hamilton fiel auf der Pressekonferenz nach dem Qualifying noch etwas ein, was ihm an den Amerikanern gefällt: „Sie mögen Sieger.“ Vettel schaute in diesem Moment starr geradeaus, auf einen Punkt weit hinten im Raum.

Qualifying zum Großen Preis der Vereinigten Staaten in Austin/Texas

Startaufstellung:

1. Startreihe: 1. Lewis Hamilton (Großbritannien) - Mercedes 1:33,108 Min.; 2. Sebastian Vettel (Heppenheim) - Ferrari 1:33,347

2. Startreihe: 3. Valtteri Bottas (Finnland) - Mercedes 1:33,568; 4. Daniel Ricciardo (Australien) - Red Bull 1:33,577

3. Startreihe: 5. Kimi Räikkönen (Finnland) - Ferrari 1:33,577; 6. Esteban Ocon (Frankreich) - Force India 1:34,647

4. Startreihe: 7. Carlos Sainz Jr. (Spanien) - Renault 1:34,852; 8. Fernando Alonso (Spanien) - McLaren 1:35,007

5. Startreihe: 9. Sergio Perez (Mexiko) - Force India 1:35,148; 10. Felipe Massa (Brasilien) - Williams 1:35,155

6. Startreihe: 11. Daniil Kwjat (Russland) - Toro Rosso 1:35,529; 12. Romain Grosjean (Frankreich) - Haas 1:35,870

7. Startreihe: 13. Marcus Ericsson (Schweden) - Sauber 1:36,842; 14. Lance Stroll (Kanada) - Williams 1:36,868

8. Startreihe: 15. Stoffel Vandoorne (Belgien) - McLaren 1:35,641 + 5 Plätze/Wechsel mehrerer Teile; 16. Pascal Wehrlein (Worndorf) - Sauber 1:37,179

9. Startreihe: 17. Kevin Magnussen (Dänemark) - Haas 1:37,394 + 3/Behinderung; 18. Max Verstappen (Niederlande) - Red Bull 1:33,658 + 15/Wechsel mehrerer Teile

10. Startreihe: 19. Nico Hülkenberg (Emmerich) - Renault - + 20/Wechsel mehrerer Teile; 20. Brendon Hartley (Neuseeland) - Toro Rosso 1:36,889 + 25/Wechsel mehrerer Teile

(dpa)

Quelle: FAZ.NET
Christoph Becker - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Becker
Sportredakteur.
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